09. August 2019, 21:41 Uhr

Archäologe im Einsatz

Wichtiger Fund in Bad Nauheim-Süd : Eifel-Vulkangestein

Kreisarchäologe Dr. Jörg Lindenthal ist Dauergast im Baugebiet Bad Nauheim Süd. In jede Grube, die dort ausgehoben wird, wirft er einen Blick, sucht nach interessanten Überbleibseln.
09. August 2019, 21:41 Uhr
Das Grundstück der städtischen Wohnungsbaugesellschaft hat sich für den Wetterauer Kreisarchäologen Dr. Jörg Lindenthal und seine Kollegen bei der Baubegleitung bislang als ergiebigste Fundstelle erwiesen. (Fotos: Nici Merz)

Geht es um das Baugebiet Bad Nauheim Süd, können Archäologen ins Schwärmen geraten. Denn das 17 Hektar große Gelände war seit der Jungsteinzeit vor 7000 Jahren offenbar durchgehend besiedelt. Die besonders fruchtbaren Böden der Wetterau wurden eben schon immer geschätzt. Den Steinzeit-Vorfahren folgten Kelten, Römer und Alemannen. »Die Besonderheit von Bad Nauheim ist, dass alle Kulturstufen präsent sind. Hier spielt sich unheimlich viel ab«, sagt Kreisarchäologe Dr. Jörg Lindenthal.

Aus allen Epochen haben er und Mitarbeiter der von ihm beauftragten Grabungsfirma bereits im Lauf des Jahres 2017 Erkenntnisse zutage gefördert. Die ursprüngliche Annahme, bei der großen Untersuchung des Baugebiets vor zwei Jahren würden keltische Überreste dominieren, erwies sich als falsch. Funde aus römischer (bis etwa 260 Jahre nach Christus) und alemannischer Zeit (3. bis 5. Jahrhundert) standen im Fokus. Vor allem im Westen des Neubaugebiets an der Homburger Straße erfuhren die Wissenschaftler einiges über die Lebensweise der Alemannen. Dieser Stamm der Germanen war den Römern gefolgt, die sich zuvor aus der Wetterau zurückgezogen hatten. »Über den Resten römischer Steinhäuser haben die Alemannen ihre Holzgebäude errichtet«, sagt Lindenthal.

Aktuell ist der Kreisarchäologe ständig im etwa sieben Hektar großen ersten Bauabschnitt östlich des Friedhofs zugange. Jeder Bauherr ist verpflichtet, ihm den Termin für das Ausheben der Grube mitzuteilen. Wenn die Baggerschaufel eine gewisse Tiefe erreicht hat, schaut Lindenthal genauer hin. In diesem Areal wurde 2017 nicht gegraben. »Weil der Deutergraben dort im Lauf der Jahrhunderte viel Sediment angeschwemmt hat, liegen die interessanten Schichten recht tief. Es wäre viel zu teuer gewesen, dort die gesamte Erde abzutragen«, erläutert er. Jetzt werden die Bagger im Auftrag der Bauherren tätig. Spektakuläre Funde gab es während der Baubegleitung bislang nicht. Zwei Münzen und etliche Scherben - zum Beispiel von 2000 Jahre alten Weinamphoren - sind aufgetaucht. Am ergiebigsten war laut Lindenthal das Grundstück, auf dem die städtische Wohnungsbaugesellschaft ein Mehrfamilienhaus errichtet. Dorthin wurde die Grabungsfirma beordert, es kam zu einer einwöchigen Pause bei den Bauarbeiten.

Hinweise auf römisches Marschlager

Die gewonnenen Erkenntnisse über die Siedlungsgeschichte dieser Gegend kann Lindenthal weiter vertiefen. So gilt als gesichert, dass die Römer in der augusteischen Zeit (um Christi Geburt) ganz im Norden des Gebiets (nahe Esso-Tankstelle) ein Marschlager für Legionen unterhielten. »Damals gab es ständig kriegerische Auseinandersetzungen. Möglicherweise hat das Lager länger existiert«, erklärt der Kreisarchäologe. Ein paar Meter weiter südlich habe damals eine sumpfige Niederung existiert, die nicht besiedelt war. Dort verlief damals der Deutergraben, der heute noch etwas weiter südlich zu finden ist. Jenseits dieser Niederung in Richtung Friedberg ließen sich ab Mitte des 2. Jahrhunderts römische Gutsbesitzer nieder. »Als die Römer im 3. Jahrhundert hinter den Rhein zurückgedrängt wurden, mussten auch diese Siedler weichen«, sagt Lindenthal.

Die aufsehenerregendste Entdeckung machte der Kreisarchäologe in einer Tiefe von rund 2,50 Meter. Dort stieß er auf eine etwa zehn Zentimeter dicke Schicht aus Vulkangestein. Überbleibsel der Eruption eines Vogelsberg-Vulkans? Weit gefehlt. Laut Lindenthal ist die Schicht »nur« 13 000 Jahre alt, damals waren die Vulkane im benachbarten Vogelsberg-Gebiet längst nicht mehr aktiv. »Dieses Gestein stammt aus der Eifel. Dort ist ein Vulkan regelrecht explodiert. Das hatte Auswirkungen auf weite Teile Europas«, berichtet der Wissenschaftler. Die Schicht aus Vulkangestein dürfte unter dem gesamten Baugebiet verlaufen.

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