04. Juli 2014, 12:54 Uhr

Naturkraft trifft Klangkunst

Ab heute findet versteckt auf dem Gelände der Prophetenmühle zwischen Nordeck und Londorf das dreitägige Hidden-Stage-Festival statt. Im Mittelpunkt steht das Thema Storytelling. Geschichten erzählen – das beschränkt sich hier nicht auf das reine gesprochene Wort, sondern schließt das Lied mit und ohne Worte, das stehende und bewegte Bild ebenso ein wie die Begegnungen unter den Besuchern.
04. Juli 2014, 12:54 Uhr
(Foto: khn)

Dieser Name ist einfach zu gut. Als ob man ihn hätte erfinden müssen für dieses Stück Land, das die Fantasie herausfordert, kitzelt. Und dann diese Stille. Sich anstrengen und den Alltagslärm ausblenden muss hier niemand. Aber wer genau hinhört, kann der Natur lauschen – in all ihren Facetten. Hier ist Platz für Gedanken und freie Geister. Die Prophetenmühle liegt zwischen Nordeck und Londorf und ist ein Stück künstlerisches Kleinod im Lumdatal. Hier leben Werner Cee und Bettina Obrecht. Die Gießener Allgemeine Zeitung hat das Paar in der Prophetenmühle besucht.

Wer von der Landstraße aus Richtung Nordeck kommend nach Londorf fährt, kann das Anwesen von der Straße aus nicht sehen. Noch nicht einmal ein Straßenschild weist auf den Prophetenmühlenweg hin. Der Routenplaner von Google-Maps kennt die Straße gar nicht, Etabliertere schon. Am Ende des Wirtschaftsweges steht dann wie unvermittelt ein altes Gehöft mit mehreren Gebäuden: die Prophetenmühle. Davor ein Baum mit Loch, jede Menge Felder und Bäume. Das Auto hält auf dem Hof, direkt neben einem fahrbaren Rasenmäher. Eine Katze lümmelt sich auf dem Kopfsteinpflaster, reckt kurz den Kopf, drückt wieder die Augen zu.

Obrecht kommt aus einem der Gebäude, lächelt, ihre wachen Augen strahlen. Sie bittet den Gast, die Treppe hinauf ins Studio zu kommen. Zusammen mit Cee wohnt sie hier seit sechs Jahren. Ihre vorherigen Stationen: Friedberg, Heuchelheim und Gießen. Nun in Allendorf/Lumda. Aber irgendwie wiederum nicht, denn es ist Niemandsland, freies Land. »Wir haben einen Ort gesucht, der unsere Fantasie anregt«, sagt Cee, »wo wir Musik machen, arbeiten können und unsere Ruhe haben.« Er macht Klangkunst und Hörspiele, sie ist Kinder- und Jugendbuchautorin, Übersetzerin. Beide machen Radio.
 
Alles, nur kein Bullerbü
 
Mitten ins Dorf wollten sie nicht ziehen, »sondern an einen besonderen Ort, der für sich spricht«, erzählt Obrecht. Im Internet werden sie fündig – nach langer Suche. Als sie die Besichtigung schnell abbrechen und dem Makler sagen: »Das kaufen wir«, reagiert der skeptisch. »Wir waren ihm wohl suspekt, weil wir uns so schnell entschieden haben«, sagt Obrecht und lacht. Trockener Kommentar von Cee: »Wir haben den Rundgang eben knapp gehalten. « Ursprünglich gab es hier – wie der Name schon sagt – eine Mühle, und einer der Vorbesitzer hieß Prophet. Später war es ein landwirtschaftlicher Betrieb mit 70 000 Quadratmetern Fläche. Doch die Vorbesitzer, ein älteres Ehepaar, habe das nicht mehr stemmen wollen oder können. Übernommen haben Obrecht und Cee »nur« 17 000 Quadratmeter.

Warum sucht das Paar diese Ruhe? »Arbeit ohne Ablenkung, ohne in einer Mönchszelle zu leben«, sagt Obrecht. »Nur die Kraft der Natur um uns herum.« Wobei es nicht immer Kräfte sind, die gelegen kommen. Cee denkt an Unkraut und Wildschweinhorden, die Gefallen an der Prophetenmühle gefunden haben. Oder die Feldmäuse, die zahlreiche Löcher in den großen Garten gebuddelt haben und am helllichten Tag umherflitzen. Ist ja nur eine Katze, die  wacht; und die kann nicht ständig fressen. Obrecht sagt: »Man ist eben auch da.«

Die 50-Jährige schreibt seit 20 Jahren Kinder- und Jugendbücher. Wirkt sich die ländliche Idylle auf die Inhalte aus? Alles Bullerbü? Cee muss lachen, bevor er  zu Obrecht sagt: »Das Klischee von Pferdchen und Mädchen hast Du noch nie bedient.« Das Leben auf dem Land, betont sie, habe auch andere Seiten – vor allem für Kinder und Jugendliche. Sie spricht das Thema Mobbing an. »Als junger Mensch muss man sich mit diesem ganz speziellen Umfeld arrangieren.« Dafür ist es die Stimmung in der Abgeschiedenheit, die Obrecht in ihren Romanen aufnimmt. Zum Beispiel merke man es ihren Büchern an, in welcher Jahreszeit sie geschrieben seien. Oder sie lässt sich vom Alltag inspirieren. In einer Hexen-Geschichte wird ein Widersacher des Mädchens in eine Nacktschnecke verwandelt. »Die sind meine natürlichen Feinde hier«, sagt sie. Bei all der Themenvielfalt: Authentisch müsse es schon sein, deshalb könne sie keine Großstadtromane schreiben, sagt Obrecht.

Auch für den Klangkünstler Cee ist das Domizil ideal. Er müsse keine Motoren und Menschen ausblenden, müsse sich gegen den täglichen Krach nicht wehren, sondern höre ganz anders auf die Umgebung. Den Stadtstress ausgeblendet, seien seine Stücke in den vergangenen Jahren langsamer, weniger hektisch geworden. Und nicht zu vergessen die Produktionsbedingungen: »Ich muss nicht in ein Studio gehen, sondern kann hier alles selbst produzieren oder eine Band einladen, und dann spielen wir so viel und so lange wir wollen.«

Das Paar der Prophetenmühle liebt die Ruhe und Abgeschiedenheit, die Magie, die dieser Ort ausstrahlt. Aber verstecken wollen sich die beiden nicht. Obrecht liest zum Beispiel bei den Landfrauen, beim Gesangverein Teutonia oder in Schulen. Dennoch haben die beiden das Gefühl, dass viele ihnen gegenüber zurückhaltend sind. »Viele wissen nicht, was wir hier machen, wer wir sind«, sagt der 60-Jährige. Obrecht und Cee sind zum Beispiel die Köpfe des Festivals »Hidden Stage«, das im Rahmen des Kultursommers Mittelhessen 2013 Premiere gefeiert hat. In entspannter Atmosphäre spielten auf dem Gelände der Prophetenmühle international bekannte Klangkünstler ihre Stücke, lauschten die Besucher Klanginstallationen. In diesem Jahr wird das Festival fortgesetzt, und zwar von Freitag, 4., bis Sonntag, 6. Juli (siehe unten). Menschenmassen werden nicht erwartet. Darum geht es den Machern aber auch nicht. »Es ist eine gute, entspannte Stimmung, ein interessiertes, offenes Publikums«, sagt Cee. »Hidden Stage« sei ein Forum, ein Treffpunkt an einem besonderen Platz.
 
Festival für die Region
 
Das Paar will das Festival nicht für sich organisieren, »sondern für die Region«. Die Organisation ist anstrengend, der Gewinn liegt bei plus minus null. Viele Künstler aus dem In- und Ausland nehmen zum Beispiel nur symbolische Honorare an, manchen genügt nur Kost und Logis, um dabei sein zu können. Denn die Atmosphäre des Ortes hat sich in der Klangkunstszene herumgesprochen. Manche sind Wiederholungsgäste. »Gerade das«, sagt Cee, »trägt zur besonderen Atmosphäre bei. « Auch die Möglichkeit, sofort mit den Künstlern zwanglos ins Gespräch zu kommen. Ohne Helfer, betonen Cee und Obrecht, sei das alles nicht möglich. Die Finanzspritze über den Kultursommer Mittelhessen, Freunde, die beim Aufbau mit anpacken und natürlich Künstler, die auf ein Honorar verzichten. Der Hessische Rundfunk unterstützt das Paar technisch.

Ein Spaziergang auf dem Festivalgelände. Es geht hinaus auf ein freies Feld, auf dem die Mäuse die Macht haben. Kleine Löcher, Tunnel, flitzende Tierchen. Platz ist hier reichlich. Eingefasst ist das Areal von hohen Bäumen. Es ist ein natürlicher Konzertraum. Das Plätschern eines Baches ist zu hören, nur zu sehen ist er nicht. Alles zugewachsen. Cee grinst, als er sagt: »Den Weg müssen wir noch freischneiden.« Denn dort soll es eine Unplugged-Erzählecke geben. Der Weg um das Gebäude herum führt zu Obtsbäumen. Hier, erzählt der 60-Jährige, soll es internationale Hörspiele und Audiovisuelles geben. Und im Studio ist eine Live-Vertonung eines Filmes geplant. »Es wird ein dezentrales Festival«, sagt Cee. Jeder sucht sich seinen Platz. Und der ist ausreichend vorhanden.
Der ländliche Raum wird abgewickelt, heißt es oft. Die Landflucht werde ein immer größeres Problem, wird geklagt. Das Prophetenmühlen-Paar setzt unbewusst ein Zeichen gegen diesen Trend. »Hier gibt es eine gute Infrastruktur, man bekommt alles, was man braucht«, sagt der 60-Jährige, und mit einem Lächeln fügt Obrecht hinzu: »Es ist einfach, hier zu leben.« Kays Al-Khanak

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An drei Tagen findet das zweite Hidden-Stage-Festival auf dem Gelände der Prophetenmühle statt. Im Mittelpunkt steht das Thema Storytelling. Geschichten erzählen – das beschränkt sich hier nicht auf das reine gesprochene Wort, sondern schließt das Lied mit und ohne Worte, das stehende und bewegte Bild ebenso ein wie die Begegnungen unter den Besuchern. Auf dem weitläufigen Gelände der Mühle wuchern Geschichten wie Unkraut, kaum zu bändigen, nicht zu überblicken, manche mit heilenden Kräften, andere eher lästig.

Am Freitag, 4, Juli, gibt es von 18 Uhr bis Mitternacht auf dem Gelände der Prophetenmühle Filme zu sehen und Hörspiele zu hören. Das weitere Programm mit internationalen Hörspielen – unter anderem aus China, Rumänien und Ukraine –, Musik, Lesungen und Filmen startet am Samstag, 5. Juli, um 14 Uhr (Ende gegen Mitternacht) und am Sonntag um 10 Uhr. Endgültig Schluss ist gegen 14 Uhr. Ein musikalischer Höhepunkt ist der Musiker Youssef Nassif, ein syrischer Kanunspieler, der am Samstag spielen wird; der Kontakt ist über die Phantastische Bibliothek Wetzlar zustande gekommen. Außerdem Norbert Grossmann, Pianist aus Darmstadt, der drei Tage lang anwesend sein wird.

Klangkunst machen das Duo Merzouga aus Köln (Samstag), Folkmar Hein aus Berlin (Freitag bis Sonntag), Lasse-Marc Riek/Label Gruenrekorder aus Frankfurt (Samstag). Literarische Programmpunkte liefern Nikola Huppertz aus Hannover (Freitag bis Sonntag); Werner Fritsch aus Berlin (Samstag, Sonntag) und Peter Pannke – ebenfalls aus Berlin (Freitag bis Sonntag). Und aus der Hörspielszene anwesend sind die Berliner David Mairowitz (Samstag) und Evelyn Dörr (Freitag bis Sonntag).
Unterstützt wird das Festival vom Kultursommer Mittelhessen, HR2 Hörspiel Frankfurt und der Phantastische Bibliothek. Rudimentäres Zelten ist möglich; wer will, meldet sich an. Informationen gibt’s im Netz: www.prophetenmuehle.de. (khn)

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