11. Mai 2009, 19:46 Uhr

Glücksfälle: Reformation und Umzug eines Orthopäden

Grünberg (tb). Alle Indizien sprechen dafür: Nur dank des Zusammentreffens gleich mehrerer Glücksfälle - von der Reformation bis zu so profanen Dingen wie dem Umzug eines Orthopäden - ist in Grünberg ein seltenes Beispiel christlicher Ikonographie noch zu sehen: das Wandbild der »Gregorsmesse« im ehemaligen Antoniterkloster, eine der seltenen Darstellungen der Christuserscheinung Papst Gregors.
11. Mai 2009, 19:46 Uhr
Erhellendes bietet der Band auch zum Grundriss der Präzeptorei Grünberg; links die Sakristei, dort findet sich die »Gregorsmesse«.

Grünberg (tb). Alle Indizien sprechen dafür: Nur dank des Zusammentreffens gleich mehrerer Glücksfälle - von der Reformation bis zu so profanen Dingen wie dem Umzug eines Orthopäden - ist in Grünberg ein seltenes Beispiel christlicher Ikonographie noch zu sehen: das Wandbild der »Gregorsmesse« im ehemaligen Antoniterkloster, eine der seltenen Darstellungen der Christuserscheinung Papst Gregors. Ein unbekannter Meister hatte sich, wohl Ende des 15. Jahrhunderts, in der Sakristei der einstigen Klosterkirche ans Werk gemacht, um das wundersame Geschehen auf trockenen Putz zu bannen: Sein Motiv war die wunderbare Erscheinung Jesu, die der hl. Gregor der Große während einer Eucharistiefeier ums Jahr 600 in der Kapelle von Santa Croce in Rom gehabt haben soll. Der Erscheinung nahmen sich über Jahrhunderte hinweg viele Künstler an - auch in der rund 1300 Kilometer entfernten kleinen Stadt auf dem grünen Berge. Von der »Gregorsmesse« und anderen Wandmalereien in der ehemaligen Generalpräzeptur der Antoniter zu Grünberg handelt Band III der »Veröffentlichungen aus dem Museum im Spital Grünberg«.

Im Museum wurde soeben der jüngste Band der Reihe mit dem Titel »Die Wandmalereien in der ehemaligen Generalpräzeptorei der Antoniter zu Grünberg« vorgestellt. Dass auf den 48 Seiten ein wichtiges Thema der Stadt- und Klostergeschichte Grünbergs behandelt werde, das wurde bei dieser Gelegenheit von mehreren Seiten betont.

Bürgermeister Frank Ide würdigte zunächst das Wirken des Freundeskreises Museum (FMK), diesmal für Vermarktung und Herausgabe verantwortlich: »Ohne dessen Unterstützung wäre die Veröffentlichung nicht möglich gewesen.« Dank galt nicht zuletzt den Autoren: der Kunsthistorikerin Dr. Esther Meier (Marburg) sowie den Restauratoren Barbara Dietz (Gonterskirchen) und Karl Bernd Beierlein (Berlin).

»Ein Indiz für die Bedeutung Grünbergs im späten Mittelalter gesichert«

Den Worten Ides schloss sich FMK-Vorsitzender Wolfgang Hofheinz an und schloss auch jene ein, die als Redaktion die Neuerscheinung unterstützten: Museumsleiterin Karin Bautz, Dr. Holger Th. Gräf und Ekart Rittmannsperger. Hofheinz versicherte das Bestreben der Museumsfreunde, auch fürderhin historisch beachtenswertes Wissen über Grünberg aufschreiben und für die Nachwelt erhalten zu wollen. In Planung ist bereits ein historisches Kochbuch. Mögliches Thema eines weiteren Bandes nannte FMK-Mitglied Gräf: die »Grünberger Wasserkunst«.

Siegbert Damaschke, zweiter Vorsitzender der Museumsfreunde, stellte das Verdienst Rittmannspergers heraus: Der habe als Eigner des heutigen Schlosses den Zugang zu dem Kleinod geschaffen, habe dessen Restaurierung vor zwei Jahren gemeinsam mit der Denkmalpflege finanziert (Glücksfall I: 2007 war die Malerei, 30 Jahre hinter einer Bleiwand im Röntgenaum einer Arztpraxis verborgen, wieder ans Tageslicht gekommen. Grund war der Auszug des Orthopäden - von der Öffentlichkeit kritisch begleitet, wurde so jedoch die Restaurierung möglich). Wieder Damaschke bat zu beachten, mit der Bewahrung der »Gregorsmesse« werde zugleich ein Indiz für die »Bedeutung Grünbergs im späten Mittelalter« gesichert. »Vielen ist gar nicht bewusst, wie geschichtsträchtig unsere Stadt ist.« Die Verlegung wichtiger Verkehrswege nannte er als einen der Gründe für folgenden Bedeutungsverlust.

Den »Glücksfall« aus kunsthistorischer Warte sprach Museumsleiterin Karin Bautz an. Sei doch diese Malerei eine von bisher nur 28 bekannten und erhaltenen »Gregorsmessen« im gesamten deutschsprachigen Raum. Zumal, so ergänzte Dr. Gräf, solcherart Secco-Malereien viel seltener erhalten blieben als Frescos (Farben in noch feuchten Putz eingewirkt). Weiterer Glücksfall, so der Historiker mit einem Schmunzeln, sei die Reformation gewesen: Ohne die Säkularisierung, die Aufhebung der Klöster, wäre gewiss eines Tages ein italienischer Stukkateur gekommen, hätte die »Gregorsmesse« mit einem bunten Barockbild übermalt. So aber blieb ein Werk erhalten, das wie andere dieser Zeit mit mittelalterlicher Frömmigkeit spielt bzw. diese anspricht, wie andere sich an Illiteraten wende - »aber doch mit einem speziellen Bildthema.« Wieder Bautz betonte das Anliegen, auch die Arbeit der Restauratoren zu zeigen.

Zum Buch: In ihrem Beitrag »Die Wandmalerei in der ehemaligen Generalpräzeptorei der Antoniter zu Grünberg« bietet Kunsthistorikerin Esther Meier einen Überblick über die Wandmalereien des Kirchengebäudes nach der Wiedererrichtung Ende des 14. Jahrhunderts. Ausführlich stellt sie das Bildprogramm im Chor der ehemaligen Kirche vor, stellt dabei den Apostelzyklus mit elf Figuren in Beziehung zu den Antonitern in Grünberg. Mit der »Gregorsmesse« wählten diese ein äußerst populäres sakrales Bildthema des späten Mittelalters für den Bereich der Sakristei. Auch lassen sich hier die Veränderungen der kirchenpolitischen Situation Ende des 15. Jahrhunderts ablesen. Die Autorin geht im Weiteren auf andere bekannte Abbildungen von »Gregorsmessen« ein. Auf 31 Textseiten und weiteren sechs Seiten mit Abbildungen in Schwarz-Weiß und Farbe geht sie auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit und zu »Grünberge« ein.

Auch Arbeit der Restauratoren erläutert

Die bei der Freilegung und Restaurierung tätigen Restaurateure Barbara Dietz und Karl Bernd Beierlein stellen in ihrem Aufsatz den Befund und die Arbeitsweise bei der Freilegung vor. Sie gehen auf die Maltechnik und die verwendeten Farbmittel ein, beschreiben detailliert die vorgefundenen Schäden. Farbabbildungen von Ausschnitten der Malerei ergänzen den Bericht.

8»Die Wandmalereien in der ehemaligen Generalpräzeptorei zu Grünberg« gibt’s zum Preis von 7,80 Euro im »Museum im Spital« und in der Grünberger Buchhandlung Reinhard (für FMK-Mitglieder 5,80 Euro, nur im Museum).

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