11. September 2012, 17:53 Uhr

Im November eröffnet in Grünberg das »Demenz-Cafe«

Grünberg (tb). In mehreren Kreisgemeinden gibt es dieses ambulante Betreuungsangebot bereits – in Grünberg demnächst: Im November soll das vom Seniorenbüro initiierte »Demenz-Cafe« eröffnen. In geschütztem Rahmen zwar, sollen die Betroffenen »mal einen ganz normalen Nachmittag« erleben dürfen.
11. September 2012, 17:53 Uhr
Rund 1,4 Millionen Deutsche leiden unter Demenz. Laut Berechnungen der Organisation »Alzheimer Europe« sind von den 65- bis 69-Jährigen erst 1,6 Prozent betroffen, von den 80- bis 84-Jährigen rund 16, von den über 90-Jährigen sogar 41 Prozent. Mit einem »Demenz-Cafe«, initiiert vom Seniorenbüro, soll nun auch in Grünberg Betroffenen einmal die Woche ein »ganz normaler Nachmittag« mit Bewegung, Spiel und Musik geboten werden. (tb/Foto: Archiv)

Mit der steigenden Lebenserwartung einher geht auch hierzulande die Zunahme von Demenzpatienten. Laut Berechnungen der Organisation »Alzheimer Europe« leiden aktuell rund 1,5 Millionen Menschen unter dem Krankheitsbild. Von den 65- bis 69-Jährigen sind nur 1,6 Prozent betroffen, von den 80- bis 84-Jährigen schon rund 16, von den über 90-Jährigen aber sogar 41 Prozent.

In vielen Familien gehört die oftmals belastende Pflege alter Menschen, die in ihrer eigenen Welt versunken sind, zum Alltag. Im Raum Grünberg gibt es – wie andernorts – eine Selbsthilfegruppe von Angehörigen, bei den Treffen im Laubacher Stift können sie wenigstens ein paar Stunden ausspannen, ist doch eine Betreuung der Umsorgten gewährleistet. Während hier der Fokus auf die Pflegenden gerichtet ist, zielen »Demenz-Cafés« auf die Betroffenen selbst: Wenn auch in einem geschützten Rahmen, sollen sie dort »mal einen ganz normalen Nachmittag« erleben können.

Entstanden ist die Idee im Seniorenbüro Grünberg in Trägerschaft des Diakonischen Werks. Wie dessen Leiterin Beate Herdejost bei der Vorstellung des Projekts in den Räumen des Pflegdienstes »MoBi« erklärte, gab es immer wieder mal Nachfragen von Angehörigen. Im Sinne von: »Wie schön wäre es, gäbe es auch in unserer Gemeinde einen solchen Treffpunkt, mit Unterhaltungs- oder Bewegungsangeboten, die auf die Bedürfnisse der dementiell Erkrankten abgestimmt sind.« Dass jedoch auch ein »Demenz-Café« – so wie anderer Einrichtungen der Diakonie (vor allem die »Tafel« ist da zu nennen) – ohne Ehrenamtliche nicht zu schultern wäre, das war von Anfang an klar. Aber auch, dass es einen professionellen Partner braucht.

Pflegedienst als Partner gewonnen

Herdejost und ihre Mitstreiter schauten sich zunächst in anderen »Cafés« um; vor allem in Pohlheim, ebenso in Trägerschaft der Diakonie. Von Februar 2012 an erschienen dann die Aufrufe in der Presse: »Gesucht werden Menschen mit Interesse an einer Schulung!« Bald gefunden war der Partner: der Pflegedienst »MoBi« in Trägerschaft des Vereins »Aktives Leben im Alter e.V« (auch Betreiber des Altenheims). In der Lauterer Straße 11 unterhält der Dienstleister unter anderem eine Tagespflegeeinrichtung, verfügt schon von daher über Erfahrungen mit der Betreuung dementer Menschen.

Wie »MoBi«-Pflegedienstleiterin Carmen Scharmann erklärte, wird ihre Mitarbeiterin Jennifer Kneissl als hauptamtliche Fachkraft das Café leiten. Das wird in der Lauterer Straße 11 angesiedelt sein. Neben dem Raum, in dem man sich zu Kaffee und Kuchen, zum Reden, Musik hören, Spielen oder Singen trifft, steht ein zweiter für Bewegungsangebote zur Verfügung. Bewegung wird hier grundsätzlich großgeschrieben: So oft als möglich sollen Spaziergänge in die Umgebung führen. »Mentales Training« bildet den zweiten Schwerpunkt. Zu nennen ist da vor allem sogenannte »Erinnerungarbeit«: Alltägliche Gegenstände aus der Jugend der Demenzkranken, zum Beispiel eine handbetriebene Kaffeemühle, werden als Anreiz genutzt, die Menschen aus ihrer Isolation herauszuholen. Herdejost zu den Erfahrungen anderer »Demenz-Cafés«: »Das Zusammensein mit Gleichaltrigen bietet vielmals neue Anregungen für die Betroffenen, es kommt vor, dass sie wieder zu sprechen anfangen.«

Den richtigen Ton, die richtige Ansprache zu finden im Umgang mit Demenzkranken, auch geht es bei der Schulung der bislang 16 Ehrenamtlichen. Auf sieben Termine verteilt, beginnt diese am Mittwoch, 12. September (einige wenige Plätze sind noch frei, Interessenten melden sich beim Seniorenbüro Grünberg, Tel. 0 64 01/22 31 14 14 ). Kostenlos ist die Schulung nicht, wer später im Café mitarbeitet, erhält die Kursgebühr aber zurück

Zum Kreis der (bisher) 16 Ehrenamtlichen zählt auch Gerhard Becker. Er warb für weitere Teilnehmer und warnte vor Befürchtungen des Überfordertseins: »Es reicht, wenn man ein gewisses Maß an Empathie mitbringt.«

Musik oft ein Anknüpfungspunkt

Mit allen Angehörigen werden vor dem ersten »Café-Besuch« Biographie-Gespräche geführt. Dabei hofft man auch, Anknüpfungspunkte für Aktivitäten und Gespräche zu finden. Oft ist es die Musik. Carmen Scharmann gab dazu eine Erfahrung aus ihrer Arbeit mit demenziell Erkrankten in der Tagespflege wider: »Es kommt vor, dass ihnen der Text eines alten Liedes einfällt, auch wenn sie nicht mal mehr wissen, dass ein Löffel dazu da ist, Suppe zu essen.«

Das »Café« soll im November eröffnen, immer mittwochs von 15 bis 18 Uhr. Zunächst mit vier bis fünf Gästen, betreut von bestenfalls ebenso vielen Ehrenamtlichen und der Fachkraft. Willkommen ist jeder, unabhängig von der Schwere der Erkrankung. Mangels Vorkehrungen im Gebäude Lauterer Straße 11 ist es allerdings nicht möglich, Menschen mit »Weglauftendenzen« einzuladen.

Betreuungskosten übernimmt Kasse

Die Kosten der Betreuung werden von den Pflegekassen übernommen. Die zahlten inzwischen für Maßnahmen der Alltagsstrukturierung, wie Scharmann erklärte (Infos und Anmeldung unter Tel. 0 64 01/91 09 0).

Am Ende des Pressegesprächs warb nochmals Trautel Schomber-Becker, sie engagiert sich schon lange im Seniorenbüro, für ein Mittun bei der neuen Einrichtung. Was die Erwartungen an das »Café« betrifft, bat sie nur dies zu bedenken: »Wenn nur ein kleiner Moment emotionaler Wärme ermöglicht wird, so haben wir das Ziel schon erreicht.«



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