20. Januar 2016, 10:53 Uhr

»Wird sich gekümmert, gibt’s kein Problem«

Grünberg (tb). Seit Oktober 2014 betreibt der Stangenröder Karl-Otto Sauer eine Gemeinschaftsunterkunft mit 36 Flüchtlingen. »Probleme gab’s nie, für solche kleine Einheiten braucht es keine Security«, ist eine seiner wesentlichen Erfahrungen.
20. Januar 2016, 10:53 Uhr
»Auch ich hatte anfangs etwas Angst, jetzt gehören die Flüchtlinge schon fast zur Familie« – Vermieter Karl-Otto Sauer mit Tochter Melanie und dem jungen Syrer Sawjan. (Foto: Thomas Brueckner)

Die bisherigen Infoabende zu den Flüchtlingsunterkünften in Grünberg und auch anderswo verliefen in unaufgeregter Sachlichkeit. Mitsamt der spürbaren Bereitschaft zur Solidarität mit den Flüchtlingen. Sind diese doch zum ganz überwiegenden Teil vor Krieg, Diktatur oder Hunger geflohen (laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge stellen aktuell Syrer, Iraker und Afghanen 74,5 Prozent der Asylbewerber).

Fakten, die die Behörden auch für den hiesigen Raum bestätigen. Und ebenso, dass es – was die inzwischen immerhin 35 Gemeinschaftsunterkünfte (GU) im Landkreis Gießen angeht – zu keinen nennenswerten Problemen gekommen sei.

»Die Kinder sagen Opa zu mir«

Nach den Übergriffen von Köln – begangen vor allem von lange illegal in Deutschland lebenden, häufig bereits zuvor kriminellen Nordafrikanern – scheint alles anders: Das zeigte sich am Freitag erstmals in dieser Schärfe bei der Bürgerversammlung in Lumda: Lautstarke, teils schmähende Kritik, unwahre oder unbelegte Behauptungen sexistischer Anmache auch in Grünberg, verbreitet über »soziale« Medien, rasanter Anstieg der Kriminalität in Gießen und, und, und.

Eine Frau griff das Thema auf: Sie sorge sich, seien doch die Wohncontainer in Queckborn nahe der Kita geplant. »Ich habe Verständnis für Ihre Ängste, aber wir sind nicht in Köln«, mahnte Landrätin Anita Schneider zu Besonnenheit und differenzierter Betrachtung. »Sie sollten nicht unterstellen, dass Menschen kommen, die Böses wollen.«

Bestätigt wird das von einem, der Tag für Tag mit Flüchtlingen zu tun hat: Der Stangenröder Karl-Otto Sauer betreibt seit anderthalb Jahren eine GU mit maximal 36 Flüchtlingen. Wie er im Gespräch mit der Allgemeinen vorausschickt: »Auch ich hatte anfangs etwas Angst, inzwischen gehören einige der Flüchtlinge fast schon zu meiner Familie. Die Kinder nennen mich alle ›Opa».« So wie die kleine Jamila aus Äthiopien. Wie Safwan, ein Lehrer aus der vom Krieg zerstörten syrischen Stadt Idleb, übersetzt, hat die Familie eine mehrjährige Odyssee hinter sich: Von Äthiopien über den Sudan nach Libyen, mit dem Boot nach Italien, weiter nach Deutschland, schließlich landeten sie in Stangenrod. Ob Jamila Herrn Sauer tatsächlich »Opa« nennt, lässt sich nicht überprüfen: Vom Besuch bekommt die Dreijährige nichts mit, sie gönnt sich gerade einen tiefen Nachmittagsschlaf.

Klar, so wieder Sauer, auch in seinem Heimatort habe es Vorurteile gegeben. »Als mal im Feld Müll brannte, hieß es: ›Das waren bestimmt die Flüchtlinge».« Doch zogen die ersten erst am 21. Oktober 2014 ein, da war das Feuer schon eine Woche aus. Was für den Landmaschinenmeister gilt, gilt nach seiner Einschätzung auch für die Masse der Stangenröder: »Sie haben inzwischen viele der Menschen kennengelernt, und ganz viele habe ihre Meinung geändert.«

Erleichtert wird der Abbau diffuser Ängste vor fremden Menschen freilich durch die hier noch sehr dörflichen Strukturen: Wie Sauer erzählt, laufen die Kinder durch die Straßen, schauen sich bei Nachbarn um, »erst recht wenn der Hasen hält«, lernen sich die Älteren beim Fußball am Sportplatz kennen.

Jeden Tag ist Sauer oder seine Tochter Melanie in der Unterkunft in Rufweite des eigenen Wohnhauses, oft auch mit dem kleinen Enkel. Nie habe er dabei ein ungutes Gefühl gehabt. »Die Leute sind nicht schlechter als deutsche Mieter, oft sogar besser. Sie putzen, kochen, schippen Schnee.« Sauer trägt Hut. Und hat den, so formuliert es treffend die Tochter, auch auf. Will sagen: Er wird als Respektperson wahrgenommen. Wenn mal was nicht so läuft, wie es sein soll, etwa das Licht nächtelang gebrannt hat, gebe der Vater Bescheid – »und es läuft.«

Wie in allen 35 Gemeinschaftsunterkünften im Kreis, gibt es auch in Stangenrod keine Security. Forderungen nach einem Sicherheitsdienst – wie es sie bei großen Unterkünften gibt und nun in Lumda, aber auch in Reiskirchen erhoben wurden – kann Sauer nicht nachvollziehen. »Das braucht man bei solch kleinen Einheiten nicht. Bei uns ist noch nie etwas passiert. Wird sich gekümmert, gibt’s keine Probleme.« Dass es daran bei anderen Heimen schon mal mangele, fügt Sauer an. Und: »Persönliche Bindung, das ist das A und O«.

Sprachtreff in Privatwohnung

Die Kritik, er könne nicht glaubwürdig sein, schließlich verdiene er Geld mit den Flüchtlingen, kennt Sauer zur Genüge. Auch er hat natürlich ein wirtschaftliches Interesse, auch ihm überweist der Kreis acht Euro je Person und Tag. »Davon muss ich aber allein 10 000 Euro Stromkosten im Jahr bezahlen, plus Heizung etc. Und wer denkt schon an die Baukosten.« Ein Geschäft sei das nicht.

Zumal: Beide Sauers machen mehr als »nur« den Hausmeister. Fahrdienste zum Einkaufen – »in der Regel erledigen die das selbst mit dem Fahrrad« –, Besorgen von Bettwäsche, Geschirr seien hier genannt.

Lob für das Engagement der Vermieter und Betreiber gibt’s auch von den Grünberger Flüchtlingshelfern. »Anfangs, als noch nicht die Alte Schule bereitstand, konnten wir in seinen Privaträumen unseren Sprachtreff abhalten, der die Deutsch- und Integrations- kurse in Gießen ergänzt«, unterstreicht Ehrenamtler Reinhard Ewert. Und so erwarben unterm Dach der Vermieter Äthiopier und Eritreer erste Kenntnisse der deutschen Sprache. Der junge Syrer Sawjan ist da schon viel weiter, hat sich, auch dank der täglichen Gespräche mit den Sauers, schon einen erstaunlichen Wortschatz im Deutschen erworben – wer genau aufpasst, der bemerkt sogar einen leichten oberhessischen Akzent.

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