28. September 2015, 19:03 Uhr

»Erschießt mich doch einfach«

Gießen (srs). Auf einen Mann zwischen Zusammenbruch und gewaltsamer Entladung traf die Polizei am Abend des 5. Februar auf offener Straße in Hungen. Der 45-Jährige lief um sein Haus herum. »Erschießt mich doch einfach«, rief er. Mit voller Wucht schlug er gegen das Fenster eines Autos – und zertrümmerte die Scheibe. Der Fall wurde am Montag am Amtsgericht verhandelt.
28. September 2015, 19:03 Uhr

Es benötigte die vereinte Kraft von vier Polizisten, um den 45-Jährigen schließlich niederzuringen und mit Hilfe von Hand- sowie Fußschellen zur Ruhe zu bringen. Blessuren an Kopf, Armen und Fingern erlitten die Beamten durch den sich wild wehrenden Hungener. Jetzt musste sich der Mann am Gießener Amtsgericht verantworten. Er hat eine Geldstrafe in Höhe von 1500 Euro zu zahlen.

»Ich war ganz woanders«, sagte der Angeklagte vor Gericht. »Ich war geistig nicht zurechnungsfähig.« Zu seinem Haus in einem Hungener Stadtteil war an jenem Februarabend die Polizei gerufen worden, weil der Familienvater offenbar seine Frau geschlagen hatte. »Mir sind die Sicherungen durchgegangen«, sagte er am Montag. Eine mögliche Trennung und hohe Schulden hätten ihn in Panik versetzt.

Als Zeuge sagte ein 57-jähriger Polizist aus. Als er damals den mit Selbstmord drohenden, eine Autoscheibe zerschlagenden Hungener gesehen habe, habe er gedacht: »Hier kracht’s gleich.« Zunächst habe er versucht, »mit Engelszunge« auf ihn einzureden. Am Ende hätten den Mann aber vier Polizisten gemeinsam überwältigen müssen.

Ein Nachbar des Angeklagten sagte gestern vor Gericht aus, die Maßnahme der Beamten »sah überzogen aus«. Einen solchen Vorwurf gegen die Polizei erhob allerdings selbst der Angeklagte in seiner Aussage nicht.

Die Polizisten erlitten blaue Schwellungen an Fingern, Schmerzen an Ellbogen und Schrammen an Schläfen. Es habe sich aber um leichtere Blessuren gehandelt, die nach wenigen Tagen wieder verklungen seien, erklärten die Beamten vor Gericht. Ein Krankenwagen brachte damals den 45-Jährigen in eine psychiatrische Klinik, wo er zehn Tage blieb. Noch heute befindet sich der Angeklagte in einer Therapie.

Der Mann ist nicht vorbestraft. Für einen Moment stellte die Vorsitzende Richterin Antje Kaufmann während der Verhandlung eine Einstellung des Verfahrens gegen Zahlung einer Auflage in den Raum. Dafür sah der Vertreter der Staatsanwaltschaft, Stefan Karl Mörschel, aber keine Möglichkeit. »Mir fehlt die Reue«, sagte er. Erst anschließend räumte der Angeklagte ein: »Es tut mir leid, dass das passiert ist.« Der Hungener verzichtete auf einen Verteidiger, der ihm eine solche Bitte um Entschuldigung nahegelegt hätte.

Schläge gegen die eigene Ehefrau standen am Montag nicht zur Verhandlung. Die Ehefrau hatte bereits gegenüber der Polizei von ihrem Recht Gebrauch gemacht, die Aussage zu verweigern.



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