27. Januar 2016, 14:53 Uhr

Voller Einsatz für die perfekte Show

Eigentlich ist sie gelernte Erzieherin, doch vor 15 Jahren startete Wera Michaelis beruflich noch einmal durch. Mit Erfolg. Heute produziert sie vom Hofgut Utphe aus professionelle Garde- und Bühnenoutfits für Kunden in Deutschland, Österreich und Holland.
27. Januar 2016, 14:53 Uhr
Noch ein paar Änderungen, dann kann zugeschnitten werden: Wera Michaelis in ihrem Element. (Foto: ti)

Leuchtstoffröhren summen, im Hintergrund ist das leise Rattern von Nähmaschinen zu hören. Kleiderständer voller Kostüme stehen herum. Stoffe liegen in Regalen und auf einem großen Zuschneidetisch. Entwürfe hängen an den Wänden. Nähutensilien wohin das Auge reicht. Zwischen den alten Balken im ersten Stock des Utpher Hofguts läuft gerade die Produktion. Hier entwirft und fertigt Wera Michaelis mit ihren beiden Angestellten professionelle Garde- und Showkostüme. Ob Ballett, Flamenco oder orientalischer Tanz, Eiskunstlauf, Musik oder Schauspiel – die Hungenerin stattet die unterschiedlichsten Akteure aus. Mehrere Hundert Kostüme produziert sie pro Jahr.

Alles aus einem Guss

Dabei ist die gebürtige Sachsen-Anhalterin eigentlich gelernte Erzieherin. Aufgewachsen in Halle kam sie nach der Grenzöffnung 1989 nach Westdeutschland, zunächst in ein Auffanglanger nach Wiesbaden, dann nach Schotten. In ihrer Freizeit nahm sie Unterricht in orientalischem Tanz, gab später sogar eigene Kurse. Die Kostüme für ihre Auftritte entwarf und nähte sie selbst. Das machte ihr so viel Spaß, dass sie im Jahr 2000 an einer Privatschule für Mode und Design in Frankfurt eine zweijährige Ausbildung begann.

Danach fuhr sie doppelgleisig, arbeitete als Erzieherin und Designerin. Durch ihre Kontakte zur Tanzszene und dem Rühren der Werbetrommel auf verschiedenen Messen lief die Kostümproduktion irgendwann so gut, dass sie ihren Job im Kindergarten an den Nagel hing und nur noch schneiderte – zuerst in einer Dachwohnung in Hungen, seit zehn Jahren im Hofgut Utphe.

Mittlerweile brummt das Geschäft von Sultana Moden. Vor allem im Sommer, wenn die Produktion für die fünfte Jahreszeit auf Hochtouren läuft. Das Meiste muss bis zum 11. November fertig sein, wobei es immer auch viele spätentschlossene Narren gibt, weshalb gerade viel zu tun ist. Ihre Kunden kommen aus ganz Deutschland sowie aus Holland und Österreich. »Ich habe mehr Anfragen, als ich bearbeiten kann«, sagt die 50-Jährige.

Dabei sind es weniger die Gardekostüme, die ihr Stress bereiten. Es sind die Produktionen für Künstler, die einen enormen Aufwand bedeuten. Warum, wird nach ihrer Erklärung deutlich: Am Anfang steht das Thema, zudem die Designerin zunächst genau recherchiert. Dann fertigt sie verschiedene Entwürfe an. »Die werden hier vor Ort besprochen und gegebenenfalls überarbeitet«, sagt Michaelis. Es folgen die Auswahl der Stoffe, das Anfertigen eines Probekostüms und immer wieder persönliche Absprachen im Atelier. Letztere sind enorm wichtig, um Missverständnisse zu vermeiden, sagt die Hungenerin. Bis ein Outfit fertig ist, dauert es mehrere Wochen, manchmal sogar Monate. Und oft ist es mit dem Kostüm alleine nicht getan. Denn Wera Michaelis stattet die Akteure auch mit Schuhen, Kopfbedeckungen und anderen Accessoires aus, teils kreiert sie sogar das Bühnenbild. »Damit alles aus einem Guss ist, denn bei der Show muss es perfekt sein«, weiß die Unternehmerin aus 15 Jahren Berufserfahrung.

Wer solche individuellen Outfits bei ihr bestellt? Schauspieler, Artisten oder Musiker, die beispielsweise für einen Auftritt Revivalkostüme benötigen. Aber auch Tanzgruppen, Eiskunstläufer oder Privatpersonen, die zu einem Motto-Event gehen wollen, gehören zu ihren Kunden. Einfacher gestaltet sich für Wera Michaelis die Arbeit mit den Karnevalclubs. An sie schickt die Schäferstädterin eine Musterpalette der Gardekostüme und nach erfolgter Auswahl Kleider in unterschiedlichen Konfektionsgrößen. Ist eine Entscheidung gefallen, wird nach vorhandenen Schnitten genäht. Rund 50 Modelle, deren Fertigung auch in anderen Farbkombinationen möglich ist, stehen zur Auswahl. Alle von der Designerin selbst entworfen, ebenso wie die Showoutfits.

Für das perfekte Kostüm sind aber nicht nur überzeugendes Design, individuelle Betreuung und gute Arbeit notwendig. Wichtig sind vor allem qualitativ hochwertige Materialien und spezielle Schnitte. Will heißen: Die Stoffe und Kurzwaren, die Wera Michaelis alle aus dem Ausland bezieht, müssen sehr robust und elastisch sein. Zum einen, um sich den Bewegungen der Akteure anzupassen. Zum anderen, um beispielsweise Knöpfe, Spitze oder Ornamente aufzudrucken statt aufzunähen. »Außerdem dürfen sich die Farben durch die Bühnenbeleuchtung nicht verändern«, erklärt die Expertin.

Was die Schnittmuster angeht, ist man mit Material von der Stange ebenfalls schlecht beraten. Damit die Kleider den Beanspruchungen auf der Bühne standhalten, hat die Hungenerin die Schnitte selbst entwickelt. »Ein Sakko für einen Artisten beispielsweise muss im Ärmel anders gefertigt werden, damit er sich in der Bewegung nicht verzieht«, sagt die Designerin. Außerdem sind die Kostüme alle sehr körperbetont. »Sitzt das Outfit eines Eiskunstläufers nicht richtig, gibt es Punktabzug«, weiß Michaelis. Für sie und ihr Team bedeutet das daher täglich: Voller Einsatz für den perfekten Auftritt.

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