07. Juni 2009, 19:24 Uhr

»Besser ein armer Ackerbürger, als ein unfreier Bauer«

Laubach (tb). »Mit dem Aufstellen der Info-Tafeln an der Gedenkstätte (am Freitagabend, die Red.) dürfte das Grabungsprojekt Baumkirchen erst einmal abgeschlossen sein. Wobei wir Baumkircher überzeugt sind, dass aus dem einst so benannten ›Dreckhaufen‹ - dank aller Beteiligten - ein sehr schönes vorzeigbares Touristikobjekt für die Stadt Laubach geworden ist.« Solch rundum positive Bilanz zog Donnerstagabend Bernhard Jäger, »Scholthes« (Bürgermeister) jener bundesweit außergewöhnlichen »Blasiusgesellschaft«, in der sich die Nachfahren der Bewohner der Seenbachtalsiedlung zusammengefunden haben.
07. Juni 2009, 19:24 Uhr

Laubach (tb). »Mit dem Aufstellen der Info-Tafeln an der Gedenkstätte (am Freitagabend, die Red.) dürfte das Grabungsprojekt Baumkirchen erst einmal abgeschlossen sein. Wobei wir Baumkircher überzeugt sind, dass aus dem einst so benannten ›Dreckhaufen‹ - dank aller Beteiligten - ein sehr schönes vorzeigbares Touristikobjekt für die Stadt Laubach geworden ist.« Solch rundum positive Bilanz zog Donnerstagabend Bernhard Jäger, »Scholthes« (Bürgermeister) jener bundesweit außergewöhnlichen »Blasiusgesellschaft«, in der sich die Nachfahren der Bewohner der Seenbachtalsiedlung zusammengefunden haben. Dass zwar die archäologische Grabung in Baumkirchen, nicht aber deren Auswertung abgeschlossen sei, vielmehr die Wüstungsforschung in der Region eine Fortsetzung erfahren werde, merkte dazu Bezirksarchäologe Dr. Udo Recker an. Und scherzte: »Ich bin der, der für den Dreckhaufen verantwortlich ist.« Anlass solcherart Bilanz und launiger Worte war die Eröffnung der Ausstellung »Ausgrabungen in der Wüstung Baumkirchen« in der Sparkasse (siehe auch Bericht oben), verbunden mit dem Dank an die Fundpaten »zweiter Generation«.

»Baumkirchen ist jetzt ein Ort der Ruhe, der Besinnung und Erholung geworden«, nahm Jäger die Bilanzierung der Arbeiten im Seenbachtal auf. Die hatten im Vorjahr mit der Einweihung einer Gedenkstätte an den nachgebildeten Grundmauern des Kirchleins ihren würdigen Abschluss gefunden. Jäger erinnerte nochmals an die Wiederaufnahme einer alten Tradition der Baumkircher: Am Sonntag wird an der Gedenkstätte - erstmals seit 250 Jahren wieder - ein Gottesdienst gefeiert (Beginn um 10.30 Uhr).

»Es ist was draus geworden«, teilte auch Bezirksarchäologe Dr. Recker die Einschätzung Jägers zum Erfolg des von 2002 bis 2008 laufenden interdisziplinären Forschungsprojektes. Zwar stand dabei die Kirche - als das Identifikationsobjekt der Baumkircher - im Fokus, doch wurde bereits auch die umgebende Siedlungslandschaft des Seenbachtals untersucht.

Recker erinnerte nochmals an die »Eigendynamik«, die dieses Projekt entwickelte. Die Ergebnisse freilich wären ohne das 300-köpfige Heer studentischer Grabungshelfer nicht zu erzielen gewesen. Bis auf einige Kleinigkeiten sei die eigentliche Grabung beendet

Weitere Forschungsziele skizziert

Der Bezirksarchäologe verwies aufs Neue auf die wesentlichen Resultate: Danach lag der Besiedlungsbeginn des Seenbachdörfchens ums Jahr 800 in karolingischer Zeit, das Ende und der Beginn der Wüstfallung werde aufs frühe 15. Jahrhundert datiert. Wann genau die Baumkircher nach Laubach zogen, das sei nicht zu sagen. Mit der weiteren archivalischen Aufarbeitung erhoffe man sich Genaueres. Zumal es jetzt mit einer Anfrage bei der katholischen Kirche in Rom vorangehe, der Eingang jetzt bestätigt worden sei (das Auskunftsersuchen stammt erst aus 2004, die Red.). »Irgendwas muss zwischen dem Jahr 800 und dem 14./15. Jahrhundert passiert sein, und zwar in dem ganzen Raum«, kam Dr. Recker auf die spannende Frage zu sprechen, warum jede Zweite der damals noch häufigen Siedlungen im Laubacher Wald wüst fiel. Zu den Gründen fanden die Forscher verschiedene Hinweise: Attraktiv war wohl die »freie Stadtluft«. Auch die Baumkircher, so Dr. Recker, hätten sich wohl gesagt: »Besser ein armer Ackerbürger, als ein unfreier Bauer.« Viele Hinweise also - darunter die anthropologisch gesicherte Erkenntnis verhältnismäßig guter Ernährungslage -, doch das »letzte Mosaiksteinchen fehlt.«

Baumkirchen, so weiter Dr. Recker, sei der typische Vertreter einer Siedlung in diesem Raum. Der habe sich im 16./17. Jahrhundert merklich verändert: Das Aufkommen vorindustrieller Strukturen, wofür die Friedrichshütte und die Köhlereien stehen, habe diese Landschaft geprägt. Im Zuge der Erforschung der Wüstung, der komplexen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Be- und Entsiedlungsvorgänge ward bekanntlich bereits auch die Umgebung untersucht: Begehungen, Einzelfundeinmessungen und gezielte geophysikalische Prospektionen sollten weitere Hinweise geben. Objekte des Forscherinteresses waren u. a. zwei Glashütten sowie Teile der Wüstung Ruthartshausen.

Als das Besondere dieses Forschungsprojektes, für das insgesamt (inkl. Sachmittel etc.) rund eine halbe Million Euro aufgebracht worden seien, bezeichnete Dr. Recker dies: »Hier hat erstmals seit 50 Jahren in Hessen wieder eine flächendeckende Wüstungsforschung Platz gegriffen.« Sein Chef habe anfangs gewarnt, »nicht ein Fass aufzumachen.« Doch sei es nun mal geschehen, und so sollte man die Sache vernünftig weiterführen und einen größeren Rahmen setzen.

»Der Ort ist fort, die Bewohner sind noch da«

»Ein erster Schritt« wäre eine erweiterte Forschungsperspektive: das Betrachten des gesamten Laubacher Waldes, samt den Bezügen, dem Austausch mit der »hochaktiven Zone« der Wetterau. Dafür bedürfe es ein bis zwei Jahre Grundlagenarbeit, der Aufnahme vorhandener archäologisch interessanter Strukturen (»muss keine Grabung sein«), der Kartierung des Bestandes. Und langfristig: das Erstellen eines »kulturlandschaftlichen Informationssystems«. Prämisse aber werde dabei doch der Laubacher Wald haben, versicherte Dr. Recker. Neben der weiteren Fund-Analyse, Archivarbeit und wissenschaftlicher Auswertung, die etwa in eine Magister- und eine Doktorarbeit einfließt, avisierte Recker gar durch Satelliten-gestützte Forschungen (3D). Am Ende seines Vortrags betonte der Bezirksarchäologe in Richtung des »Scholthes« Bernhard Jäger noch eine Besonderheit: »Der Ort Baumkirchen ist weg, doch die Baumkircher sind noch da.« Solche Traditionspflege gebe es seines Wissens nach nur noch zweimal in Deutschland.

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