01. August 2008, 17:36 Uhr

Tierfilmer Dr. Fritz Jantschke berichtet von seinen Erfahrungen mit dem Großkatzen-Tourismus

Es ist drei Uhr Nachmittag. Eigentlich viel zu früh, um in einen Nationalpark zu fahren. Da ist nicht viel an Tierbeobachtungen zu erwarten.
01. August 2008, 17:36 Uhr

Rummel nutzt auch den Tieren - Es ist noch gar nicht so lange her, dass die »Gießener Allgemeine« den Zoologen Dr. Fritz Jantschke, der sich als Tierfilmer einen Namen gemacht hat, porträtiert hat. Dieser hat schließlich seinen »Altersruhesitz« im Laubacher Stadtteil Altenhain bezogen, und wusste allerhand Interessantes von seinen Reisen in weit entfernte Länder zu berichten. In der heutigen Ausgabe geht es jedoch nicht um die Person des ehemaligen Kurators am Frankfurter Zoo, sondern um das, was ihm besonders am Herzen liegt: die Tiger. Angeregt durch Negativberichte über den wohl recht kommerziell gewordenen Tiger-Tempel in Thailand, über den Jantschke vor Jahren einen Film drehen konnte, schildert der 66-Jährige seine ganz persönlichen Erlebnisse mit Tiger-Shows und arrangierten Tiger-Begegnungen. Sein Credo: Bei allem Rummel um die Tiere ist es das Entscheidende, dass dieses Interesse in Thailand ebenso wie in Indien sicher den Tigern eher zugute- kommt. »Solange es sich auf Fotos von oder mit Tigern beschränkt, können wir Hoffnung haben, dass die Majestäten des Dschungels überleben werden. Deshalb kann es eigentlich nur heißen: The Show must go on!« (gl)

Es ist drei Uhr Nachmittag. Eigentlich viel zu früh, um in einen Nationalpark zu fahren. Da ist nicht viel an Tierbeobachtungen zu erwarten. Ganz zu schweigen von Tigern, für die Bandhavgarh im zentralindischen Madhya Pradesh berühmt ist. Aber das Naturschutzgebiet ist groß, und pünktlich zu Sonnenuntergang gegen sechs müssen wir es wieder verlassen. Da nutzt man gerne die wenigen Stunden, um sich ein Bild von dem ehemaligen Jagdgebiet des Maharadschas von Rewa zu machen.

Nachmittags dürfen wir uns frei im Park bewegen, und so steuert Fahrer Ashish gezielt die Stelle an, wo sich Bitu, der dominante Tigermann des Reservats, zu seiner Mittagsruhe zurückgezogen hat. Es ist eine tiefe Schlucht, und drei Jeeps versperren uns den ungehinderten Blick hinunter. Da ohnehin kaum etwas zu sehen wäre und noch nicht Zeit für seine Abendpirsch ist, fahren wir noch etwa eine Stunde in dem landschaftlich reizvollen und tierreichen Park umher. Neben vielen anderen Tieren sehen wir auch eine Menge von Shir Khans Lieblingsbeute: hübsche Axis- ebenso wie kräftige Sambarhirsche, Kammwildschweine, die seltenen Nilgai-Antilopen ebenso wie allgegenwärtige Hanuman-Languren. Kurz vor fünf Uhr sind wir dann an der Schlucht zurück. Inzwischen haben sich noch etliche weitere Jeeps eingefunden. Unter den Fahrern ist natürlich bekannt, wo Bitu heute seine Siesta hält. Nach nicht einmal fünf Minuten kommt Bewegung in die Zuschauer am Ende der Schlucht. »He is coming«, flüstert Ashish. Er hat seinen Standplatz perfekt gewählt. Denn genau vor uns erscheint plötzlich seine Majestät durch Gebüsch und hohes Gras. Keine zehn Meter entfernt verrichtet er zunächst »sein Geschäft«, peilt in aller Ruhe die Lage. Und dann macht er sich auf seine Runde. Ohne einmal links oder rechts zu gucken, quert er zwischen den Jeeps hindurch auf die andere Seite der Straße. Helle Aufregung in den offenen Wagen, Stakkato klickende Kameras. Niemand scheint auch nur entfernt daran zu denken, dass es sich hier um eines der mächtigsten Raubtiere der Erde handelt - dem allein im Sunderbans-Gebiet zwischen Indien und Bangladesch jährlich mindestens 100 Menschen zum Opfer fallen und das in aller Ruhe einen leckeren Touristen aus einem Jeep angeln könnte. Natürlich denkt Bitu auch nicht daran. Vielmehr riecht er gelassen an einem Baum, setzt seine eigene Duftmarke über die Stelle, zieht dann weiter.

Für ein paar Minuten verschwindet er zwischen den Bäumen. Da die Richtung klar ist, beginnt eine unglaubliche Hatz. Dutzende von Jeeps - ich zähle über 40 - drängeln sich auf den engen Naturpfaden. Es kommt zu kleinen Karambolagen. Wenig später, unser geschickter Fahrer hat sich wieder genau richtig platziert, zieht Bitu in bestem Licht vor uns durchs Gras. Wie gut, dass das digitale Foto-Zeitalter angebrochen ist, man nicht mehr im entscheidenden Moment den Film wechseln muss. Die Situation ist bizarr: In den Wagen herrscht unglaubliche Begeisterung und Hektik. Völlig unbeeindruckt davon zieht der prächtige Tiger gelassen seine Runde. Als würde er die Aufmerksamkeit genießen. Fast eine halbe Stunde geht das so. Dann breche ich das Unternehmen ab. Schließlich will ich nicht am Ende durch den Nationalpark rasen müssen, um rechtzeitig zum Sonnenuntergang am Ausgang zu sein.

Die Reaktion der Mitfahrer auf diesen bemerkenswerten Auftritt? »Das war ja grauenhaft«, meint einer, stellvertretend für die anderen. »Und, habt ihr schöne Aufnahmen bekommen?«, kontere ich. Sofort geht ein Strahlen über die Gesichter. »Ja, einmalig.« Die Schizophrenie einer Tiger-Begegnung in Indien: begeisternd und schrecklich zugleich.

Szenenwechsel: ein Waldtempel in Thailand etwa zwei Fahrstunden westlich von Bangkok, in der Nähe des berühmten River Kwai und damit an der Grenze zu Myanmar. Vor acht Jahren nahm Abt Phra Acharn neben Hunderten anderer Tiere auch zwei konfiszierte Tigerbabys auf, zog sie liebevoll auf. Inzwischen sind es mehr als ein Dutzend geworden, und der Tiger-Tempel ist ein beliebtes Reiseziel geworden. An manchen Tagen kommen Hunderte von Touristen, um sich - gegen teuer Geld, versteht sich - mit den zahmen Tigern in einer Schlucht aufnehmen zu lassen. Empörung auch hier in Kreisen von Natur- und Tierschützern: Die Großkatzen würden ausgenutzt, nicht artgerecht gehalten. Begeisterung pur bei den Tiger-Freunden, die sich gerne mit den Tieren aufnehmen lassen und den sagenhaften, hautengen Umgang der Mönche mit den gestreiften Katzen bewundern. Hunderte der Fotos sind im Internet zu finden. Inzwischen gibt es wahrscheinlich ein halbes Dutzend Filme über den Tiger-Tempel. Auch in diesem Fall die gleiche Schizophrenie. Reaktionen zwischen »grauenhaft« und »großartig«.

Das Geschäft mit den Tigern blüht, in Indien genauso wie in Thailand. Leider auch in China. Dort aber auf einem ganz anderen Sektor. Noch immer werden für die traditionelle chinesische Medizin, inzwischen noch durch den wirtschaftlichen Aufschwung begünstigt, alle Teile des Tigers schwunghaft gehandelt. Dafür sind natürlich alle Tiger im Land (neben der eigenen Unterart, dem südchinesischen Tiger, kamen noch drei weitere Unterarten in den Randbereichen vor, Amur-, Bengal- und Indochina-Tiger) weitgehend ausgerottet worden. Und existierende Zuchtstationen reichen für den offenbar wachsenden Bedarf nicht aus. Deshalb - und damit beginnt das eigentliche Drama - werden Tigerknochen von überall her mit dem reichlich fließenden Geld aus China beschafft, in Sumatra ebenso wie in Sibirien, und natürlich auch in Indien.

Indien ist groß. Da finden sich immer wieder Menschen, die das viele Geld im Tiger-Geschäft für sich nutzen wollen. Trotz des seit 30 Jahren laufenden und mit riesigem Aufwand, personell ebenso wie finanziell, betriebenen Tiger-Projekts. Ausgehend von ursprünglich zehn Tiger-Reservaten ist deren Zahl inzwischen auf über 25 gestiegen, hervorragend ausgestattet, meist gut geführt. Die Zahl der Großkatzen, 1972 mit 1822 ermittelt, stieg kontinuierlich an. Auf über 4000. Tiger-Experten wie Valmik Thapar bezweifelten solche Zahlen. Wenn man der letzten Zählung glauben darf, mit Recht. Angeblich sind es jetzt sogar weniger als 1800 - also noch unter den schockierenden Beständen zu Beginn.

Tatsache ist, dass außerhalb der Parks immer mehr Tiger getötet wurden. Die meisten der Reservate sind kleine Inseln inmitten einer mehr oder weniger intensiv genutzten Landschaft. Aber auch in den Tigerschutzgebieten kam es immer wieder zu Fällen intensiver Wilderei. Die letzte Welle schwappte vor etwa drei Jahren durch das Land. Sariska, eines der ersten zehn Tiger-Reservate, war ganz leer gewildert. Inzwischen hat man wieder einige aus Ranthambore dorthin gebracht. Dabei war das Vorzeige-gebiet des Tiger-Projekts von der Wilderei betroffen, ebenso Panna, wo eine langjährige intensive Studie stattgefunden hatte. Inzwischen wurde der Kopf der Wildererbande dingfest gemacht. Aber die Auswirkungen seiner »Tätigkeit« waren dramatisch.

Von den Bemühungen Indiens zum Schutz seiner Tiger profitierte der Natur-Tourismus. Er nahm beträchtlich zu. Waren es ursprünglich nur bescheidene Unterkünfte an Parks wie Sariska, Ranthambore und Kanha, so gibt es inzwischen überall hervorragende Lodges. In den letzten Jahren hat sich zunehmend Bandhavgarh in den Vordergrund geschoben. Die Chance, hier Tiger zu sehen, ist derzeit unübertroffen. Zwar ist der Bestand mit vielleicht 60 Tieren nicht sehr groß. Aber mehr als ein Dutzend davon lebt im zentralen Bereich, der von Touristen regelmäßig besucht wird, ist also an den »Rummel« gewöhnt. Wie in Kanha nutzt man hierfür auch die von den Rangern zur Bekämpfung der Wilderei eingesetzten Elefanten. Die Tiger lassen sich von den Rüsseltieren überhaupt nicht stören. In der Nähe der Elephant Camps wird morgens nach Tigern gesucht. Befindet sich einer an einer leicht zugänglichen Stelle, werden die Reitelefanten bis neun Uhr dorthin gebracht. Anschließend werden die Jeeps, die vorher auf festgelegten Routen durch den Park fahren müssen, an diesen Ort dirigiert. Die Tiger-Show kann beginnen: Vom Wagen aus klettern jeweils drei bis vier Touristen auf den Sattel hinter dem Mahout, und meist schon nach ein oder zwei Minuten sind sie bei einem Tiger, den sie in aller Ruhe bei seiner Siesta fotografieren können. Schnell, schnell - die nächsten Fotografen warten schon in ihren Jeeps! Aber gute Tiger-Fotos sind so (fast) garantiert. Ein nicht ganz billiges Vergnügen: für jeden Touristen blechen die Veranstalter fast neun Euro in die Kasse des Nationalparks, sogar etwas mehr als für den Eintritt ins Reservat. So gesehen sind die »Tiger-Shows« für die Naturschützer ein lohnendes Geschäft. Natürlich ist auch diese Form, den Tiger zu »nutzen«, in Naturschutzkreisen verpönt. Aber sie ist unbestritten die sicherste Methode, um Tiger sehen und fotografieren zu können. Viel schöner ist freilich eine unverhoffte Tiger-Begegnung.

An einem Nachmittag sind wir in einem entlegenen Gebiet des Parks ganz allein unterwegs. Plötzlich entdecken wir einen halbwüchsigen Tiger. Unser Fahrer kennt ihn. Wir sind auf eines der drei Weibchen Bitus mit zwei zehn Monate alten Söhnen gestoßen. Während sich der eine ein wenig schüchtern im Hintergrund hält, kommt der andere bis auf wenige Schritte an uns heran. Am liebsten würde er - so meinen wir wenigstens - in unseren Jeep springen. Vielleicht wird er ja wie sein Großvater, der Jahre zuvor wie jetzt sein Sohn Bitu den größten Teil Bandhavgarhs beherrschte. Er machte sich ein Vergnügen daraus, Scheinangriffe auf Jeeps zu starten. Alle Insassen gingen in Deckung. Wenn sie nach fünf Minuten wieder hochkamen, war »Charger« (der »Angreifer«) oft noch da. Manchmal setzte er seine Belagerung bis zu einer halben Stunde fort. »Tiger-Show« ganz anderer Art!

Das Geschäft blüht jedenfalls. So-lange es sich auf Fotos von oder mit Tigern beschränkt, können wir Hoffnung haben, dass die Majestäten des Dschungels überleben werden. Deshalb kann es eigentlich nur heißen: »The Show must go on!« Hoffentlich noch lange.



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