06. Mai 2011, 09:25 Uhr

»Mythos von «Krebspersönlichkeit» ist Mumpitz«

Lich (mlu). Diagnose Brustkrebs, ein Horrorszenario. Anstatt aber die Augen vor der Realität zu verschließen, sollten Betroffene rasch reagieren. Eine Infoveranstaltung der Asklepios-Klinik Lich sowie des Brustkrebszentrums Bad Nauheim/Lich bot dazu am Mittwoch im Bürgerhaus Gelegenheit.
06. Mai 2011, 09:25 Uhr
»Diagnose Brustkrebs« Chefarzt Dr. Uwe Kullmer war Organisator und Moderator der Informationsveranstaltung in Lich.

Laut Dr. Uwe Kullmer, dem Chefarzt des Fachbereichs Gynäkologie und Geburtshilfe in Lich, der die Vortragsveranstaltung moderierte, liegt die Heilungsrate bei 87 Prozent, wenn der Tumor rechtzeitig erkannt wird.

Allerdings ist auch nach einer erfolgreichen Therapie die Gefahr nicht gebannt. Mindestens drei Jahre lang müssten drei Prozent der Therapierten mit einem Rückfall rechnen, so Kullmer.

Wesentlich höher als eine Rückkehr des Tumors sei allerdings das Risiko von Spätfolgen, wie die Gynäkologin Anna Mank berichtete. Hierzu zählten Herzmuskelschädigung, das vorzeitiges Einsetzen der Wechseljahre, die Entstehung von Zweitkarzinomen (besonders bei Strahlentherapie) und das Auftreten von Lymphödemen, also Schwellungen der Gliedmaßen, die mit Hautveränderungen einhergehen. Vorbeugend solle jede Krebspatientin Hitze und enge Kleidung vermeiden, ebenso kleinere Verletzungen, etwa durch Garten- oder Hausarbeit, die das Infektionsrisiko erhöhen. Handschuhe tragen und die Haut pflegen, lautete daher Manks Ratschlag. Häufiger noch trete im posttherapeutischen Stadium das Erschöpfungssyndrom »Fatigue« in Erscheinung. 30 bis 60 Prozent der Krebsrekonvaleszenten fühlten sich betroffen. Desinteresse und Niedergeschlagenheit erzeugen Beziehungskonflikte, womöglich ist der Arbeitsplatz gefährdet. Sofern möglich, empfahl Mank, sollten die Betroffenen noch während der Therapie mit leichtem Körpertraining beginnen, sich späterhin genügend Ruhepausen gönnen und anderen gegenüber ihr Befinden offen artikulieren.

Mit den »Schwierigkeiten in der Kommunikation« zwischen Betroffenen und deren Angehörigen befasste sich anschließend der Psychologe Sicco van der Mei, indem er sehr eindrücklich die emotionalen und rationalen Reaktionen auf die Krebsdiagnose reflektierte: Verdrängungsmechanismen bis hin zur Abspaltung (»Das bin ich gar nicht«), Angst, Schuldgefühle und die große Frage nach dem Sinn (»Warum ich?«), die bald Mythen wie »Positiv denken«, »Krebspersönlichkeit« oder »Du musst dich mit deiner Krankheit auseinandersetzen« auf den Plan riefe. Solche Mythen, so Sicco, sind »Mumpitz«. Nach vorne schauen und den Heilungsprozess aktiv unterstützen, und sei es nur, um sich etwas Sicherheit oder auch Ablenkung zu verschaffen, hielt er für angeratener, als sich mit Vergangenheitsanalysen zu quälen. Die Krankheit nicht tabuisieren, den Partner einbeziehen. Umgekehrt: Den erkrankten Partner nicht wie ein »rohes Ei« behandeln, notfalls auch mal fragen: »Wie möchtest Du von mir behandelt werden?« Schließlich: professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Etwa in der psychosomatischen Ambulanz im Uniklinikum Gießen. Eine Zuhörerin wies darauf hin, dass in Marburg eine Selbsthilfegruppe für »Fatigue«-Betroffene existiert.

Im Weiteren referierten Dr. Alexander Bender über die Entstehung von Brustkrebs und Dr. Elias Polykandriotis über Methoden der plastischen Chirurgie. Im Foyer des Bürgerhauses informierte eine Gewerbeausstellung rund ums Thema Brustkrebs. (Foto: mlu)



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