11. Oktober 2010, 19:36 Uhr

CBES: Australier besichtigten Buchenwaldstätte

Lollar/Staufenberg (mb). Das ferne Australien und die Gedenkstätte Buchenwald auf dem Ettersberg hoch über der Klassikerstadt Weimar - wie das? Neun Schülerinnen und zwei Schüler des South East College in Bendigo im australischen Bundesstaat Victoria unternahmen nach Thüringen auf ihren Vorschlag und ausdrücklichen Wunsch eine Exkursion mit Deutsch- und Religionslehrerin Alexandra Redhardt.
11. Oktober 2010, 19:36 Uhr
Die Gruppe unternahm eine Exkursion nach Buchenwald. Die Jugendlichen sprachen anschließend bewegt über ihre Konfrontation mit dem schrecklichen Geschehen in dem einstigen Konzentrationslager. (Foto: bf)

Lollar/Staufenberg (mb). Das ferne Australien und die Gedenkstätte Buchenwald auf dem Ettersberg hoch über der Klassikerstadt Weimar - wie das? Neun Schülerinnen und zwei Schüler des South East College in Bendigo im australischen Bundesstaat Victoria unternahmen nach Thüringen auf ihren Vorschlag und ausdrücklichen Wunsch eine Exkursion mit Deutsch- und Religionslehrerin Alexandra Redhardt. Die Gäste der Clemens-Brentano-Europaschule (CBES) Lollar/Staufenberg, die vor fünf Wochen aus dem fünften Kontinent anreisten und am Donnerstag wieder nach Hause fliegen werden, sind 15 und 16 Jahre alt. Sie wissen, dass im Zweiten Weltkrieg in Buchenwald auch Australier ihr Leben verloren. Auf dem Ettersberg wurden Soldaten der Westalliierten interniert, nachdem sie gefangengenommen worden waren. Dazu zählten 26 Soldaten der kanadischen Luftwaffe sowie 142 abgeschossene australische, britische, neuseeländische und US-amerikanische Piloten.

Von der Gedenkstätte Buchenwald, von der Aufbereitung der Geschichte des nationalsozialistischen Konzentrationslagers und des sowjetischen Speziallagers Nr. 2, von der Erinnerung und der Mahnung an geschätzte 56 000 Todesopfer, von den Besucherinformationen, von den pädagogischen Angeboten und von der digitalen Sammlung zeigen sich die Jugendlichen aus Australien im Gespräch mit der »Allgemeinen Zeitung« sehr beeindruckt. Die Exkursion nach Thüringen war für sie wichtig und wertvoll.

Ein regelmäßiger Schüleraustausch zwischen der CBES und dem South East College im Südostzipfel von Australien besteht »schon viele Jahre«, so Alexandra Redhardt, die ihn betreut. Wegen der Entfernung und der Kosten hält sich die Zahl der beteiligten Jugendlichen zwar in Grenzen, doch die Lehrerin setzt auch und besonders auf Kontinuität.

Zwölf CBES-Schüler hatten sich in Bendigo aufgehalten

Zurzeit bemüht sich eine ehemalige australische Austauschschülerin um ein Praktikum an der CBES, freut sich Alexandra Redhardt und hofft, dass die Hospitanz trotz nicht geringer Schwierigkeiten zustandekommt. Über Ostern hatten sich zwölf CBES-Schülerinnen und -Schüler für sechs Wochen in Bendigo mit seinen knapp 76 000 Einwohnern aufgehalten und mit Victoria (Hauptstadt: Melbourne) den zweitkleinsten australischen Bundesstaat kennengelernt, der so groß ist wie zwei Drittel der Bundesrepublik Deutschland. Die elf Australier statten derzeit in Lollar und Staufenberg den Gegenbesuch ab und sind geschichtlich sehr interessiert.

Für die Betreuerin des Australienaustauschs war es selbstverständlich, dem Vorschlag der Gäste zu entsprechen und mit ihnen nach Buchenwald zu fahren. Sie hatten in der Schule über Adolf Hitler, die »Nazi party« und die »concentration camps« gesprochen. Aus finanziellen Gründen entschloss sich die Gruppe für Bummelzüge und mehrmaliges Umsteigen. Pro Fahrkarte mussten 21 Euro bezahlt werden. Die jugendlichen Australier haben die Bahnstationen parat: Gießen, Grünberg, Fulda, Bebra, Gerstungen, Eisenach, Gotha, Erfurt, Weimar. Auf dem Rückweg gab es in Erfurt ein Transportproblem. Der Gruppe wurde gestattet, einen ICE zu benutzen, der sie aber nach Frankfurt brachte, so dass die Bahnfahrt nach Lollar zum Umwegabenteuer geriet. Nachdem sie die Gedenkstätte Buchenwald, die 1991 und damit nach der Öffnung von Mauer und innerdeutscher Grenze neu gestaltet worden war, erreicht hatten, sahen die Gäste zuerst eine halbstündige Filmvorführung über die Geschichte des 1937 eröffneten Arbeits- und Vernichtungslagers und seine schier nicht zu zählenden Außenstellen mit Originalaufnahmen und Aussagen von Zeitzeugen. Zuvor hatten sie das schmiedeeiserne Hauptportal mit der zynischen Beschriftung »Jedem das Seine«, entliehen dem Lateinischen »Suum cuique per me uti atque frui licet« (»Soweit es an mir liegt, soll jeder das Seine nutzen und genießen dürfen«), auf sich wirken lassen.

Mit Eindrücken vom Appellplatz und Krematorium konfrontiert

Mit Audio-Guides in englischer Sprache begaben sich die Jugendlichen nach der Filmvorführung auf individuelle Erkundungsgänge. Unter anderem sahen sie den Appellplatz und die Steine, mit denen die in den 1950er Jahren abgerissenen Lagerbaracken markiert sind, Denkmäler, Gedenksteine und Gräber, die Desinfektionsanlage und das Krematorium, die Effekten-, Kleider- und Gerätekammern, die Kinderbaracken, den Zoo ... So ausladend groß hatten sie sich das einstige Lager nicht vorgestellt. Alle Besichtigungs- und Informationsangebote wahrzunehmen, war nicht möglich.

In Buchenwald, dem Unter-Tage-Lager »Dora«, dem »Gustloff-Werk II« und den weiteren Außenlagern waren in den Jahren 1937 bis 1945 rund 250 000 Menschen interniert, hatten oft tödliche Schwerstarbeit zu leisten, wurden gefoltert und erschossen, verhungerten und erfroren, wurden so genannten medizinischen Experimenten unterzogen, die zu qualvollem Sterben führten. In den Lagern waren die deutschen Männer, Frauen, Jugendlichen und Kinder stets in der Minderheit.

Zunächst wurden politische »Widerständler« wie Sozialdemokraten und Kommunisten, Zeugen Jehovas, vorbestrafte Kriminelle, Homosexuelle, Arbeitsscheue, Juden, Künstler, Wissenschaftler inhaftiert. Die Liste der Opfer ist unendlich: Juden vieler Nationalitäten, Österreicher, Polen, Tschechen, Roma, Sinti, Niederländer, sowjetische Kriegsgefangene, Franzosen, behinderte Menschen, Russen, Ukrainer, Norweger, Ungarn, Dänen ...

Zu den besonders bekannten Häftlingen zählten die österreichischen Juden Fritz Löhner (Schriftsteller) und Hermann Leopoldi (Komponist), die das »Buchenwaldlied« schrieben, Pfarrer Paul Schneider (1897-1939), der »Prediger von Buchenwald«, der in Gießen und Marburg studierte und in Hochelheim und Dornholzhausen wirkte, die vormaligen französischen Ministerpräsidenten Léon Blum (1872-1950), Édouard Daladier (1884-1970) und Paul Reynaud (1878-1966), der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann (1886-1944) und Pfarrer Dietrich Bonhoeffer (1906-1945).

»Yes, it is important to go there« - »Ja, es ist wichtig, diesen Besuch zu machen«, sagen die jungen Australier, »because we need to understand what happened and to learn from it so that nothing like that ever happens again«, weil wir verstehen und daraus lernen müssen, damit es niemals wieder geschieht. Die Gäste sind sehr betroffen. Was sie gesehen haben, war »schrecklicher als gedacht«. Die Informationen für Besucher sind, finden sie, sehr gut aufbereitet: »I think the information was presented really well.« Sie haben Bücher gekauft und wollen sich noch intensiver mit Adolf Hitler, der »Nazi party« und den »concentration camps« befassen.

Im nächsten Schuljahr haben sie in Bendigo, wo in zwölf Jahren zum Abitur geführt wird, die Möglichkeit, besondere Geschichtskurse zu belegen und werden sich wohl dafür entscheiden. Alexandra Redhardt hat früher mit einer Gruppe schon einmal eine Fahrt nach Buchenwald unternommen und ist entschlossen, regelmäßige Besuche zur »festen Einrichtung« werden zu lassen.

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