23. September 2014, 18:38 Uhr

Jasper van’t Hof Quartet begeistert in Lollar

Lollar (chl). Das persönlich Essentielle von dem, was der niederländische Jazzpianist Jasper van’t Hof in den vergangenen vier Jahrzehnten an Musikalischem kennengelernt und inhaliert hat, gab es am Sonntagabend auf dem Ruttershausener Kirchberg gebündelt zu hören.
23. September 2014, 18:38 Uhr
Beeindrucken auf dem Kirchberg: Jasper van’t Hof (links), Stefan Lievestro (hinten), Harry Sokal (vorne) und Fredy Studer (rechts). (Foto: Christian Lademann)

Mit klassischer Quartettbesetzung stellte er im Rahmen der Konzertreihe »Kirchberg Forum« vor vollem Haus sein aktuelles Werk »Oeuvre« vor.

Die 70 Zuhörer bekamen aber nicht etwa eine Retrospektive in Form eines Best of serviert, sondern der 67-jährige rotblonde Wuschelkopf stellte gleich klar: »Oeuvre ist kein Zusammenpacken von Stücken, die ich 40 Jahre gespielt habe.« Die Nummern bildeten vielmehr ein neu geschaffenes facetten- und ideenreiches Sammelsurium seines reichen Erfahrungsschatzes in moderner, zeitgenössischer Spielweise ab. Dies hatte er angeblich Leuten zu verdanken, die ihn »zum Nachdenken und Hören gezwungen haben«.

Deshalb hat van’t Hof für sein Quartett seine langjährigen und international anerkannten Mitstreiter Harry Sokal (Tenorsaxofon) und Fredy Studer (Schlagzeug) verpflichtet. Anstelle von Stefan Neldner, der das Album »Oevre« noch mit eingespielt hatte, ergänzte Stefan Lievestro (Kontrabass) die Formation. Als kongeniales Quartett verblüfften die Musiker das Publikum nicht nur mit enormer Spielfreude, instrumentalem Witz, aufreibenden wie swingenden Grooves, harten Attacken wie balladesken Klangoasen das Publikum.

Genauso verblüfft war er selbst von dem proppevoll besetzten kleinen Konzertraum – »Wo kommt ihr her?« – so abseits der großen Jazzmetropolen. Um so mehr wirkte sich die atmosphärische Nähe auf die Musik aus. Da preschte das Quartett etwa mit »Now or no« voller lasziver Intensität im Wechsel zwischen wilder, rhythmischer Freiheit und ruhigeren Parts los. Große lieblich-melodische Bögen hielt dagegen das Titelstück bereit. Viel Freiheit im Rhythmischen und Motivischem ließ das vertrackte »The Appolonians« zu; das scheinbar klangliche Chaos beruhte aber dennoch auf eine geordnete Struktur, dessen Geflecht die Musiker sicher untereinander aussponnen. Während »Dulcinea« auf expressionistische Weise Seelen- und Stimmungsbilder durchklingen ließ, punktete das balladeske »Nebula« mit gefühlvoller Schönheit, wobei vor allem van’t Hof und Lievestro eine Romanze für Klavier und Kontrabass hineinzumengen schienen.

Es war ein Genuss, den Musikern so nah auf die Finger zu schauen: Van’t Hof parierte mit Ein-Finger-Staccati, mit rasanten Läufen, sanftem Akkordspiel wie harschen Clustern. Schmunzeln musste das Publikum bei manchen Grimassen sowieso. Dem Schweizer Studer merkte man seine Rockjazz-Vergangenheit an, wenn er seiner Bassdrum straffe Hiebe versetzte. Der Österreicher Sokal paarte die Bop-Finesse eines Coltrane mit seinem lyrischen Ton. Ergreifend waren die Situationen, in denen er körperbetont seinem Spiel Ausdruck verlieh – ja zwangsläufig verleihen muss. Und Lievestro, ebenfalls Niederländer, sorgte weitgehend allürenfrei für das bassige Fundament.

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