07. März 2013, 13:43 Uhr

725 Jahre Rüddingshausen: Erzählcafé zum Auftakt

Rabenau (nac). Anlässlich des 725-jährigen Dorfjubiläums in diesem Jahr hatte die Vereinsgemeinschaft Rüddingshausen zu einem Erzählcafé ins evangelische Gemeindehaus eingeladen. Bereits zum dritten Mal fand dieses Café der besonderen Art in Zusammenarbeit mit dem Verein für Heimat- und Kulturgeschichte statt.
07. März 2013, 13:43 Uhr
Erzählcafé in Rüddingshausen: (von links) Gerd Klinkel, »Rechemächersch« Christa, Gerd Schönhals, »Streckersch« Anna, »Wellesch« Gretchen und »Kättegans« Herbert. (Foto: nac)

Ortsvorsteher Ewald Thomas begrüßte die zahlreichen Besucher zur Auftaktveranstaltung der Festlichkeiten. »Die Ringshäuser Bäese feiern« lautet das Motto des Jubiläums. »Alle stehen in den Startlöchern«, betonte Organisationsleiter Albert Schäfer. Gerd Klinkel, Lehrer a.D., »Rechemächersch« Christa Reinhardt, »Streckersch« Anna Bosky, Margarethe Schmidt (»Wellesch Gretchen«) und »Kättegans« Herbert Sohl berichteten vom Dorfleben früherer Zeiten und hatten auch die ein oder andere Anekdote auf Lager.

Mit einem Gedicht zum Dorfleben in Rüddingshausen begann Anna Bosky die Erzählungen. »Als es noch keine Autos gab, lebte man mit und für die Natur.« Moderiert wurde das Erzählcafé vom Vorsitzenden des Vereins für Heimat- und Kulturgeschichte, Gerd Schönhals.

Das 725-jährige Dorfjubiläum sei ein Grund zurückzublicken: Wie sah es vorher in Rüddingshausen aus? Das Jubiläum wird daher zum Anlass genommen, sich zu besinnen und zu fragen: »Wie war es noch gleich, als ich klein war?« Oder: »Wollen wir heute überhaupt noch in der Zeit von früher leben?« Mit diesen Worten leitete Schönhals das Erzählcafé ein.

Margarethe Schmidt berichtete, dass sie früher direkt nach der Schule auf dem Feld mithelfen musste. Sie erinnerte sich daran, dass einmal Lehrer Flath ihr sogar die Hausaufgaben erließ, weil sie so gut bei der Feldarbeit mitgearbeitet hatte. Von den einst 120 Landwirtschaftsbetrieben liefern heute nur noch drei Betriebe Milch. Auf die Landwirtschaft war man angewiesen, sie sicherte die Grundnahrungsmittel. Auch die Mädchen mussten bei der Arbeit tatkräftig mithelfen. Bereits mit zehn Jahren besorgten sie die Hausarbeit, holten beispielsweise Brennholz ins Haus und vieles mehr.

Die Rüddingshäuser sind bekannt für ihre Besen und Rechen. Die Vorfahren von Christa Reinhardt stellten diese Gerätschaften in den Wintermonaten her. Im Frühjahr liefen sie sogar bis nach Paris, um die Geräte dort zu verkaufen. Das Handwerk sei früher der Kern des Lebens gewesen. Mit ihren Waren gingen die Menschen in die Städte. Dort konnten sie ihre selbst hergestellten Produkte besser verkaufen. Sie kehrten aber immer wieder in ihre Heimat zurück. Heute noch geltet das Motto: »Gebt euren Kindern Wurzeln, damit sie wissen wo sie herkommen. Gebt ihnen Flügel, damit sie die Welt erkunden.« Das »Internet von früher« war die Spinnstube. So manche lernten sich damals dort kennen. Damit man es in der Stube warm hatte, wurde mitunter in einer »Nacht- und Nebelaktion« im Wald Holz geholt, erzählte Herbert Sohl.

Von November bis Ostern traf man sich jeden Abend immer bei einem anderen Mädchen im Ort. Neben der Strickerei, lernten dort auch viele das Tanzen. Christa Reinhardt erzählte, dass auch früher schon in der Spinnstube »Flaschen drehen« gespielt wurde. Wer dran kam, für den galt: »Nimmst dir en Bursch und gehst raus und zählst die Sterne.« Viele lernten in der Spinnstube den Partner fürs Leben kennen. Auch gesungen wurde viel an den Abenden. Noch heute werden in der Sing-, Spiel- und Trachtengruppe Volkslieder gesungen, so Klinkel.

Die amerikanische Besetzung nach dem Zweiten Weltkrieg hatte einen großen Einfluss auf das Leben der Dorfbevölkerung. Die Amerikaner waren die zweitgrößten Arbeitgeber in Gießen. Aus dem Publikum wurde berichtete, dass viele bereits in jungen Jahren Englisch lernten. In Sachen Kleidung wurden die Deutschen ebenfalls von den Amerikanern beeinflusst. Echte Bluejeans waren besonders im Trend. Da legten sich Frauen auch schon mal mit ihrer Jeans in die Badewanne und ließen die Hose am Körper trocknen, um den Trendy-Effekt zu erhalten. Herbert Sohl erinnerte sich noch an den Tag vor dem Einzug der Amerikaner. Einige deutsche Soldaten kamen nach Rüddingshausen, das wussten die Amerikaner, die bereits ringsherum waren. Die ganze Nacht wurde die Kreuzung in Rüddingshausen bombardiert. Insgesamt 16 Soldaten starben an diesem Tag.

Nach einer kurzen Kaffeepause gingen es mit dem Erzählen weiter (zwölf leckere Kuchen waren von den Frauen des Frauenkreises gebacken worden). Was trugen die Menschen eigentlich früher zur Kirmes? Die Frauen bekamen jedes Jahr ein neues Kleid zur Kirmes, die Männer trugen Anzug. Die Senioren berichteten auch über Jahreshöhepunkte wie Schlachtessen, Konfirmation und Ostern.

Abschließend erinnerte Gerd Klinkel noch an ein Ereignis aus den 80er-Jahren als Rüddingshausen im internationalen Licht stand. Die Bundeswehr führte ein Manöver an der Straße Richtung Deckenbach durch. Das Manöver erweckte international Interesse, und es wurde darüber in zahlreichen überregionalen Zeitungen berichtet.

Schönhals (technisch unterstützt wurde er von Heinrich Großhaus) hofft, dass das Ortsjubiläum die Bürger noch enger zusammenschweißt. Nach dem Auftakt mit historischen Erzählungen findet am 30. Mai ein Stehender Festzug mit einer Ausstellung zu Sitten, Bräuchen und Handwerksberufen und mit künstlerischen Einlagen statt.

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