18. Mai 2012, 18:14 Uhr

Londorf: Sonnenuhr zählte zu Rilkes Inspirationsquellen

Rabenau (vh). Rainer Maria Rilke (1875 bis 1926), der in Gärten und Parks Anregungen für seine Dichtung erhielt, zählte auch den Londorfer Burggarten zu diesen Inspirationsquellen. Darin vor allem die Sonnenuhr, vermutlich ein Modell aus Gusseisen, denn es hat die Zeiten seit Rilkes Besuchen 1905 und 1906 nicht überlebt.
18. Mai 2012, 18:14 Uhr
Steinbildhauermeister Hans-Jürgen Schmidt (links) und Ute Wissner freuen sich über die neue Sonnenuhr. (Foto: vh)

Wenn Wetzlar sich mit Goethe schmückt und Gießen gern von Büchners Aufenthalt profitiert, muss Londorf keine falsche Bescheidenheit praktizieren. Am Sonntagnachmittag wurde dem Dichter Rilke gehuldigt, indem nach gut vierjähriger Planungsphase des Verkehrsvereins Rabenau Christoph Graf von Schwerin, Eigentümer des Burggartens, eine neue Sonnenuhr in Sichtweite des historischen Gartenpavillons enthüllte.

Darinnen hatte Rilke einst genächtigt, das Plätschern des Springbrunnens genossen und die Sonnenuhr im Blick gehabt. Der Londorfer Burggarten stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der historische Pavillon wurde 1842 errichtet.

Vom Kesselbacher Steinbildhauermeister Hans-Jürgen Schmidt wurde das Nachfolgemodell der Sonnenuhr aus Basalt in seiner Werkstatt gestaltet. Zusammen mit Diplom-Ingenieur Friedhelm Dietz aus Homberg/Ohm, einem Sonnenuhr-Fachmann aus Leidenschaft, wurde der geeignete Standort im Burggarten ausgeguckt.

Ute Wissner, die Vorsitzende des Verkehrsvereins, meinte, die Sonnenuhr zu Rilkes Zeiten habe etwas weiter entfernt vom Pavillon gestanden. Heute wachsen Bäume in dem Bereich. Somit musste vom möglichen Originalstandort zwangsläufig abgewichen werden. Dietz zeichnet auch für die Berechnung der Sonnenuhr verantwortlich.

Doch wie kam Rilke nach Londorf? Schwer erkrankt kurte der 29-Jährige im März 1905 im Lahmannschen Sanatorium bei Dresden, wo er Gräfin Luise von Schwerin geborene Rabenau begegnete und noch im selben Jahr ihrer Einladung auf Schloss Friedelhausen folgte. Am 28. Juli 1905 saßen er und seine Frau, die Künstlerin Clara Rilke-Westhoff, schon auf der Schlossterrasse oberhalb der Lahn.

In der Kutsche auf Rilkes Spuren

Überliefert ist, dass Clara an einer Büste ihres Mannes arbeitete, der Dichter an den Versen seines »Stundenbuchs« feilte und Rilke der versammelten Gesellschaft aus seinem just begonnenen Tagebuchroman »Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge« vortrug. Die Schlossgesellschaft unternahm wiederholt Landpartien bis nach Salzböden und zum Hofgut Appenborn bei Odenhausen/Lumda Sieben Wochen blieb Rilke in Friedelhausen und kam im Sommer 1906 erneut hierher.

Am Sonntag weilte man auf Rilkes Spuren. Knapp 40 Gäste waren morgens der Einladung des Grafen von Schwerin zum Frühstück im Schloss gefolgt. Eine improvisierte Schlossgesellschaft in zwei Kutschen begab sich sodann in der Zeit zwischen 10 und 14 Uhr von Friedelhausen bis zum Hofgut nach Appenborn, wo Keramikkünstler Karl-Heinz Till eine mittägliche Suppe kredenzte, und zurück nach Londorf. Angespannt waren zwei Haflinger von Dieter Siegel (Londorf) und zwei Norweger-Fjordpferde von Reiner Velden (Mücke).

Im Burggarten erfolgte dann die Enthüllung der Sonnenuhr. Ute Wissner begrüßte insbesondere Bürgermeister Kurt Hillgärtner, Ralf Lich, den Vorsitzenden der Gemeindevertretung, Graf von Schwerin, Ortsvorsteher Ingo Lich und den Künstler Ogonjok, der zurzeit den »Londorfer Lyrischen Frühling« im Burggarten installiert hat. Die Sonnenuhr hat ein anonymer Spender finanziert. Auch über die Höhe des Betrags wurde Stillschweigen vereinbart.

Wissner erinnerte an die alte Geschichte, nach der Rilke auf dem Rückweg von Appenborn nach Friedelhausen im Londorfer Pavillon übernachtete, weil das Pferd »Hassan« nicht mehr weiter wollte. Im Lichte des Kronleuchters soll Rilke die Stille und Pracht des Gartens genossen haben, wo nur der Springbrunnen leise vor sich hin plätscherte – was dieser bis heute tut.

Rilke-Imitator Erich Klein rezitierte Rilkes Sonnenuhr-Gedicht, Karl-Eberhard Pfeiff vom Verkehrsverein in Nachtwächter-Montur trug das Gedicht »Großvaters alter Garten« vor, das Gräfin Luise von Schwerin verfasst hatte. Denn ihr Großvater hatte einst den Londorfer Burggarten geplant.



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