16. September 2011, 17:15 Uhr

Neun Rabenauer erlebten Einsamkeit der Tiroler Bergwelt

Rabenau (pm). Gemeinsamkeit, Gespräche, tiefes Schweigen, gegenseitige Hilfe, Berg Heil und die Weite und die Einsamkeit der Bergwelt: Dieses Erlebnis hatten kürzlich neun Berwanderer auf ihrer Bergwanderung durch die Kreuzeckgruppe.
16. September 2011, 17:15 Uhr
Die Wandergruppe am Hochkreuz: (hinten von links) Wolfgang Gunold, Walter Fink, Manfred Maurer, Wilfried Becker, Karl Sohl, Josef Kovarik, (vorne von links): Pfarrer Frank Paulmann, Horst Winter, Jürgen Sohl. (Foto: pm)

Pfarrer Frank Paulmann hatte zum achten Mal Männer zwischen 43 und 80 Jahren zu einer siebentägigen Tour in eine fast unbekannte Bergregion eingeladen. Diese besondere Berggruppe in Osttirol liegt zwischen Lienz und Spittal an der Drau. Der Reiz der Kreuzeckgruppe: Sie ist von keiner Bergbahn zu erreichen, und die kleinen Hütten haben sich ihren alten Charme erhalten.

So war man sich schnell einig, dass Wagnis auf sich zu nehmen und den Kammweg von Gödnach bis Möllbrücke in einer Höhe von 1800 bis 2700 Metern entlang zu wandern. Aber: Was als eine Familientour beschrieben wurde, entpuppte sich dann als sehr schwierige, abenteuerliche, atemberaubende und waghalsige Bergwanderung. Von Lienz aus ging es bei strahlendem Sonnenschein Richtung »Anna Schutzhaus«, das auf 1992 Metern liegt. Vor den Männern lag eine Strecke von 16 Kliometern, ein Aufstieg von 1380 Höhenmetern, eine maximale Steigung von 42 Prozent und einer reinen Wanderzeit von siebeneinhalb Stunden. Dabei ging es die ersten neun Kilometer immer an der Drau entlang. In Gödnach labte sich die Gruppe am Dorfbrunnen, und man bereitete sich auf den Aufstieg von 1300 Höhenmetern auch mental vor. Auf einem steilen Wiesenpfad, der sich in schier endlos scheinenden Kehren den senkrechten Hang hinaufzog, ging es bergauf.

Die Sonne meinte es gut und schien erbarmungslos auf die Wandergruppe. Das Wasser wurde zunehmend knapp, der Schweiß rann in Strömen über Stirn und Rücken und so sehnte man die Trettenbergalm herbei. Fehlanzeige, denn die Alm gab es nicht mehr – und die Trinkflaschen waren so gut wir leer.

Hütten-Anmeldung nicht angekommen

An einem kleinen, angrenzenden Waldstück hatten die Männer Glück. Dort gluckerte ein kleines Rinnsal den Berg herab, sodass der Durst gelöscht werden und die Wasserflaschen wieder gefüllt werden konnten. Nach achteinhalb Stunden war das Anna-Schutzhaus erreicht und die Männer genossen die beeindruckende Aussicht und den fantastischen Sonnenuntergang, das Bergglühen der Lienzer Alpen. Wie es auf der Berghütte üblich ist lagen alle gegen 22 Uhr, jeden einzelnen Knochen spürend, aber glücklich das Tagesziel erreicht zu haben im gemeinsamen Lager.

Nach dem Frühstück wurden schnell die Rucksäcke gepackt, und nach einer kleinen Andacht von Pfarrer Paulmann machte man sich auf die längste Tagesstrecke der Wanderung. Die erste wirkliche Kreuzeck-Etappe führte die Gruppe über zig Törls, Gipfel, Scharten und einen kleinen See. Anfangs ging es über Bergwiesen und unter dem Lones-Kopf zum Lindsberger Törl (2294 Meter). Weiter durch die Felsgasse des Happelsköfels ins Micheslberger Törl. »Törl« bedeutet eine Öffnung im Felsen (kleines Tor).

Nun folgte ein Bergauf und Bergab immer auf dem Kamm entlang zum Gipfel des Ziehten-Kopfs (2485 Meter). Hier trug man sich ins Gipfelbuch ein. Dann führten die Schritte über den Damer-Kamm, der eine herrliche Weitsicht bietet und wo ein Kreuz an ein Blitzopfer erinnert, hinab zum idyllischen Wildsee beim Wildseetörl.

Hier genoss die Gruppe das klare, kühle Wasser bei einem erfrischenden Bad. Aufwärts führte der Weg dann zum Sandfeldtörl (2382 Meter) und zur Hugo-Gerber-Hütte (2347 Meter). Nach zehneinhalb Stunden erreichte man dieses Original unter den österreichischen Berghütten. Der Wirt, barfuß laufend, war überrascht, eine Neunergruppe noch zu beherbergen und zu verpflegen, denn die Anmeldung sei nicht angekommen: »Was machen wir denn da, denn das vorgesehene Abendessen reicht nicht mehr für alle, und mit Brot wird es knapp«, überlegte er bei der Begrüßung.

Zum Abendessen gab es dann gebratene Nudeln mit Speck (der sich als rote Wurst entpuppte) und zum Frühstück für jede Person zwei Scheiben Brot und zwei Zwieback mit Marmelade und deftiger Wurst. Da alles voll belegt ist, mussten drei Männer neben der Küche im Lagerraum schlafen, die anderen fanden Platz im Lager. Am anderen Morgen lag die Königsetappe der Kreuzeckgruppe vor der Gruppe. Sie führte über schwindelerregende und atemberaubende Höhen und Tiefen, »zwischen Himmel und Erde schwebend«.

Auf der Kreuzelhöhe nötigte der schmale Steig den Wanderern äußerste Konzentration ab. Über scharf und steil abfallende Hänge, und durch enge und bröselige Felspassagen schlängelte sich der Pfad dahin.

»Absolute Trittsicherheit sowie ruhiges und überlegtes Handeln an den Steilpassagen, wo die Felswand 800 bis 1000 Meter steil ins Tal fällt sind von Nöten«, so Paulmann Am Gipfel holte man bei einer kurzen Pause Atem, schöpfte neue Kräfte und genoss den Fernblick auf die Berge. So war der Großglockner mit seinem Gletscherfeld zu sehen.

An einem Pass zwischen Hochkreuz und Rothorn erwartete die Gruppe noch eine schwierige Passage, der »Gendarm«, »an dem wir uns drahtseilgesichert vorbeiquetschen«. Glücklich und die Müdigkeit des Tages spürend erreichte die Gruppe dann die Feldner Hütte mit dem Glanzsee. Bei Sonnenschein ging es am nächsten Tag über grüne und mit Bächen durchzogene Almwiesen zur Bratleitenalm, über den Naßfeldtörl weiter zur »Annaruhe« und von dort aus Schritt für Schritt über Schutt steil bergauf zur schwierigsten Stelle des Tages: zur Goldgrubenscharte (2448 Meter). Die letzten Meter zur Scharte waren nur mit gegenseitiger Hilfe zu schaffen.

»Schritt für Schritt, Hände fest am Seil«

»Nun heißt es, ordentlich aufgepasst an der spannendsten Stelle der Tour. Der schmale Bergpfad wechselt in die Schattenseite und quert steil abwärts die Nordwand des kleinen Kreuzecks. Es müssen an dieser Stelle zwei steile Schotterrinnen gequert werden, die zwar mit Seilen gesichert sind aber dadurch nicht ungefährlicher, da der Grund sehr rutschig ist. Einzeln jeder für sich, Schritt für Schritt, die Hände fest am Seil wird diese wohl schwierigste Passage der gesamten Tour bewältigt«, beschreibt Paulmann die Situation.

Schließlich erreichte die Gruppe die uralte Salzkofelhütte. Die liebenswürdige Wirtin verteilte die Schlafstellen, und bevor die ersten ihre Rucksäcke auspackten, stand schon der Rest der Gruppe draußen am Bach unter der »Freiluftdusche« und schüttete sich einen Eimer kalten Wassers nach dem anderen über den Kopf.

Für den Abstieg am anderen Tag wählte die Gruppe die Variante über die Jausenstation Mühldorfer Alm. Hier wird bei strahlenden Sonnenschein noch eine Bretteljause eingenommen, bevor es zur Bahnstation Möllbrucke geht. Der Zug brachte die müden Bergwanderer nach Spittal, wo ein frisches Bett in einem guten Hotel auf die Männer wartete. Der nächste Tag war ganz der Erholung der Füße gewidmet, bevor der Zug die Wandergruppe in die Heimat zurückbrachte.

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