03. Juli 2013, 20:58 Uhr

»Kontakt ist jetzt am wichtigsten«

Reiskirchen (mlu). 58 Asylbewerbern bietet das Haus in der Alsfelder Straße in Lindenstruth Platz, in dem seit gut zwei Wochen Flüchtlinge aus Somalia wohnen. Über deren Situation informierten Kreis und Gemeinde am Dienstag in der Gaststätte Traube und appellierten an die Besucher, die Flüchtlinge zu integrieren.
03. Juli 2013, 20:58 Uhr
Die Flüchtlinge sind da und wollen sich in das gesellschaftliche Leben einbringen. Ein Angebot dazu machte ihnen am Dienstag während einer Informationsveranstaltung VfR-Vorstandsmitglied Klaus Grün, indem er Mohamed Hassan Santur einen Fußball überreichte.

Seit gut zwei Wochen leben neun Flüchtlinge in der Alsfelder Straße in Lindenstruth. Jahrelang hatte das Wohnhaus leergestanden. Nun soll es 58 Asylbewerbern als vorläufige Unterkunft dienen. Die Zwischennutzung vereinbarte der neue Eigentümer Erdal Polat aus Laubach mit dem Landkreis Gießen. Um die Dorfbevölkerung für die Situation der Flüchtlinge zu sensibilisieren und öffentlich darüber nachzudenken, wie sie integriert werden können, hatte die Gemeinde am Dienstag zu einer Informationsveranstaltung ins Gasthaus Traube eingeladen, der etwa ein halbes Dutzend Interessierte gefolgt waren. In einem einführenden Vortrag schilderte Hermann Wilhelmy von der Gießener Flüchtlingshilfe, warum Menschen aus ihrer Heimat fliehen, welche Stationen sie während ihrer Aufnahme durchlaufen und auf welche Schwierigkeiten sie und auch die Behörden bei den Asylverfahren stoßen. Ausführungen über die Genfer Flüchtlingskonvention, die europäische Grenzschutzorganisation Frontex oder das Prozedere in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen versetzten die Zuhörer in die Lage, sich besser in die Situation der ebenfalls anwesenden Flüchtlinge hineinversetzen zu können. Stellvertretend für diese dankte der somalische Radioreporter Mohamed Hassan Santur für die freundliche Aufnahme der Gruppe.

Jörg Glasenhardt-Freymann, der Leiter des neunköpfigen Teams Asyl, das im September unter dem Dach der Kreisverwaltung gegründet worden ist, und Annette Schmitt vom Internationalen Bund, erläuterten die Dringlichkeit, durch ehrenamtliches Engagement ein »niederschwelliges Integrationsangebot« zu schaffen, das allerdings nicht mit Sozialarbeit zu verwechseln sei.

Integrationserfolge in Laubach

Einen Integrationsbeitrag könne man leisten, indem man die Flüchtlinge am alltäglichen Leben teilhaben lasse. Indem man sie zu Festen einlade, mit ihnen einen Ausflug unternehme, sie zum Arzt begleite, sie zum Einkaufen oder zum Vereinstraining mitnehme. Das wichtigste sei immer der Kontakt, so Schmitt, damit die Menschen, die Hab und Gut hinter sich gelassen haben und quasi vor dem Nichts stehen, einen Anschluss erhielten. Erwünscht seien auch Angebote zur Hilfe bei Hausaufgaben oder Sachspenden. Trotzdem die Flüchtlinge bereits durch eine Kooperation mit der Kreisvolkshochschule erste Deutschlektionen erhielten, seien Verständigungsschwierigkeiten einstweilen gegeben, hier sei auch Fantasie gefragt, betonte Schmitt. Ein Glücksfall für Lindenstruth: Der bereits erwähnte Santur ist ein ausgebildeter Übersetzer und spricht unter anderem Arabisch und Englisch.

Glasenhardt-Freymann hob hervor, das sämtliche Hilfsangebote über das Team Asyl koordiniert werden sollen, um die Privatsphäre der Asylbewerber zu schützen. Auch Sachspenden sollen dem Team Asyl oder der Flüchtlingshilfe angeboten werden, damit diese bedarfsgerecht verteilt werden können.

Wie Sozialpädagogin Schmitt weiter berichtete, habe sich die Integration der Flüchtlinge in Laubach inzwischen fantastisch entwickelt, gebe es einen regen Austausch zwischen den rund 40 Asylbewerbern und den Einwohnern der Stadt, wobei die Hilfestellungen durchaus nicht einseitig seien, sondern beide Seiten voneinander profitierten. Schließlich brächten die Flüchtlinge jede Menge Ressourcen mit.

Umso wichtiger sei es, ihnen eine Perspektive zu geben, etwa durch Praktika. Tatsächlich hospitieren in Laubach lebende Flüchtlinge bereits in der Licher Asklepiosklinik oder in landwirtschaftlichen Betrieben. Dem Beispiel folgte zu fortgeschrittener Stunde Klaus Grün, Vorstandsmitglied des VfR Lindenstruth, indem er den Somaliern unter dem Beifall der Anwesenden einen Fußball überreichte.

Allerdings wurde auch Kritik geäußert. Viel zu spät habe der Gemeindevorstand den Ortsbeirat informiert, was zu Gerüchten geführt und Ängste geschürt habe, monierte Ortsvorsteher Gerhard Albach. Man habe viele Fragen an den Ortsbeirat herangetragen, die dieser jedoch nicht habe beantworten können, obschon seit langem klar gewesen sei, dass Flüchtlinge nach Lindenstruth kommen.

Bürgermeister Dietmar Kromm wies die Kritik zurück, verwies stattdessen auf den stattfindenden Informationsabend. Die Anwesenden bat er, die Flüchtlinge in die Ortsgemeinschaft aufzunehmen. Er hob hervor, dass sie nicht mit den bettelnden Roma zu verwechseln seien, die dieser Tage im Ort umhergegangen waren.

Rund 500 Flüchtlinge nimmt der Landkreis Gießen dieses Jahr auf, 205 von ihnen leben in Gemeinschaftsunterkünften in Staufenberg, Grünberg, Langgöns, Laubach und Reiskirchen. Wer sich in die Hilfsaktionen vor Ort einbringen möchte, wendet sich an Jörg Glasenhadt-Freymann (Tel. 06 41/93 90 94 68), oder an Pfarrer Hermann Wilhelmy von der ev. Flüchtlingsseelsorge Gießen (Tel. 06 41/7 94 96 40).

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