02. Juni 2016, 09:23 Uhr

Jürgen Leib übergibt Vorsitz des TSV Krofdorf-Gleiberg

Wettenberg (so). 30 Jahre zwar Dr. Jürgen Leib Vorsitzender des größten Sportvereins im Landkreis Gießen, des rund 2600 Mitglieder zählenden TSV Krofdorf-Gleiberg. Zuvor, von 1974 bis 1986, war er zwölf Jahre lang zweiter Vorsitzender. Dieses Amt übernimmt er nun wieder, tauscht die Rollen mit seinem bisherigen »Vize« Kay Drescher.
02. Juni 2016, 09:23 Uhr
Jürgen Leib (Foto: pv)

Der Turner wurde in der Mitgliederversammlung am Mittwochabend zum neuen Vorsitzenden gewählt; Läufer Leib für die kommenden Jahre zum Stellvertreter berufen. Bewusst hatte sich Jürgen Leib einen »großen Bahnhof« verbeten: »Ich habe den Vorstand gebeten, keinen Aufriss um meine Person zu machen.« Auch auf einen Rückblick auf wichtige Ereignisse der abgelaufenen 42 Jahre hat er verzichtet: »Das sollte zu einem späteren Zeitpunkt geschehen, wenn ich aus dem Vorstand ausscheide.«

Dabei ist er einer der wenigen Vereinsvorsitzenden weit und breit, dem es gelungen ist, während seiner Amtszeit den 100. und den 150. Geburtstag des Vereins zu feiern. Wie das? 1987 wurde das »100-Jährige« begangen mit zwei Festwochenenden und 30 teils hochkarätigen Sportveranstaltungen das ganze Jahr über. Schon damals gab es Zweifel am tatsächlichen Alter des Vereins respektive der Vorläufervereine. Nachdem 25 Jahre später gesicherte Belege gefunden waren, wurde das »150-Jährige« gefeiert…

Mit 40 hatte Jürgen Leib seinerzeit den Vorsitz des Turn- und Sportvereins in seinem Heimatort übernommen, im August wird er 70 Jahre alt. »Kay Drescher wird jetzt 50, dann kann er das auch 20 Jahre machen«, schmunzelt der neue »Vize«, der seinen Nachfolger noch einige Zeit gerne unterstützen möchte. – Nachgefragt bei Jürgen Leib zum Wandel in den vergangenen 42 Jahren:

Vereinsleben hat sich gewandelt: Sportvereine sind mehr denn je Dienstleister. Wie bewerten Sie diese veränderten Strukturen und Ansprüche?

Jürgen Leib : Die Mitglieder alter Prägung nehmen ab. Damit sind die TSVler gemeint, die als Kind in den Verein eintreten, dann für 25- und 50-jährige Mitgliedschaft geehrt und irgendwann auf einer Jahresmitgliederversammlung in Abwesenheit ein letztes Mal namentlich genannt werden. Die Fluktuation und das Desinteresse am Vereinsleben, besonders unter den jüngeren Vereinsmitgliedern, wächst. Man treibt einige Jahre seinen Sport, lässt sich trainieren, betreuen und transportieren, übt kein Ehrenamt aus und verlässt dann den Verein.

Zieht sich das überall durch?

Leib: Das Konsumentenverhalten auch der Eltern nimmt zu, respektive ihre Bereitschaft zum Engagement ist nur in geringem Maße vorhanden. Man kommt kurz vor Trainingsbeginn, wenn – etwa in der Turnabteilung – der Aufbau schon erledigt ist, und liefert das Kind ab. Erwartet wird, dass das Training von einem hoch qualifizierten Übungsleiter durchgeführt wird, es pädagogisch wertvoll ist und dass jedes Kind individuell gefördert wird. Unmittelbar nach Ende das Trainings wird das Kind abgeholt. Der Abbau der Geräte erledigt sich von selbst. Für einen Vereinsbeitrag von einem Euro pro Übungsstunde muss man sich ja nicht engagieren. Die Konsequenz: Wenn eine gewisse Schwelle überschritten ist, wird man hauptamtliche Unterstützung in Teil- oder Vollzeit in Anspruch nehmen müssen. Das schlägt dann auf die Vereinsbeiträge durch.

Gibt es in einem Mehr-Sparten-Verein mit weit über 2000 Mitgliedern noch Elemente des klassischen Vereinslebens?

Leib: Das klassische Vereinsleben hat im TSV deutlich nachgelassen. Früher gab es sieben abteilungsübergreifende Veranstaltungen: Weihnachtstanz, Spartenspiele, Vereinswandertag, Ausflug zum Tag des Sports, Kinderfest, Rosenmontagsball und eine Veranstaltung für die älteren Mitglieder. Davon sind nur die beiden Letztgenannten geblieben, wenn auch in veränderter Form. Mit Kaffee und Kuchen in der Mehrzweckhalle allein holt man keinen mehr hinterm Ofen hervor. Wenn zu Jahresmitgliederversammlungen nicht die für sportliche Erfolge und langjährige Vereinsmitgliedschaft zu Ehrenden eingeladen würden, wären die Vorstandsmitglieder und Abteilungsleiter weitgehend unter sich. Auch Abteilungsversammlungen sind meist schwach besucht. Die meisten Sportler blicken kaum noch über ihre Mannschaft, ihre Trainingsgruppe hinaus.

Also wird alles schlechter?

Leib: Nein. Das will ich so nicht sagen: Es haben sich bis jetzt noch immer genügend Vereinsmitglieder gefunden, die bereit sind, sich ehrenamtlich zu engagieren: Sei es im Vorstand, in den Abteilungsleitungen, als Trainer, Betreuer, Schiedsrichter, Fahrer usw. Aber der Trend zum nicht vereinsgebundenen Sport in kommerziellen Anlagen und in freier Natur nimmt zu. Für einen wachsenden Anteil insbesondere der Jüngeren scheint der Sportverein weniger eine Solidargemeinschaft als vielmehr ein Fun- und Freizeitclub zu sein. Es gibt zwar immer noch mehr Fußballer als Fallschirmspringer und mehr Handballer als Segelflieger. Aber sogenannte Erlebnissportarten gewinnen an Bedeutung. Konkurrenten des Vereinssports sind zudem der PC, der Fernseher, Freizeitparks, Abenteuer- und Fernreisen.

Inwiefern lässt sich da gegensteuern?

Leib: Dass die Mitgliederzahl des TSV kontinuierlich wächst beziehungsweise sich auf einem hohen Niveau von aktuell 2625 stabilisiert hat, ist vor allem darauf zurückzuführen, dass wir auf den demografischen Wandel seit vielen Jahren reagieren und gesundheitsorientierte Angebote eingerichtet haben: Aqua-Jogging, funktionelles Gesundheitstraining, Gymnastik für Frauen, Walkingtreff, Seniorensport am Vormittag, Tanzen für Ältere, Wasser- und Wirbelsäulengymnastik... Gegenüber kommerziellen Anbietern und nicht vereinsgebundenem Sport liegt im TSV die Betonung auf »gesunder Bewegung in sozialer Gemeinschaft«.

Einem Nachfolger Ratschläge mit auf den Weg zu geben, ist immer so eine Sache. Wünsche sind aber erlaubt: Was wünschen Sie Kay Drescher außer der »glücklichen Hand« bei der Vereinsführung?

Leib: Zum einen eine lange Amtszeit. Und dass er eigene Wege in der Vereinsführung beschreiten und neue Ideen insbesondere der Kommunikation entwickeln wird. Im Januar 2015 hatten wir eine Klausurtagung, in der 40 Aufgabengebiete unter die Lupe genommen wurden. Da wurden eine ganze Reihe von Perspektiven zur zukünftigen Entwicklung des TSV Krofdorf-Gleiberg diskutiert und weiterentwickelt. Arbeit ist genug da.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos