15. Juli 2011, 18:35 Uhr

Roy Stern in Krofdorf auf familärer Spurensuche

Wettenberg (ar). Roy Stern, ein Enkel des Krofdorfers Sally Süßkind war kürzlich eigens aus Israel gekommen, um nach seinen familiären Wurzeln in Deutschland zu suchen. Der 62-jährige Kinderarzt und Vater von sieben Kindern, begab sich hierfür in die Heimat seiner Vorfahren in Hessen, die in Krofdorf-Gleiberg und in Fulda liegen.
15. Juli 2011, 18:35 Uhr
Die Familie Stern an der Gedenktafel der evangelischen Kirche in Krofdorf: Vater Roy Stern mit seinen Kindern Adina, Sara, Roy , Aryeh, Meira und Gidon.«

Vor seiner Reise stand Stern mit Manfred Schmidt in Verbindung. Der Lokalhistoriker sammelt bereits seit vielen Jahren auch Informationen zum Leben jüdischer Mitbürger seiner Heimatgemeinde und der Region. Schmidt sah sich selbstverständlich in der Pflicht, seinem Besuch bei ihren Nachforschungen behilflich zu sein und stellte sein umfangreiches Wissen zur Verfügung.

Roy Stern, der mit fünf seiner Kinder nach Deutschland gekommen war, ist schon vor vielen Jahren von den USA nach Israel ausgewandert. Nur drei Tage konnte er sich Zeit nehmen, also galt es ein straffes Pensum zu absolvieren, das er zuvor mit Manfred Schmidt schriftlich fest gelegt hatte.

Eine Farbenfabrik in Fulda

Ein Schwerpunkt dieser Reise zu den Wurzeln war zunächst der Besuch in Fulda, wo Roy Stern das Zuhause seiner väterlichen Vorfahren sehen wollte. 1892 gründete Hirsch Stern eine Lack- und Farbenfabrik, die sich bis 1937 im Besitz der Familie befand. Seit 1933 bereits wurde von der NS-Regierung die Arisierung aller jüdische Betriebe vorangetrieben, sei es nun durch Enteignung oder durch Zwangsverkäufe weit unter Wert. Zwischen 1937 bis 1998 hieß die Firma »Rhodius Lacke und Farben GmbH. 1998 übernahm das finnische Unternehmen Teknos die die Fuldaer Firma. »Ein hochrangiger Manager zeigte bei unserem Treffen in der Firma am 22. Juni starkes Interesse an der ganzen Geschichte der ehemaligen Lackfabrik und lud die Familie Stern zum 120jährigen Jubiläum der Firma in 2012 ein«, berichtet Manfred Schmidt.

Wiederum ein bewegender Augenblick war der Besuch des Wohnhauses der Familie, das direkt auf dem Firmengelände liegt. Es verfügt über einen glasüberdachten Innenhof. Die Sterns waren sehr religiös, und Roy Stern meinte, es läge nahe, dass dieser Raum eigens zur Feier des Laubhüttenfestes gestaltet worden sei.

Ein weiteres ehemaliges Wohnhaus der weitläufigen Familie Stern fand sich in der Karlstraße in Fulda, wo das Ehepaar Schmidt und Roy Stern an diesem Tag rein zufällig am Hauseingang auf Bewohner stießen, die ihnen mitteilten, dass eine über 80-jährige Frau seit vielen Jahrzehnten dort wohne. Die alte Dame zeigte sich hocherfreut über den unverhofften Besuch aus Israel und erklärte, dass ihre Wohnung tatsächlich früher das Zuhause der Familie Stern gewesen war.

Roy Sterns Großvater mütterlicherseits war Sally Süßkind, ein engagierter Bürger in Krofdorf, vor allem im Sportbereich. Er setzte sich insbesondere für den Bau einer Turnhalle in Krofdorf ein und war vollständig im Ort integriert. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten war jedoch den Süßkinds ebenso wie anderen jüdischen Familien das Leben im Dorf unmöglich gemacht worden. Zwar gab es stille Hilfe einzelner Krofdorfer, denen der Antisemitismus fremd blieb, aber der Geist der Feindseligkeit war überall spürbar. Existentielle Bedürfnisse wie Milch zu kaufen oder Brot im Backhaus zu backen wurden den jüdischen Familien verwehrt. Sogar das Wasser stellte man ihnen ab. Schließlich sah sich Sally Süßkind gezwungen, 1937 mit seiner Familie aus Deutschland in die USA zu emigrieren. Bis zu seinem Lebensende trauerte Süßkind um den Verlust seiner Heimat

Sein inzwischen über 80jähriger Sohn Rolf, ein Onkel von Roy Stern, lebt noch immer in New York und steht im Briefkontakt mit Manfred Schmidt, Mitglied im Heimat- und Geschichtsverein Krofdorf-Gleiberg. Aus persönlichen Gründen war es dem betagten Mann nicht möglich gewesen, 2008 zur Enthüllung der Gedenktafel an der Mauer der evangelischen Kirche anzureisen.

Seine Schwester Ida Irene Ingeborg Süßkind heiratete in den USA Gustav Stern, den sie bereist in Fulda kennengelernt hatte. »Süßkinds Ida« wie man sie Krofdorf nannte, ist die Mutter von Roy Stern.

Manfred Schmidt zeigte der Familie Stern Häuser, in denen Süßkinds in Krofdorf gelebt hatten, ebenso die Gedenkplatte, die 2008 an der Innenseite der Kirchenmauer der Evangelischen Kirche in der Rodheimer Straße zur Erinnerung an die Ermordung und Vertreibung der jüdischen Mitbürger erinnern soll.

Am Grab der Angehörigen

Bewegende Momente erlebte Manfred Schmidt vor allem, als er mit den Sterns jüdische Gräber auf dem Vetzberger Friedhof besuchte, auf dem auch Angehörige der Süßkinds beigesetzt worden waren. Hier war es Roy Stern möglich, den Verstorbenen seiner Familie die Ehre zu erweisen und das jüdische Totengebet, das Kaddisch, zu vollziehen. Darin wird der Tote stets persönlich genannt. Es war dies nach dem Ende des »Dritten Reiches« wohl das erste Mal, dass ein Familienmitglied diese Gräber besuchen konnte.

Umso bestürzter zeigte sich Roy Stern, dass man in Wetzlar auf dem jüdischen Teil des Friedhofes ab 1969 alte Grabsteine aus Atzbach aufgestellt hatte.

Die Achtung vor den Toten spielt eine besondere Rolle im jüdischen Glauben. Man darf Gräber weder betreten und schon gar nicht versetzen. In Wetzlar befindet sich nun auch seit dieser Zeit ein Grabstein eines Angehörigen, möglicherweise über der Totenstätte eines anderen Verstorbenen. Ein Grab ist nach jüdischem Glauben ein »Haus der Ewigkeit« für den Verstorbenen.

Am Nachmittag begleiteten die Sterns gemeinsam mit dem Ehepaar Schmidt Gertrude Schlage, geborene Niebergall, ins Gemeindehaus der Evangelischen Kirche. Frau Schlage hatte die Familie spontan zu ihrem Geburtstag eingeladen. Die Familie Niebergall betrieb, als die Süßkinds noch Krofdorf lebten, die Gastwirtschaft auf der Burg Gleiberg, daher war Frau Schlage damals auch unter dem Ortsnamen »Burchs Gertrud« bekannt. Sie hat die Familie von Sally Süßkind noch persönlich gekannt und berichtete bereitwillig aus ihren Erinnerungen, auch von den unwürdigen Umständen, unter den jüdische Familien in der Gemeinde zu leiden hatten.

Anderes Bild von den Deutschen

Eine der Töchter Roy Sterns bemerkte, dass sie ein gewisses Bild von den Deutschen gehabt habe, das sehr von der Vergangenheit geprägt sei. Nun habe sie gesehen, was sich verändert hat.

Die Begegnung mit der Vergangenheit ihrer Familien in Deutschland hat die Sterns ihren Wurzeln näher gebracht. Das beiderseitige Entgegenkommen, die offenen Gespräche und die wechselseitige Achtung setzten Zeichen der Versöhnung.

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