04. Juni 2018, 22:14 Uhr

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04. Juni 2018, 22:14 Uhr
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Von Eva Diehl

Sie ist die erste Professorin für Allgemeinmedizin an der Justus-Liebig-Universität Gießen – und damit Anfang der 80er Jahre deutschlandweit die erste Frau in dieser Position. Und nicht nur das. Ingeborg Siegfried betreute als Olympiaärztin das Deutsche Team. Als Hausärztin kümmerte sie sich fast dreißig Jahre um die Anliegen der Menschen in ihrem Heimatort Biebertal. Viele Jahre ist sie Vorsitzende des Deutschen Ärztinnenbundes und fördert junge Kolleginnen. Zu ihrem 90. Geburtstag ehrt sie der Berufsverband am Samstag mit dem Symposium »Wie schlagen Frauenherzen heute?« in der Klinikstraße 29. Das Motto ist angelehnt an Siegfrieds Buch »Frauenherzen schlagen anders« über Symptome von Herzerkrankungen speziell bei Frauen – ein Thema, das mittlerweile in jedem Lehrbuch zu finden ist.

1 Wie haben Sie sich als erste deutsche Professorin für Allgemeinmedizin behauptet?

Die Allgemeinmedizin galt früher als Medizin für Aussteiger. Wenn man nichts bekommt, eröffnet man eben eine Praxis auf dem Land. Diesen Ruf galt es zu verbessern. Dazu kam: Als Frau war ich eine der wenigen weiblichen Professorinnen unter Männern. Mein Vorteil war, dass ich schon bekannt war. Ich hatte zuvor gelehrt und als Internistin gearbeitet. So oder so habe ich mich nicht bremsen lassen.

2 Inwiefern schlagen Frauenherzen anders als Männerherzen?

Frauen und Mädchen trainieren anders als männliche Sportler. Das habe ich bemerkt als ich mich im Breitensport engagiert, eine Gesundheitssportgruppe gegründet und als Olympiaärztin gearbeitet habe. Frauen sind hormonellen Schwankungen unterworfen, haben in der Regel ein kleineres Herz und weniger Muskeln. Dem muss auch die Medizin Rechnung tragen. Die allgemein bekannten Symptome eines Herzinfarktes wie Brustschmerzen bis in den linken Arm haben zum Beispiel vor allem Männer. Frauen haben hingegen oft Bauch- und Kieferschmerzen oder Kreislaufzusammenbrüche. Damit wurden Frauen in der Vergangenheit oft nicht ernst genommen und Infarkte dadurch zu spät diagnostiziert. Für die geschlechterspezifischen Medizin haben wir damals wichtige Erkenntnisse geliefert.

3 Welche Ihrer Erfahrungen würden Sie jungen Ärztinnen gerne mitgeben?

Frauen sollten keine Scheu vor diesem Beruf haben. Die Medizin ist insgesamt weiblicher geworden und Patienten gehen sehr gerne zu Ärztinnen. Sie sind oft empathisch und können dadurch auf ihre Patienten einwirken. Diese Fähigkeit sollten junge Kolleginnen nutzen. Grundsätzlich können Frauen im Beruf das Gleiche leisten wie Männer. Eine geringere Bezahlung lassen wir uns daher schon lange nicht mehr gefallen. Dafür und für andere Belange der Frauen in der Medizin setzt sich der Deutsche Ärztinnenbund ein.

KURZBIOGRAFIE

Ob an der Universität in Gießen oder als Hausärztin in der Provinz – Prof. Dr. Ingeborg Siegfried ist Medizinerin mit Herz und Seele. Sie stammt aus Bieber und hat in Bonn, Marburg und Gießen studiert. An der medizinischen Poliklinik arbeitete sie sechs Jahr als Internistin. 1960 eröffnet sie eine Hausarztpraxis in Biebertal, die sie 28 Jahre führte. An der Justus-Liebig-Universität Gießen lehrte sie seit 1974 und wird 1982 als Professorin für Allgemeinmedizin berufen. Im März hat sie in Biebertal ihren 90. Geburtstag gefeiert. (edg/Foto: edg)



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