Stadt Gießen

31 Jahre Ortsgeschichten aus Kleinlinden

Nach 125 Ausgaben und mehr als drei Jahrzehnten erscheint in diesen Tagen der letzte »Linneser Backschießer«. Das Dorfblättchen war ein publizistisches Sprachrohr nicht nur für Kleinlinden.
18. Dezember 2018, 14:00 Uhr
Christian Schneebeck
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Dagmar Hinterlang und Bernd Heilenz im »Redaktionsbüro«. (Foto: csk)

Wenn jedes Ende auch ein Anfang ist, dann steht eines fest: Was bei Dagmar Hinterlang demnächst anfangen könnte, würde so schnell wohl kein Ende nehmen. »Jetzt kann ich anfangen, wegzuschmeißen«, sagt die Journalistin, umgeben von Regalen, Ordnern und Kisten voller Material.

Gerade hat sie ausführlich die Geschichte des »Linneser Backschießers« Revue passieren lassen, der dieser Tage nach 31 Jahren und 125 Ausgaben zum letzten Mal erscheint. Nun zeigt Hinterlang Redaktion und Archiv des Kleinlindener Dorfblättchens bei sich zu Hause unterm Dach. Wegwerfen, aussortieren, sich von weniger Wichtigem trennen: Geht das überhaupt, nach drei Jahrzehnten? Nun ja, die Ankündigung kommt zumindest nicht im Tonfall des Definitiven daher – eher als Möglichkeit, wenn es unbedingt sein muss.

Der letzte »Backschießer« nimmt auch seine Leserschaft mit auf eine Zeitreise. Auf dem Titel finden sich die Cover aller 125 Ausgaben, im Inneren für jedes Erscheinungsjahr Texte zu den Höhepunkten. Dorfgeschichtliches reiht sich ein neben dem einen oder anderen kleinen Scoop, Berichte über die Aktivitäten in den Vereinen stehen Seite an Seite mit Recherchen zur Ersterwähnung Kleinlindens 1269. Ganz im Sinne dieser Mischung habe man sich stets als Sprachrohr für die Dorfgemeinschaft gesehen, sagt Hinterlang.

Entstanden war der »Backschießer« 1987 als Mitteilungsblatt für den im Jahr zuvor von Handballern des TSV Klein-Linden gegründeten »Kulturkreis Kleinlinden«. Er organisierte zum Beispiel Theater- und Museumsbesuche – und das Blättchen begleitete sie bald publizistisch. Die Redaktion bildeten Hinterlang, die seit 1991 auch für die Gießener Allgemeine Zeitung schreibt, Sabine Bork, Hans-Dieter Klein und Bernhard Lenz. Gründungsmitglieder waren ferner Christiane Janetzky-Klein, Lothar Wischnewsky und Hans Hinterlang, die technische Umsetzung besorgte Bernd Heilenz. Finanziert wurde der »Backschießer«, der vierteljährlich erschien, an alle Haushalte im Ort verteilt wurde und zuletzt eine Auflage von 2700 Exemplaren hatte, ausschließlich über Anzeigen und Spenden.

Manch treuer Leser ist noch in Schockstarre

Dagmar Hinterlang

Dass er künftig nicht mehr im Briefkasten liegt, kann sich so recht niemand vorstellen – weder die Leser noch die Macher. »Wenn’s am Schönsten ist, dann soll man gehen«, schreiben Letztere auf ihrer Homepage. Leicht fällt der Abschied aber nicht, das offenbart schon die etwas merkwürdige Schlussnummer. Warum sie nicht nach 30 oder 33 Jahren aufhören, nach 100 Ausgaben oder 150? Die Überlegung habe es immer wieder mal gegeben, berichtet Hinterlang. Der Entschluss sei jedoch erst Anfang dieses Jahres gefallen.

Seither erlebe sie vor allem »großes Bedauern«, sagt die Journalistin, manch treuer Leser sei noch »in Schockstarre«. Und treue Leser gibt es reichlich: Im Laufe der Jahre gingen einzelne Exemplare an Exil-Kleinlindener in Bayern und Berlin, kurzzeitig eines sogar nach Chicago. Inzwischen sind mit der Redaktion auch die eingefleischten Fans gealtert. »In Papierform werden uns eher die älteren Leute vermissen«, meint Hinterlang. »Viele junge nutzen andere Angebote.« Die Digitalisierung geht selbst an einem Dorfblättchen nicht spurlos vorbei.

Spiegel des Medienwandels

Beim Blick in das »Backschießer«-Archiv lässt sich dieser Befund allerdings sogleich wieder ins Positive wenden. Die 125 Ausgaben dokumentieren nicht nur drei Jahrzehnte Lokalgeschichte, sondern auch den Medienwandel im Laufe der Zeit. Alles beginnt mit einem 16 Seiten dünnen Heftchen in Schwarz-Weiß, einer »besseren Schülerzeitung«, wie Hinterlang scherzt.

Das andere Ende der Zeitspanne markiert ein vierfarbiges Magazin, auf festem Papier gedruckt und mit rund 60 Seiten so dick, dass die Heftklammern mehr kaum halten könnten. Ursprünglich wurde für die Produktion noch geschnippelt und geklebt. Ein Hinweis wie »Sonntags geschlossen« rutschte dabei schon mal zu nah an die falsche Anzeige – und fehlende Trennstriche mussten notfalls per Hand gezogen werden. Heute existieren von den ersten Inserenten nur noch drei Firmen. Vereinsnachrichten, die einst das ganze Blatt füllten, sind mittlerweile umgeben von Reiseberichten und anderen längeren Artikeln.

Ein Großteil des darin verarbeiteten Materials lagert bei Dagmar Hinterlang unterm Dach. Hier gewinnt man den Eindruck: Lange hätte der »Backschießer« schon wegen des fehlenden Platzes im Archiv nicht mehr erscheinen können. Jetzt, da er Geschichte ist, könnte man sicher manche Ordner wegwerfen. Aber schade wäre es doch.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-31-Jahre-Ortsgeschichten-aus-Kleinlinden;art71,530234

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