11. Februar 2019, 13:52 Uhr

Flughafen

74 Jahre danach: Tilli Neffgen über ihre Erlebnisse am Gießener Flughafen

Vor 74 Jahren war Tilli Neffgen zum letzten Mal am Gießener Flughafen. In der Flugzeug-Werft hatte sie Motoren gewartet. Nun ist mit 90 Jahre an ihren alten Arbeitsplatz zurückgekehrt.
11. Februar 2019, 13:52 Uhr
Im Februar 2019 ist das Gelände zwischen Rödgener Straße und Wieseckaue eine Großbaustelle. (Foto: Schepp)

Beim Anblick des Messerschmitt-Motors leuchten ihre blauen Augen. Die alte Dame betrachtet das Foto und lacht. »Dort musste man die Schrauben immer noch mal festziehen. Ich könnte das heute noch, da sitzt jeder Griff«. Tilli Neffgen stützt sich auf ihren Rollator. Sie hört nicht mehr so gut, aber »da oben« – sie tippt sich an die Schläfe – ist noch immer alles tipptopp. Deshalb kann sie sich noch gut erinnern an ihre Zeit auf dem Gießener Flughafen (Lesen Sie auch: Flughafen weckt Begehrlichkeit der Kriegsplaner).

Von 1943 bis 1945 war das. Sie und viele andere Mädchen und Frauen waren für die Wartung der Flugzeuge zuständig. Wer sonst? »Die Männer waren ja alle im Krieg«. Dabei hatte Mathilde, die schon damals Tilli genannt wurde, ganz andere Pläne. Sie wollte nach der Volksschule Friseurin werden. Der Salon am Landgraf-Philipp-Platz freute sich schon auf sein neues Lehrmädchen. Aber der Reichsarbeitsdienst winkte ab, erzählt die Seniorin. »Das interessierte die nicht. Wir wurden dahin geschickt, wo die Männer fehlten«. Erst einmal ging es vier Wochen zur Schulung nach Ansbach. Fotos aus jener Zeit zeigen Dutzende junger Mädchen im Blaumann. Sie lächeln für den Fotografen. Tilli war mit 15 Jahren eine der jüngsten. Sie hatte nichts gegen dieses Abenteuer. Noch schienen sie alle und auch Deutschland unbesiegbar zu sein.

Die alte Motorhalle steht noch.
Die alte Motorhalle steht noch.

Im Februar 2019 ist das Gelände zwischen Rödgener Straße und Wieseckaue eine Großbaustelle. Der Stadtteil erfährt eine rasante Entwicklung. Zwischen HEAE und ehemaligem Motorpool-Gelände haben sich Unternehmen angesiedelt, Straßen entstehen, bald kommt mit dem Otto-Konzern ein Riese hinzu. Von der Dachterrasse des alten Flughafengebäudes kann man hinüberschauen zum früheren Werftgebäude. Revikon-Inhaber Daniel Beitlich, der das gesamte Areal vor einigen Jahren gekauft hat, gibt Tilli Neffgen einen Überblick über das, was hier noch geschehen wird. »Bis September wird die Restaurierung dieses Hauses abgeschlossen sein, dann kann in dem alten Ausflugslokal wieder gefeiert werden«, kündigt er an. In den 30er Jahren pilgerten die Gießener zu Erdbeerkuchen und »Flugzeuge gucken« hierher. 1937 war Schluss mit der zivilen Nutzung, ab 1939 diente der Flughafen dem Kampfgeschwader 55 »Greif« der Luftwaffe. Nach Kriegsende übernahmen die Amerikaner das Gelände, Hauptquartier und US-Depot entstanden. Für die Gießener war das Areal über Jahrzehnte nicht zugänglich und somit für viele ein fremder, fast exotischer Ort. Das änderte sich erst nach dem Abzug der US-Armee 2007. An diese Entwicklung erinnerten auch Jens Ihle und Manuel Heinrich vom Regionalmanagement Mittelhessen, die mit ihren Industriekultur-Führungen sowohl für Rück- als auch für Ausblicke sorgen. Sie hatten den Kontakt zur ehemaligen Schrauberin Tilli Neffgen hergestellt.

Wir wurden dahin geschickt, wo die Männer fehlten. Ich wollte eigentlich Friseurin werden

Tilli Neffgen

Im Empfangsgebäude des Flughafens hatten die jungen Mädchen damals nichts zu suchen, schildert die alte Dame. Ihr Arbeitsplatz war die Werft, etwas anderes bekamen sie nicht zu sehen. Das Auseinandernehmen, Säubern und Zusammensetzen der Motoren ging ihr leicht von der Hand. Ihr Mittagessen mussten sich die Mädchen und Frauen selbst mitbringen, aber die Luftwaffe spendierte täglich eine große Portion Milch. Die sollte entgiftend bei Metalldämpfen wirken – ein Irrglaube, der den Arbeiterinnen jedoch zu einem nahrhaften Getränk verhalf. An die Arbeit selbst hat die 90-Jährige keine schlimmen Erinnerungen. Wie lange sie für die Wartung einer Maschine gebraucht haben, weiß sie nicht mehr so genau. Aber dass die Piloten es zwischen ihren lebensgefährlichen Einsätzen manchmal gar nicht so eilig hatten, das weiß sie noch. Dann ließ man sich ein bisschen Zeit in der Werkstatt. Richtige Glückstage waren auch dabei. »Die Männer brachten aus Frankreich manchmal kleine Geschenke mit. Seife und Parfüm«, sagt sie mit einem fast verschämten Lächeln.

Ich vergesse die Luftangriffe auf den Flughafen nie. Aber ich hatte keine Angst

Tilli Neffgen

Das Erzählen strengt die alte Dame an. Sie legt eine Pause ein, schließt kurz die Augen. Und berichtet unvermittelt von den Luftangriffen. Die erfolgten im Gegensatz zu denen auf die Stadt tagsüber. Einmal hat es eine Halle mit Kolleginnen getroffen. Nur wenige haben überlebt. Tilli hat ihr Fahrrad immer in der Nähe der Werkstatt abgestellt. Wenn die Flieger näher kamen, ist sie losgefahren, so schnell sie konnte. Eines Tages hat sie sich in letzter Sekunde in den Graben geworfen. Den hat sie nun gleich wiedererkannt. Nach mehr als 74 Jahren. Die Eltern in Annerod standen damals auf dem Kartoffelacker und sahen hinter dem Wald ein riesiges Feuer aufgehen. Der Flughafen! Sie glaubten, ihre Tochter sterbe in den Flammen.

Sie und viele andere Mädchen und Frauen waren für die Wartung der Flugzeuge zuständig. Wer sonst? »Die Männer waren ja alle im Krieg«.

»Ich habe das niemals vergessen, aber ich hatte keine Angst. Nie.«, versichert die Seniorin. Nach dem Krieg hat sie geheiratet, eine Familie gegründet. Friseurin ist sie nicht geworden, aber sie hat immer viel gearbeitet, meist in handwerklichen Berufen. Über ihre Zeit als Schrauberin hat sie selten gesprochen. Wozu? »Man wollte ja nach vorne gucken«. Und auch mit Flugzeugen hatte sie nichts mehr im Sinn. Ein einziges Mal in ihrem Leben ist sie in den Urlaub geflogen. Aber da war sie schon über 80.

Info

Arbeitssklaven für die Rüstung

Die robuste Technik und die Flug­eigenschaften der Propellermaschinen aus dem II. Weltkrieg faszinieren bis heute viele vom Flugsport begeisterte Menschen. Dabei darf nie vergessen werden: Auf deutscher Seite konnte die Kriegsmaschinerie nur durch Dienstverpflichtung der eigenen Bevölkerung und vor allem den Einsatz von Millionen Zwangsarbeitern am Laufen ge­halten werden. Die Zahl der verschleppten Zwangsarbeiter, der Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge wird auf 20 Millionen geschätzt, viele wurden in der Rüstungsindustrie eingesetzt. Bei Messerschmitt zum Beispiel waren tausende KZ-Häftlinge aus dem System der Lager Flossenbürg und Mauthausen sowie russische Zwangsarbeiter bei der Produktion des Jägers 109 eingesetzt. Bei Daimler-Benz, wo der Flugzeugmotor DB 605 hergestellt wurde, waren 1944 nach Angaben des Unternehmens die Hälfte der gut 63 000 Beschäftigten Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene oder KZ-Häftlinge.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Arbeitsplätze
  • Dame
  • Daniel Beitlich
  • Flughäfen
  • Flugzeuge
  • Friseure
  • Gießen
  • Instandhaltung
  • Lehrlinge
  • Luftangriffe
  • Otto GmbH & Co
  • US-Armee
  • Christine Steines
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 5 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.