13. Mai 2016, 18:03 Uhr

Ärger in der Taxibranche

Gießen (srs). Ab 1. Juni vergibt die AOK alle Dialyse-Fahrten an ein Unternehmen. Bei Konkurrenz und Patienten kommt das nicht gut an.
13. Mai 2016, 18:03 Uhr
Krankenfahrten machen in Gießen inzwischen rund 60 Prozent aller Fahrten von Taxi- und Mietwagenunternehmen aus. (Foto: Oliver Schepp)

Waltraud Balzer schüttelt den Kopf. »Nein«, sagt sie. »Dann zahle ich die Taxifahrten eben aus eigener Kasse.« Die 72-jährige Gießenerin ist krank. »Eine Zystenniere«, erklärt sie. Montags, mittwochs und freitags muss sie zur Dialyse. Ab 1. Juni aber wird sie sich – wie weitere 95 Dialysepatienten im Raum Gießen – umstellen müssen. Denn die AOK übernimmt ihre Fahrtkosten nur noch, wenn sie sich von einem bestimmten Unternehmen befördern lassen. Dagegen protestieren Patienten sowie vor allem andere Taxiunternehmen. Denn für sie bricht ein wichtiger Teil der Einnahmen weg.

Ab Juni übernimmt die Firma »Blitz Ambulanz« den Transport aller bei der AOK versicherten Dialysepatienten in Stadt und Kreis. Das Unternehmen mit Sitz in der Margaretenhütte hatte sich erfolgreich an einer europaweiten Ausschreibung der AOK beteiligt. Bisher können Dialysepatienten das Taxi frei wählen. Mit der neuen Regelung will die AOK Kosten sparen. »Es gehört zu den Kernaufgaben der gesetzlichen Krankenversicherung, wirtschaftlich zu handeln«, erklärt AOK-Pressesprecher Riyad Salhi. »Ein Recht auf freie Wahl des Taxi- und Mietwagenunternehmens besteht in diesem Fall nicht.« Durch die Beschränkung auf ein Taxiunternehmen reduziert sich für die AOK außerdem der Verwaltungsaufwand.

Für Patienten, die seit Jahren vom selben Chauffeur jede Woche dreimal zur Dialyse und wieder zurück transportiert werden und die mit dem Fahrer ein Vertrauensverhältnis aufgebaut haben, ist die neue Regelung eine erhebliche Umstellung. Taxifahrer ziehen ihnen bisweilen die Schuhe an, helfen ihnen nach draußen, schieben den Rollstuhl bis ins Dialysezentrum – und bringen sie danach nach Hause bis ans Bett. »Ich will das Taxi selbst auswählen können«, sagt denn auch Waltraud Balzer. »Ich bin doch nicht unmündig.« Für die AOK, erklärt Pressesprecher Salhi, gebe es derweil keinen Grund zu glauben, dass »Blitz Ambulanz« der Aufgabe nicht gerecht werden könnte.

Verärgerung herrscht gleichzeitig unter Gießener Taxifahrern. Vor allem die Kleinunternehmer darunter sehen ihre Existenz bedroht. Drei Patienten fahre sie regelmäßig, berichtet Brigitte Haschke. Jetzt brächen Einnahmen von monatlich rund 800 Euro weg. Carsten Otto von der Firma »Minicar Otto« mit aktuell 16 Dialysepatienten unter den Kunden betont, dass man »fest kalkulierte Fahrten« verliere. Die AOK hält dagegen: »Wir können uns nicht vorstellen, dass ein Taxibetreiber allein aufgrund unserer Ausschreibung Insolvenz anmelden muss. « Von der Ausschreibung sind nur die Dialysefahrten der AOK betroffen. Kunden der anderen Krankenkassen können das Taxi weiterhin frei wählen.

Dennoch richtet sich der Zorn mehrerer Taxifahrer gegen die AOK – einer ihrer wichtigsten Kunden. Sitzend-Krankenfahrten machen inzwischen rund 60 Prozent aller Fahrten von Taxiunternehmen aus. Die Krankenkasse, beklagen Fahrer, habe sie über die Ausschreibung nicht informiert. Die Krankenkasse gibt an, man habe die Ausschreibung im EU-Amtsblatt veröffentlicht. »Da schaue ich doch nicht rein«, winkt Taxifahrerin Haschke ab. Von der Ausschreibung wollen auch die Geschäftsführer von »Mincar Otto«, »Taxi Lang« sowie »Lahn-City-Car« nichts mitbekommen haben.

Wer in dem Umfeld tätig sei, sollte von der Ausschreibung auch erfahren haben, widerspricht Mathias Hörning, der Geschäftsführer der Interessensvertretung der Branche, des Fachverbands Pkw-Verkehr Hessen. Sie sei zusätzlich im Portal der AOK sowie in Dialyse-Zeitschriften veröffentlicht gewesen.

»Blitz Ambulanz« hat letztlich auch den Zuschlag erhalten, weil die Firma im Gegensatz zu den meisten Konkurrenten Patienten sowohl sitzend als auch liegend transportieren kann. Das Unternehmen verfügt zusammen mit dem ebenfalls von Geschäftsführer Müller geleiteten »Taxi Blitz« über insgesamt 70 Fahrzeuge und 150 Mitarbeiter.

Erst vor anderthalb Jahren hatte es Auseinandersetzungen der heimischen Taxifahrer mit der AOK gegeben. Nach zähen Verhandlungen hatte die Hälfte der Taxiunternehmer die Dialysefahrten abgelehnt – auch »Blitz Ambulanz«, das dadurch 25 Kunden verloren hatte. Die AOK hatte zum 1. Januar 2015 für die Krankenfahrten 1,12 Euro pro Kilometer und 1,15 Euro ab 21 gefahrenen Kilometern plus einer Anfahrtpauschale von 1,80 Euro angeboten. Liegt die Fahrt unter fünf Kilometern, erhalten die Taxiunternehmen momentan 7,20 Euro pro Fahrt. Ab 1. Juni, so erklärt die AOK, konnte nun für die Dialysefahrten nach der Ausschreibung ein »etwas wirtschaftlicherer Preis erzielt werden«.

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