03. September 2019, 11:00 Uhr

Neuer Friedhof

Ärger wegen Leichenwaschungen

Im Islam gehört die Waschung der Leichen zum Begräbnisritus. Das ist auf dem Neuen Friedhof in Gießen nun nicht mehr möglich. Zu teuer, heißt es. Eine Entscheidung, die auf viel Kritik stößt.
03. September 2019, 11:00 Uhr
Auf dem Neuen Friedhof gibt es ein islamisches Gräberfeld. Gewaschen werden können die Leichen dort aber nicht mehr. (Foto: Schepp)

In den 60er Jahren kamen Huntertausende Türken nach Deutschland. Am Bosporus herrschte hohe Arbeitslosigkeit, in der Bundesrepublik suchte man händeringend nach Arbeitskräften. Eine win-win-Situation. Viele Gastarbeiter und ihre Nachkommen sind geblieben, viele weitere Einwanderer folgten. Auch nach Gießen. Sie sind Teil des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Lebens der Universitätsstadt. Sie leben hier - und sie sterben hier. In Gießen können sich muslimische Bürger auf dem islamischen Grabfeld auf dem Neuen Friedhof bestatten lassen. Auch ohne Sarg, wie es im Islam vorgesehen ist. Die ebenfalls fest in der Religion verankerte Waschung der Leichen ist am Neuen Friedhof aber nicht mehr möglich. Das sorgt für Unmut. Zeynal Sahin, der Vorsitzende des Ausländerbeirats, kündigt daher einen Antrag im Stadtparlament an.

Grund für den Wegfall des Angebots sind laut Stadt veränderte Rahmenbedingungen, zum Beispiel bei den Hygienevorschriften. Am Neuen Friedhof seien die Waschungen daher aus Kostengründen nicht mehr möglich, teilt Pressesprecherin Claudia Boje mit. »Wir müssten dafür Investitionen in größerem Umfang tätigen, was sich automatisch auch in der Erhebung von höheren Gebühren niederschlagen würde.« Alleine die fachgerechte Reinigung und Desinfizierung des Waschraums koste zirka 250 Euro pro Fall, 20 bis 25 Waschungen gebe es pro Jahr. Weitere Investitionen würden dieses Ritual noch verteuern, teilt Boje mit. In der jüngsten Sitzung des Ausländerbeirats hatte Roland Kauer vom Gartenamt die Kosten auf etwa 400 bis 500 Euro pro Waschung geschätzt. Die Stadt vertritt die Meinung, dass das Angebot nach einem Anstieg der Gebühren nicht mehr angenommen werde. Abgesehen davon ließen sich längst nicht alle Muslime im Sinne ihrer Religion bestatten. Etwa zwei Drittel würden sich zum Beispiel im Sarg beerdigen lassen, sagt Boje. »Wir werden die Entwicklung aber natürlich im Auge behalten und nachsteuern, wenn der Bedarf sich durch die privaten Anbieter nicht mehr decken ließe.«

Mit privaten Anbietern meint Boje neben einem Bestatter aus Lahnau die »Pietät Gießen«. Es ist der einzige Betrieb im Kreis, der Waschungen anbietet. Im Firmensitz in der Robert-Bosch-Straße hat Geschäftsführer Patric Stromberg einen gekachelten Raum installieren lassen, in dem die Angehörigen ihre Verstorbenen waschen können. »Das ist ein intensiver Akt der Abschiednahme, der viele Stunden dauern kann«, erzählt der Bestatter. Der Tote wird dabei von Verwandten desselben Geschlechts gewaschen und parfümiert. Anschließend wird der Leichnam in ein weißes Leinentuch gewickelt, in dem er auch begraben wird. »Wir haben pro Woche ein bis zwei solcher Waschungen, also gut 50 pro Jahr«, sagt Stromberg. So viele muslimische Bestattungen gibt es in Gießen jedoch nicht, 2018 waren es lediglich 21. Heißt: In der »Pietät Gießen« werden auch Muslime aus anderen Orten gereinigt. Tote, die in ihr Heimatland überführt werden sollen, werden zuvor ebenfalls in Gießen gewaschen.

Der Ausländerbeirats-Vorsitzende Sahin geht davon aus, dass derzeit rund 5000 Muslime in Gießen leben - Tendenz steigend. Laut Sahin, der 1974 selbst als Gastarbeiterkind nach Mittelhessen kam, wird die Nachfrage nach muslimischen Bestattungen auch in Gießen immer größer. »Die erste Generation wird noch in die Heimat geflogen. Die zweite und dritte Generation, die hier verwurzelt ist, will aber hier bestattet werden.«

Und das sollte die Stadt den Menschen auch mit einem eigenen Angebot ermöglichen, fordert der Vorsitzende des Ausländerbeirats. »Ich bin der Meinung, dass die Stadt dafür da ist, all ihren Bürgern eine Bestattung im Sinne ihrer Kultur und ihres Glaubens zu ermöglichen.« Im Stadtparlament will er daher zusätzliche Mittel beantragen. Damit die muslimischen Bürger in Gießen nicht nur gut leben, sondern auch im Sinne ihrer Religion sterben können.

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