18. Oktober 2019, 14:00 Uhr

Mensch, Gießen

Abdul M. Kunze, der Geschichtenerzähler

Arbeit und Freizeit zu trennen, ist ihm fremd. Abdul M. Kunze ist rund um die Uhr Theatermann. Der 65-Jährige Leiter des Kinder- und Jugendtheaters denkt nicht daran, aufzuhören. Ein Porträt.
18. Oktober 2019, 14:00 Uhr
Abdul M. Kunze mit den berühmten Gefährtinnen Oma Kraak und Prinzessin Nicole. (Foto: Friedrich)

Kollegen oder Freunde überlegen es sich gut, ob sie mit Abdul M. Kunze durch den Seltersweg gehen. Weil es so lange dauert. Denn der Mann in Schwarz ist bekannt wie ein bunter Hund. Mit seinem Lastenrad kurvt er durch die Stadt, und dauernd ruft einer: »Hallo Abdul, wie geht’s?«. Er winkt immer lächelnd zurück, er mag diese Begegnungen. Auch wenn er nicht immer sofort weiß, mit wem er es zu tun hat. Dass ihn so viele Menschen freudig begrüßen, liegt unter anderem daran, dass Dutzende Kinder und Jugendliche ihre ersten Theatererfahrungen mit Abdul M. Kunze verknüpfen. »Wer vor vielen Jahren einmal einer von 30 Sternen in Peterchens Mondfahrt war, der vergisst das nicht wieder«, sagt der Leiter des Kinder- und Jugendtheaters. Egal, ob ein Mädchen oder Junge selbst auf der Bühne stand oder staunend im Publikum saß, Kunze ist für sie der Mann, der ihnen die Tür geöffnet hat zu einer bisher unbekannte Welt.

Auch er hatte bei seinem ersten Theaterbesuch eine Art Erweckungserlebnis. »Ich war völlig geflasht«. Bis zu dieser Zeit war der kleine Abdul ein wenig verloren in einem fremden, unübersichtlichen Kosmos unterwegs. Die Eltern - die Mutter Inderin, der Vater ein zum Islam konvertierter Schlesier - lebten mit den Kindern zunächst in Pakistan, dann in den USA, schließlich in Frankfurt. Eine traditionelle Erziehung wurde Abdul nicht zuteil. Beten und fasten in der Moschee gehörten zum Alltag, ansonsten lief das Kind so nebenbei mit und machte früh sein eigenes Ding. Im Theater fand Abdul schließlich eine Heimat - wobei dies keine bewusste Entscheidung war, sondern ein Prozess, wie er sich heute erinnert. Gleich nach seinem ersten Theaterbesuch besorgte er sich einen dicken Wälzer: »Wie werde ich Schauspieler?«.

E-Klo erster Eindruck von Gießen

Schauspieler wurde er zwar nicht, dafür aber vieles andere. Im »Theater am Turm« übernahm er seinen ersten Job. Hinter den Kulissen. Fegen, schrubben, solche Dinge. Aber er war glücklich und hatte einen Fuß in der Tür - und bald schon sehr viel mehr. Er wurde Inspizient, später Regieassistent, und seine Reise durch die Theater begann: Hamburg, Essen, Augsburg, Recklinghausen, Heilbronn, Bochum. In den 70ern kam er das erste Mal nach Gießen. Schauspieldirektor Hohenemser hatte ihn damit gelockt, sein erstes Stück inszenieren zu können. An die erste Begegnung mit Gießen erinnert er sich noch gut. »Als wir nachts unterm Elefantenklo durchfuhren, habe ich mich gefragt, wo um Himmels willen ich nun gelandet war.« Es folgte eine ebenso intensive wie erfolgreiche Zeit. Eintrittskarten für das Stück »Mamas Marihuana« waren schwer zu kriegen, mit ihnen wurde in der Stadt sogar gehandelt. Nebenbei: In diese Zeit fällt auch der »Sängerkrieg der Heidehasen« mit dreimal 30 Hasen. Einer der Hasen war Til Schweiger.

Nach einer Pause von Gießen kam Abdul M. Kunze, der verheiratet ist und eine (längst erwachsene) Tochter hat, 2002 zurück. Der Reiz bestand diesmal darin, ein Kinder- und Jugendtheater aufbauen zu dürfen - ein Projekt, das sowohl für ihn als auch für Intendantin Catherine Miville eine Herzensangelegenheit war. »Heute ist Theaterpädagogik Standard, damals war es Neuland«, schildert der 65-Jährige. »Ich bin ein Glückskind, ich konnte immer das machen, wozu ich Lust hatte.« In 17 Jahren hat sich viel verändert - im Theater, aber auch in der Lebensrealität der Kinder und Jugendlichen. Faszinierend findet Kunze seine Arbeit noch immer. Die Kleinen staunen heute darüber, dass es im Familienstück keine Werbepausen gibt, und die Großen - gewöhnt an digitalen Overkill und Reizüberflutung - machen die Erfahrung, dass es auf der Bühne um etwas ganz anderes geht als um Posen und Show. »Ein bisschen mit dem Hintern zu wackeln reicht nicht.« Das Theater, erklärt Kunze, sei keine Therapieanstalt, aber es fördere die Selbst- und Außenwahrnehmung. Im Theater gehe es um strukturiertes Verhalten, darum, ganz bei sich zu sein. Auch das Erlernen von Sozialkompetenz gehöre zum Job. »Ich rede Tacheles mit den Kindern. Alle Menschen sehnen sich danach«, weiß Kunze. Ehrlich und direkt zu sein bedeute aber nicht, verletzend zu sein. »Man braucht Empathie und Fingerspitzengefühl«.

Intuitiv, nicht intellektuell

Beides hat der Theatermann offenbar, denn die Kinder und Jugendlichen mögen ihn und zeigen ihm das auch. An den Wänden seines Büros gibt es keinen weißen Fleck: Hunderte Fotos, Szenenbilder, Briefe und Sprüche zeugen von gemeinsamer ernsthafter Arbeit, Lust am kreativen Spiel, von Zuneigung und Humor. Kunze hat hier nicht nur Gesellschaft von jüngeren Kollegen, sondern auch von berühmten Figuren aus seinen Stücken: Löwen, Esel, Frösche und Puppen wohnen in seinem Büro im zweiten Stock des Theaters, einen Teil des Raums nimmt ein Stehpult mit PC und Manuskripten ein. Kunze nähert sich den Texten seiner Stücke laut lesend und im Stehen, dabei spürt er am besten, ob der Funke überspringt. »Ich bin ein intuitiver Typ, kein intellektueller«.

Früher hätte nicht viel gefehlt, und er hätte sein Bett im Büro aufgeschlagen. Mittlerweile ist er froh über Rückzugsorte. Kunze hat eine Wohnung in Gießen und eine in Frankfurt. Und sonst? »Privat bin ich langweilig«, behauptet er. Sein Gießener Leben ist öffentlich, mit der Stadt ist er längst versöhnt. Er ist der »Theaterfuzzi«, der radelnde Mann in Schwarz, den fast jeder kennt. Meistens genießt er das. Er weiß, dass rund 80 Prozent der Bevölkerung niemals ins Theater gehen. Ärgert ihn das? Nein, es ist eher Motivation, nicht nachzulassen in dem Ziel, möglichst viele Menschen zu begeistern. »Ich möchte, dass die Leute sich wohlfühlen bei uns. Dass sie Lust haben, mitzukommen auf eine spannende Reise«. In absehbarer Zeit will Kunze die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen jüngeren Kollegen überlassen. »Die sind näher dran«. Einen Abschied von der Theaterarbeit muss das keineswegs bedeuten. »Ein oder zwei Inszenierungen im Jahr, das würde mich glücklich machen«, sagt das Glückskind Abdul M. Kunze.

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