31. Dezember 2018, 06:00 Uhr

Tiere am Silvesterabend

Abtauchen als Überlebensstrategie »Erste Hilfe« gegen die Angst

Silvester mit Feuerwerk und Krachern ist für viele Tiere der schlimmste Tage des Jahres. Warum bleiben die einen cool und die anderen nicht? Astrid Paparone geht der Frage auf den Grund.
31. Dezember 2018, 06:00 Uhr

Von Christine Steines , 1 Kommentar
Ich bin dann mal unsichtbar. (Foto: mac)

Von Henry ist nur die Nasenspitze zu sehen. Der kleine Rüde zittert, er hat sich unter einer Decke verkrochen und will nichts mehr wissen von dieser Welt. Wenn am Silvesternachmittag die ersten Kracher in der Stadt gezündet werden, taucht der aus Rumänien stammende Mischling ab. Er macht sich unsichtbar. Die Labradorhündin eine Straße weiter sieht das Ganze gelassen: Sie mag den Lärm nicht besonders, doch sie sieht keinen Grund zur Aufregung. Warum ist das so? Warum ist ein Hund stressresistent und der andere nicht?

Die schwere Kindheit ist schuld, könnte man flapsig sagen. Das Hauptproblem der ängstlichen Hunde ist, dass sie im Welpenalter nicht das nötige Rüstzeug für ihr späteres Leben bekommen haben, sagt die Hundetrainerin und Biologin Astrid Paparone. Wächst ein junger Hund geborgen mit seiner Mutter und Geschwistern auf, macht positive Erfahrungen mit anderen Tieren und Menschen und wird mit unterschiedlichen Umweltreizen vertraut gemacht, so ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er später mit Widrigkeiten aller Art gut klar kommt. Die ersten Wochen und Monate spielen eine große Rolle. »Oft sind nicht die schlechten Erfahrungen der Grund für ein Trauma, sondern fehlende Erfahrungen«, weiß Paparone.

 

An Ängsten arbeiten

Die Vorsitzende des Tierschutzvereins sieht das bei den Tierheimhunden immer wieder bestätigt. Isolierte Haltung und zu frühe Trennung von der Mutter sind ein großes Problem bei Hunden, die aus unseriösen Zuchtstätten kommen, in denen es um Welpenvermehrung und nicht um die Aufzucht wesensstarker Tiere geht. Auch Hunden aus dem Tierschutz fehlt aus diesen Gründen häufig das Urvertrauen. In Tierheimen in Süd- oder Osteuropa oder auf der Straße hatten sie keine Chance auf eine gute Sozialisation. Diese Hunde bleiben häufig ein Leben lang unsicher und ängstlich. Auch eine genetische Disposition kommt als Ursache in Frage. Ein anderer Auslöser können Schlüsselerlebnisse sein: Ein Donnerschlag oder Knall in unmittelbarer Nähe macht mitunter aus einer »coolen Socke« für immer einen Angstkandidaten.

Die gute Nachricht: Es ist möglich, an diesen Ängsten zu arbeiten. Mit Hilfe eines Trainers oder eines Tierarztes mit verhaltenstherapeutischem Schwerpunkt können Hunde lernen, in für sie gruseligen Situationen entspannt zu bleiben. Die Desensibilisierung erfolgt in ganz kleinen Schritten und erfordert Zeit. Für Gewitter und Silvesterlärm bedeutet dies, dass man den Hund mit Geräuschen konfrontiert (zunächst mit einer CD). Erst sind die furchteinflößenden Laute nur sehr leise und in weiter Entfernung zu hören, dann erfolgt nach und nach eine Annäherung, immer in Kombination mit einer angenehmen Erfahrung. Eine wertvolle Hilfe ist in diesen Fällen das Clickertraining, schildert Paparone. Mit dem Geräusch einer Art »Knackfrosch« verbindet der Hund Lob und eine Belohnung. Durch die positive Verknüpfung und die Einführung von so genannten Markersignalen lernt der Vierbeiner, in bestimmten Situationen zu entspannen.

 

Entspannungshormone können hilfreich sein

Wem das zu kompliziert und aufwendig erscheint, kann weitere Möglichkeiten ausprobieren. Das Produkt Adaptil (als Halsband, Verdampfer für die Steckdose und Spray) setzt Pheromone frei, das sind Entspannungshormone, die Welpen von ihrer Mutter kennen. Diese Mittel können hilfreich sein, weiß die Hundeexpertin, sie sind aber wirkungslos bei einem Hund, der bereits in Panik ist. Ähnliches gilt für Bachblüten oder Rescue-Tropfen. In Absprache mit dem Tierarzt werden im Notfall auch Beruhigungsmittel verabreicht. Doch Vorsicht: Die Tiere reagieren unterschiedlich, bei manchen Wirkstoffen besteht die Gefahr, dass die Patienten zwar körperlich ruhig gestellt sind, aber die vermeintliche Gefahr dennoch mit voller Wucht wahrnehmen. Wer seinem Haustier etwas Gutes tun will, der sollte es Silvester nicht alleine lassen. Und auch mit sicheren, angstfreien Hunden empfiehlt es sich nicht, auf die Straße zu gehen, warnt Paparone.

Für Henry ist die Sache klar. Abschottung ist angesagt. Seine Besitzer werden auf eine Feier verzichten und die Bettdecke bereit halten. Ein großes Opfer ist das nicht. Wer einmal einen Hund in panischer Angst erlebt hat, greift liebend gern statt zur Rakete zum Wunderkerzchen.

 

»Erste-Hilfe-Maßnahmen« an Silvester

Kurz vor Silvester ist keine Zeit mehr für eine Desensibilisierung des Hundes. Aber es gibt einige »Erste-Hilfe-Maßnahmen«:

  • Selbst auf ein Feuerwerk und Kracher verzichten.
  • Das Haustier nicht allein zu Hause lassen.
  • Jalousien herunterlassen, Gardinen zuziehen.
  • Musik anstellen, vorzugsweise Klassik.
  • Wenn der Hund sich in eine Ecke oder unters Bett verkriecht, sollte man ihn gewähren lassen.
  • Manche Hunde lieben die Geborgenheit einer Höhle. Man kann ihnen einen solchen Unterschlupf aus Decken und Kissen bauen.
  • Nicht von der Leine lassen. Der Vierbeiner könnte in Panik geraten und weglaufen.
  • Spaziergänge an Silvester und Neujahr auf das Nötigste beschränken, da es immer wieder unvermittelt knallt und kracht. Eine gute Idee ist es, an diesen Tagen ins Grüne zu fahren und den Hund mit Spiel und Spaß müde zu machen.
  • Das Wichtigste: Cool bleiben. Der Mensch muss seinem Hund Sicherheit geben und ihm signalisieren: »Ich bin für dich da«. Zuspruch in tröstendem Tonfall sollte man vermeiden, da sie dem Tier erst recht das Gefühl geben, dass Grund zur Sorge besteht.

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