15. Oktober 2019, 06:00 Uhr

Rassismus im Alltag

Ali Can: »Zwei Seelen in der Brust«

Was bedeutet es, deutsch zu sein? Die Zeit ist reif für eine Neudefinition, meint Ali Can. Im GAZ-Interview zeigt sich der ehemalige Gießener etwas ernüchtert.
15. Oktober 2019, 06:00 Uhr
Ali Can studiert noch in Gießen. Bekannt ist er vor allem mit seinem Engagement gegen Rassismus, etwa als Buchautor, als Initiator des Hashtags #MeTwo oder als Gründer des "VielRespektZentrums" in Essen. (Foto: Deutsche Bischofskonferenz/Jörn Neumann)

Herr Can, wir stehen noch unter dem Eindruck des Anschlags in Halle. Sind solche Taten in Ihren Augen Einzelfälle, oder spiegeln sie gesellschaftliche Veränderung?

Ali Can: Seit spätestens 1933 gibt es »Einzeltaten« in dieser Gesinnung. Ich erinnere nur an die NSU-Morde. Heute sind Neonazis durch die neuen Medien stärker vernetzt. Die Debatte verroht, das ist besorgniserregend. Die Tat in Halle zeigt, dass Rechtsextreme es nicht nur auf Muslime oder Flüchtlinge abgesehen haben, sondern auch auf Jüdinnen und Juden oder auf Feministinnen.

Sie sind früher zu Pegida-Demonstrationen gegangen und haben »besorgten Bürger« Gespräche angeboten. Ihre Überzeugung war: Man darf nicht jeden AfD-Wähler gleich als rechts abstempeln. Reden hilft. Hat sich diese Haltung geändert?

Can: Ja. Ich denke differenzierter. Mit AfD-Politikern in hoher Position setze ich mich nicht mehr auf ein Podium. Sie instrumentalisieren solche Gespräche, um sich als bürgerlich zu verkaufen. Aber intern bekämpfen sie den völkischen Flügel ihrer Partei nicht. Anders ist das bei ihren Wählern. Manche wissen gar nicht, was AfD-Politiker so alles von sich geben. Da bleibt Dialog der Weg.

Ist es Ihr Blick, der sich verändert hat? Oder hat sich die AfD radikalisiert?

Can: Beides. Einerseits wird die AfD immer radikaler. Wenn man die Anfänge sieht mit Bernd Lucke und dann Frauke Petry: Alle Stimmen, die eher konservativ-bürgerlich zu sein versuchten, sind verdrängt. Björn Höcke gewinnt immer mehr Einfluss. Andererseits habe ich mich selbst verändert. Erst seit den Reaktionen auf meinen Hashtag #MeTwo im vergangenen Jahr sehe ich das Ausmaß des Rassismus im Alltag. Was schwarze Menschen erleben oder Frauen mit Kopftuch, dass Juden Angst haben, in die Synagoge zu gehen, das muss man sich mal vorstellen.

Sie sind Deutscher, Akademiker, inzwischen sehr bekannt. Erleben Sie noch Alltagsrassismus?

Can: Tatsächlich erlebe ich den. Ich werde nicht in Clubs reingelassen, ich höre blöde Kommentare, Freunde haben Probleme bei der Wohnungs- oder Jobsuche.

Jetzt erscheint Ihr zweites Buch »Mehr als eine Heimat. Wie ich Deutschsein neu definiere«. Was ist Ihre Botschaft?

Can: Die Botschaft ist ermutigend. Es gibt immer mehr Migranten, die unsere Gesellschaft gestalten wollen. Das sind Deutsche mit zwei oder drei Seelen in der Brust. Wir müssen ihnen das Gefühl geben, dass sie sich nicht entscheiden oder etwas aufgeben müssen. Fühlst du dich eher als Türke oder als Deutscher? - die Frage brauchen wir nicht. Aus gutem Grund hat der Duden die Pluralform »Heimaten« aufgenommen. Ich erzähle die Geschichte meiner Eltern als Beispiel dafür, dass es nicht das Wichtigste ist, fließend Deutsch zu sprechen. Worauf es ankommt, ist eine gemeinsame Heimat der Werte.

Welche Werte sind das?

Can: Zum Beispiel Offenheit und die Gleichberechtigung von Männern und Frauen. Integration entsteht durch Begegnungen und Alltagserfahrungen. Das ist ein Prozess. Natürlich gibt es auch Probleme. Der Grund ist aber nicht, dass es zu viele Migranten gäbe, sondern dass sich einige danebenbenehmen.

Was heißt Deutschsein für Sie persönlich?

Can: Darauf gibt es nur individuelle Antworten. Für mich bedeutet Deutschsein das Gefühl, dass ich zu dieser Gesellschaft gehöre. Dass ich unsere Verfassung achte. Dass ich hier leben will.

Sie bezeichnen sich derzeit als »Sozialaktivist und Buchautor«. Welche beruflichen Pläne haben Sie langfristig?

Can: Ich hoffe im nächsten Jahr meinen Abschluss an der JLU zu machen. Ich möchte aber nicht als Lehrer an der Schule arbeiten, sondern als Lehrer gegen Vorurteile - bundesweit von Essen aus, wo ich das »VielRespektZentrum« noch größer machen will.

Sie stellen das Buch am Donnerstag in Gießen vor, aber nur im kleinen Rahmen im Papeterie-Geschäft »Punkt und Strich«. Ist eine weitere Lesung geplant?

Can: Zum Jubiläum von »Punkt und Strich« komme ich, weil ich da mal gearbeitet habe. Ja, ich bin im Gespräch mit der Uni über eine Lesung in einem größeren Raum im Frühjahr. Ein Datum steht noch nicht fest.

Wie viel verbindet Sie noch mit Gießen und Pohlheim?

Can: Sehr viel. Ich habe in Gießen Freunde, bin im Austausch mit der Uni. Einmal im Monat bin ich bei meinen Eltern in Pohlheim und helfe dann auch in ihrem Imbiss.

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