04. August 2019, 18:41 Uhr

Als es in Wieseck 34 Kneipen gab

04. August 2019, 18:41 Uhr
Grenzgang-Führer Wolfgang Bellof (mit dunkelblauer Basecap) hatte aufmerksame Zuhörer/innen. (Foto: hin)

Kirmessamstag. Ein stiller Nachmittag. Ungefähr 20 Personen haben sich im Kirmeszelt versammelt, um mit Ortsvorsteher Wolfgang Bellof auf einen Grenzgang zu gehen. Eingeladen hat der Wiesecker Traditionsverein, vertreten durch die Burschenschaften »Knall voll« und »Frisch weg«.

Ein kräftiger Schauer verzögert den Abmarsch. Wolfgang Bellof nutzt die Zeit, um ein bisschen Hintergrundwissen zu vermitteln. Moderne Vermessungstechniken haben den Grenzgang überflüssig gemacht. Einst aber wurden Grenzgänge regelmäßig abgehalten. Da trafen sich dann die Nachbarn, um die Einhaltung der Grenzen zu kontrollieren und etwaige Grenzverstöße zu ahnden. Zwischen Wieseck und Gießen scheint es häufiger mal Streit gegeben zu haben. Vom September 1778 ist ein Grenzgang mit einer stattlichen Anzahl von Personen dokumentiert, unter ihnen der Regierungsrat Sues, der Oberförster Fabricius, der Ratsschöffe Johannes Seipp und der Feldgeschworene Konrad Magnus - um nur einige zu nennen. Außerdem nahmen »8 Söhne und 8 Knaben« von Gießener Bürgern an dem Grenzgang teil. Von Wieseck sind nur acht Personen namentlich genannt. Hinzu kamen verschiedene »Gemeindeleuthe und Buben«.

Bellof nahm den »Grentz- und Gemarkungszug« von 1778 zum Anlass, um ein paar historische Maße, Münzen und Gewichte zu erklären. Ein Klafter Holz waren demnach ca. 3,5 Kubikmeter, ein Wiesecker Morgen entsprach 4288 Quadratmetern. Ein Ohm Bier umfasste 320 Schoppen zu je einem halben Liter - ein Maß, das die anwesenden Kirmesburschen aufhorchen ließ.

Über die Gießener Straße nahm der Grenzgang vom Samstag seinen Verlauf in Richtung Grabenstraße. Bellof, als echter Wiesecker Bub, fielen diverse Geschichtchen ein, die seinen Vortrag amüsant untermalten. Mit dem Groschen von der Oma, zum Beispiel, ging’s zur Eisdiele am einstigen »Karussellplatz«. Schiffsschaukel und Schießbude waren unvergessene Attraktionen, genauso wie die Rot- und Blaufärbung der Wieseck, wenn die Färberei ihr Abwasser entsorgte. Der Besitzer der Eisdiele nahm auch »Kaisergeld« an. Er sammelte die historischen Münzen.

Bellof ist Erster Vorsitzender des Heimatvereins. Insofern konnte es nicht verwundern, dass er neben den Informationen zu den Gemarkungsgrenzen auch allerlei anderes Wissenswerte bereithielt. Er berichtete von der Zigarrenfabrik Noll, von Schule und Spritzenhaus, von den einst 34 Kneipen und von heimischer Prominenz. Ministerpräsident Albert Osswald stammte aus Wieseck, ebenso wie der spätere Bürgermeister von Netanya, Avraham Bar Menachem. Natürlich darf Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in dieser Aufzählung nicht fehlen. Der nämlich wohnte während seiner Gießener Studienzeit in der Brunnengasse.

Der Weg der Grenzgänger führte durch die Wieseckaue zum Gießener Ring, an der Struppmühle vorbei und weiter zum Segelflugplatz. Am Vereinsheim des Flugsportvereins war Gelegenheit, die Eindrücke des Grenzgangs zu vertiefen. Und wie das bei heimatkundlichen Ausflügen so ist, fanden sich immer neue Themen, die auch noch einer Erwähnung bedurften: das improvisierte Schwimmbad in der Wieseck, die Landung einer Transall auf dem damaligen Feldflugplatz, die wüst gefallenen Dörfer, der Durchzug einer römischen Legion mit 6000 Mann usw. usw. …

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