15. Februar 2019, 22:08 Uhr

An Hessen führt seit Jahrtausenden kein Weg vorbei

15. Februar 2019, 22:08 Uhr
Udo Recker

»Die Archäologie ist eine Verbundwissenschaft, die in vielen, vor allem Naturwissenschaften, wildert. Ihr Fortschritt ist eng verbunden mit dem der Technik. Heute arbeiten Archäologen mehr mit dem Computer als mit Pinsel und Spaten«, machte Landesarchäologe Udo Recker den zahlreichen Besuchern im Alten Schloss deutlich. Gekommen war er auf Einladung des Oberhessischen Geschichtsvereins, dessen zweiter Vorsitzender Manfred Blechschmidt ihn und seinen wissenschaftlichen Werdegang vorstellte, der Recker seit 2018 auch zum Stellvertreter des Hessischen Landesamtes für Denkmalschutz machte.

Der Redner nahm zunächst Bezug auf den Titel, der den Eindruck erwecke, dass es schwerpunktmäßig über die ersten Grabungen »in dem sogenannten Philosophischen Wäldgen allernächst bey der Vestung Giessen« gehe. Die Grabung von 1718 nehme er aber nur zum Anlass, um »Anmerkungen zu 300 Jahren Bodendenkmalpflege im Raum Gießen« zu machen. Damit wurde der Vortrag zu einem aufschlussreichen Überblick über die Entwicklung der Archäologie in diesem Zeitraum. Das nahm mehr als die doppelte Zeit der sonst üblichen Vortragsdauer ein, belohnte das Auditorium aber dafür mit einer Fülle von Erkenntnissen über die Entwicklung der »Altertumsforschung« in diesem Bundesland und neue Erkenntnisse zur Stadtgeschichte. Die Grabung von 1718 sei unter Beteiligung von Universitätsangehörigen erfolgt und habe 29 Grabhügel der Bronzezeit zutage gefördert, die man heute in die Zeit von 1600 bis 1300 vor Christus datieren könne. Detailliert ging Recker auf heute mögliche Methoden wie Luftbildarchäologie, Dendrochronologie, Röntgenfluoreszenzanalyse, Paläozoologie, Isotopenanalyse oder DNA ein.

Nicht zuletzt die unterschiedliche Entwicklung des Denkmalschutzes und der archäologischen Forschung in Hessen-Kassel und im Großherzogtum Hessen-Darmstadt stellte der Vortragende vor und verwies auf eine Reihe von Unstimmigkeiten und Kuriosa im Lauf der 300 Jahre – von der Fundstelle 1 im Philosophenwald bis zur Gegenwart, wobei der Einfluss der an Preußen gefallenen Gebiete eine große Rolle spielte. Was die Menschen in Hessen angehe, bestätige sich der ehemalige Slogan aus der Hessenwerbung nachdrücklich: »An Hessen führt kein Weg vorbei«.

Angesichts der Fülle von Daten und Fakten bleibt allenfalls noch Raum, um auf einige spezielle Gießener Daten einzugehen. Was die innerstädtische Keimzelle um Burg (1197), Kapelle (1248), Friedhof (1282) und Marktplatz angehe, sei heute anzunehmen: »Die Burg war da, ist aber 50 Jahre älter. Die Kirche war da, sah aber ganz anders aus. Der Friedhof war gar nicht da, und auf dem Marktplatz wurde nie ein Markt gehalten.« Auch an der Festung sei viel länger gebaut worden, als die Schriftquellen angeben. Bei den Bauten von Kaufhaus Horten, City Center und Galerie Neustädter Tor sei die Archäologie oft zu kurz gekommen. Allerdings ruhen diese komplett auf Stelzen, die möglichen Fundstellen seien darunter geborgen.

Viel Beifall für den Referenten und seinen vortrefflich illustrierten Vortrag im XXL-Format – und viele reizvolle Aufgaben für Stadt, Erforscher von Bodenfunden und Denkmalpfleger. (Foto: has)

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