16. Mai 2017, 14:00 Uhr

Alkoholiker

Anonyme Alkoholiker: "Ich kann wieder Suppe essen, ohne dass meine Hand zittert"

Das Trinken bestimmte ihren Alltag, jetzt sind die Gießener seit Jahrzehnten »trocken«. Zu verdanken haben sie das den Anonymen Alkoholikern, sagen zwei Frauen und ein Mann im Interview.
16. Mai 2017, 14:00 Uhr
Karen_werner
Von Karen Werner
Alkoholismus ist eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland. (Symbolfoto: dpa)
Erinnern Sie sich an den Tag, an dem Sie das erste Mal zu den Anonymen Alkoholikern gegangen sind?

Sylvia: Ich hatte Puddingbeine. Ich saß da wie ein Häufchen Elend und habe mich so geschämt. Mich hatte bei den AA besonders angesprochen, dass ich nur meinen Vornamen nennen musste. Und dann bin ich so freundlich begrüßt worden. Ich habe etwas von mir erzählt, und jeder hat genickt. Alle waren gut gelaunt und fröhlich. Das hatte ich lange nicht mehr erlebt.

Annegret: Genau! Auch ich hatte das Gefühl: Ich habe endlich Menschen gefunden, die mich verstehen. Eine Freundin hat mich zum ersten Meeting begleitet. Ich fühlte mich wie Müll. Ich kann gar nicht sagen, wie viel Last von meinen Schultern gefallen ist, als ich hörte, dass Alkoholismus eine Krankheit ist. Ich habe von dem ersten Abend an nichts mehr getrunken, bin mit Maracujasaft und Sodbrennen irgendwie trocken geworden. Die AA waren für mich wie ein Strohhalm.  



Siegfried:  Ich habe die Anonymen Alkoholiker kennengelernt, als ich in einer Klinik in Therapie war. Dort haben sich alle Selbsthilfeorganisationen vorgestellt. Die AA kamen mit neun Leuten, die ihre Lebensgeschichten erzählt haben. Da haben meine Ohren geglüht. Ich hatte mich einzigartig gefühlt. Jetzt saßen da Menschen, die konnten lachen. Ich habe gesehen, dass es einen Weg gibt, den man packen kann.

Was ist das Besondere?

Annegret: Das kann man Außenstehenden schwer erklären. Gerade am Anfang sind die Meetings der einzige Ort, wo man sich hintraut. Wo man sich öffnen kann. Ich werde hingehen, bis ich ins Grab springe. Die AA sind mein Antidepressivum.

Siegfried: Ich war bei mehreren Gruppen. Bei den AA habe ich mich am schwersten getan. Man ist selbst gefordert. Das war für mich ein befreiendes Gefühl.

Sylvia: Manche sprechen vom Geist der Anonymen Alkoholiker. Das stimmt. Er hat mich dort gehalten. Mit unserem Programm der »zwölf Schritte« konnte ich mein Leben und meine Einstellung ändern. Ich gehe nach 20 Jahren immer noch in Meetings, damit ich nicht vergesse, wo ich herkomme. Es passiert ganz schnell, dass man in altes Verhalten zurückfällt.

Diese »zwölf Schritte« klingen mystisch mit der höheren Macht, die die geistige Gesundheit wiederherstellen soll.

Annegret: Im Grunde geht es um die gleichen Dinge wie überall in der Suchthilfe. Man kommt besser klar mit der Sucht, wenn man diese Sätze erst einmal verstanden hat. Ich habe viele Jahre lang nur das berühmte erste Glas stehen lassen. Ich war trocken, aber nicht nüchtern. Die zwölf Schritte sind für mich erst spät wichtig geworden.
 
Man muss dieses Programm nicht abarbeiten?

Sylvia: Nein. Es gibt nur eine Regel: Jeder ist willkommen, der den Wunsch hat, mit dem Trinken aufzuhören.

Und der Satz: »Ich heiße soundso und bin Alkoholiker« – warten alle darauf, dass man ihn endlich sagt?

Sylvia: Nein. Wir sagen das uns selbst, um es nicht zu vergessen.

Ist es für Sie manchmal schwer, trocken zu bleiben? Oder anderen beim Trinken zuzusehen?

Siegfried: Ich hatte nicht ein einziges Mal das Gefühl, dass ich wieder trinken muss – obwohl ich eine Lebenskrise hatte. Schon wenn ich ein Werbeplakat für Bier sehe, wird mir übel. Es macht mir nichts aus, wenn andere neben mir etwas trinken. Ich bin kein Moralapostel. Aber man merkt schon, wo man dazupasst. Eine Zeitlang habe ich wieder Fußball gespielt. Da habe ich gemerkt, es geht eigentlich ums Saufen.

Sylvia: Das war bei mir ein bisschen anders. Im ersten Jahr habe ich mich schwergetan. Es gab schon Situationen, in den ich gern etwas getrunken hätte. Bis heute bin ich keine militante Nichttrinkerin, wenn es um andere geht. Aber es kommt vor, dass ich bei einer Feier nach einer Stunde gehe.

Annegret: Ich hatte einen Rückfall. Da war ich schon seit sechs Jahren trocken und dachte, ich habe alles im Griff. Bei einer Feier habe ich ein Glas Sekt genommen, als angestoßen wurde. Innerhalb eines Vierteljahres war ich noch weiter unten als je zuvor.

Ist es Ihrer Meinung nach möglich, als ehemaliger Alkoholiker mäßig oder »kontrolliert« zu trinken?

Siegfried: Ich kenne keinen, der das schafft.

Sylvia: Die AA nehmen zu Konzepten oder Streitfragen außerhalb ihrer Gemeinschaft keine Stellung. Meine persönliche Meinung ist: Ich kann es mir nicht vorstellen.

Wie ist es mit alkoholfreiem Bier? Manche Brauereien werben ja mit 0,0 Prozent.

Annegret: Nein. Schon wenn ich darauf zugehe, springt das Suchtgedächtnis an. Alkohol ist in Bonbons, Tütensuppe, Aufbackbrötchen. Schon von Kleinstmengen werde ich unruhig.

Siegfried: Manche essen nicht einmal Bierschinken.

Was? Nur weil er so heißt?

Annegret: Ja, es gibt auch einen geistigen Rückfall. Ich habe deshalb einmal gefüllte Weinblätter abgelehnt.

Wissen die Leute in Ihrer Umgebung von Ihrer Sucht?

Annegret: Ich muss nicht jedem auf die Nase binden, dass ich Alkoholikerin bin. Nachdem ich mit dem Trinken aufhören durfte, musste ich mich oft rechtfertigen für meinen Pfefferminztee. Heute ist das nicht mehr nötig. Es wird insgesamt nicht mehr so viel Alkohol getrunken, man wird seltener dazu gedrängt.

Sylvia: Früher war es schwieriger, ja. Ich war mal, als ich noch nicht so lange trocken war, bei einer Abschlussfeier in einem guten Restaurant. In wirklich jedem Gang war Alkohol drin, sogar im Salat. Ich wurde dauernd gefragt: Warum isst du denn nichts? Heute sage ich einfach: Nein danke. Die Angehörigen wissen natürlich Bescheid. Meine Kinder achten bis heute auf mich und sagen auch mal: Frag meine Mutter gar nicht, sie darf nichts trinken.

Was können Angehörige tun, wenn sie einen Alkoholiker in der Familie haben? Sollen sie ihn ansprechen?

Sylvia: Mein einziger Rat lautet: Zu Al-Anon gehen, die AA-Gruppen für Angehörige. Es hilft, sich mit anderen Angehörigen auszutauschen. Es gibt keine Faustregel, die für jeden passt.

Wenn es sich um einen Kollegen handelt?

Siegfried: Bei mir hat es schon gewirkt, wenn einer gesagt hat »du stinkst«. Oder als ich im Fernsehen gesehen habe, dass eine Alkoholikerin von sich erzählt und ich dachte, die spricht von mir. Allerdings kann es dann ein paar Jahre dauern, bis man den Ausstieg findet. Als Kollege könnte man den Betroffenen direkt darauf ansprechen oder vielleicht einfach mal ein Kärtchen der Anonymen Alkoholiker auf einen Schreibtisch legen.

Gibt es etwas, das die AA gerade hier in Gießen auszeichnet?

Annegret: Es ist toll, dass es so viele Gruppen gibt und man sich die aussuchen kann, in der man sich wohl fühlt. Es sind neun: Jeden Tag eine, freitags und sonntags jeweils zwei. Es gibt auch eine eigene Frauengruppe.

Siegfried: Eine wichtige Errungenschaft war die Kontaktstelle in der Bahnhofstraße, die es seit 1989 gibt. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Vorher waren die Gruppen überall in der Stadt verteilt, zum Beispiel in Räumen von Kirchengemeinden.

Gehört jeder zu einer festen Gruppe?

Sylvia: Nein, nicht jeder. Neue Freunde kommen sehr oft, fast täglich. Wer länger trocken ist, vielleicht ein- oder zweimal in der Woche.

Wie viele Frauen sind unter den Besuchern? Und wie ist die Altersstruktur?

Sylvia: Etwa die Hälfte sind Frauen. Beim Alter ist alles dabei von 17 bis weit über 70.

Ihre Botschaft an Betroffene: Warum lohnt es sich, zu den AA zu gehen?

Sylvia: Es lohnt sich, nüchtern zu leben. Wir sind alle Bergsteiger, mit einem Seil verbunden. Klettern muss jeder für sich. Aber wenn einer fällt, fangen wir ihn auf.

Siegfried: Ich habe die Chance zu leben, ohne Scheiß zu bauen. Für mich war es ein Erfolg, als ich wieder Suppe essen konnte, ohne dass meine Hand gezittert hat.

Annegret: Ich gehe zu den AA, damit ich meine Krankheit nicht vergesse. Weil da meine Familie ist, Freunde, die mich verstehen. Und um unsere Botschaft weiterzugeben.

Info

Die Anonymen Alkoholiker

Die AA, gegründet 1935 in den USA, beschreiben sich als »Gemeinschaft von Männern und Frauen, die ihre Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen, um ihr gemeinsames Problem zu lösen und anderen zur Genesung vom Alkoholismus zu verhelfen«. Kontakt zum Gießener Ortsverband: AA Gießen, Bahnhofstraße 90, Tel. 06 41/1 92 95.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos