20. Dezember 2017, 20:30 Uhr

Archäologe des Luftkriegs

Es ist mehr als nur ein Hobby, eher eine Berufung. Seit fast 30 Jahren gräbt Mirko Mank aus Ebsdorf im Gießener und Marburger Raum Wracks von alten Flugzeugen aus und klärt die Schicksale von vermissten deutschen und allierten Fliegern. Ein Archiv, ein Museum und nunmehr ein zweites Buch sind dabei nebenbei entstanden.
20. Dezember 2017, 20:30 Uhr

Wer Mirko Mank und seine Mitstreiter vom Verein Fliegerschicksale Hessen durch Wald und Flur begleitet, der kann emotionale Momente erleben. So wie Ende Mai 2008 an einem bis heute geheimen Ort im Schiffenberger Wald. Die Gruppe ist keine Minute vor Ort, da schlägt der Metalldetektor an. Schnell ist das Metallteil ausgegraben. Der groß gewachsene Mann, der das Stück Blech ungläubig in die Hand nimmt und betrachtet, ist Francis Shamus Cahir. Er bekreuzigt sich – einmal, zweimal und ein drittes Mal. Dann weint der 84-Jährige, der an diesem Vormittag vor neun Jahren mit seiner Vergangenheit als Angehöriger der Königlich Australischen Luftwaffe konfrontiert wird. An einem Ort, der für drei seiner Kameraden zum Grab wurde. Am 6. Dezember 1944 war hier ein viermotoriger Bomber der RAAF beim Großangriff auf Gießen abgeschossen worden und in den Wald gestürzt.

Schicksale stehen im Vordergrund

Alle sieben Besatzungsmitglieder der Lancaster PB 290 fanden den Tod, vier wurden damals geborgen, drei blieben vermisst – bis zum Sommer 2004. Dann bargen Mirko Mank, Frank Häuser, Andreas Dort und Jörg Merlau die Überreste der drei vermissten Australier. In wenige große und Tausende kleine Trümmer war der 32 Tonnen schwere Bomber beim Aufschlag zerplatzt. Ständig gibt das Suchgerät Laute von sich. Binnen weniger Minuten finden sich weitere Teile. Der Veteran aus Down Under schüttelt den Kopf und murmelt: »Nach so langer Zeit.«

Mirko Mank ist ein Archäologe des Luftkriegs, der vor 75 Jahren über Oberhessen tobte. Kein Typ Indiana Jones, sondern einer, der nur mit behördlichen Genehmigungen arbeitet und bei Bergungen mit Stellen wie dem Hessischen Innenministerium, der Hessen Archäologie oder dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge kooperiert. Für die Aktion am Schiffenberg wurde er später von der australischen Luftwaffe geehrt.

Mit Militarismus will der Ebsdorfer nicht in Verbindung gebracht werden. Die Suche nach den Flugzeugwracks habe nicht vorrangig einen militärischen Aspekt. Hier stünden die Schicksale der Flieger und deren Geschichten und Schicksale im Vordergrund. »Es ist immer wieder ein schönes Gefühl, wenn man den Hinterbliebenen von vermissten oder getöteten Weltkriegsfliegern wieder ein Stück Identität ihrer Angehörigen zurückgeben kann«, sagt Mank. Denn wenn diese Schicksale in Vergessenheit gerieten, »wer und was mahnt dann nachfolgenden Generationen vor einem erneuten Krieg?«

Im Laufe der Jahre hat sich bei Mank derart viel Recherchematerial angesammelt, dass er – zehn Jahre nach dem ersten – nunmehr den zweiten Band seiner geplanten Chronik des Luftkriegs im Landkreis Gießen vorgelegt hat, wieder unter dem Titel »Vergilbte Akten – Verglühtes Metall«. Auf 820 Seiten zeichnet Mank Tag für Tag die dramatischen Luftkriegsgeschehnisse zwischen April 1944 bis August 1944, als sich der Krieg am Himmel über Gießen intensivierte, nach. Hunderte von historischen Bildern vermitteln einen Eindruck von der Zeit. Dabei beschränkt sich der Autor nicht nur auf die chronologische Abfolge von Luftalarmen, Bomben- und Tieffliegerangriffe, sondern beschreibt die Abstürze alliierter und deutscher Maschinen und zeichnet die Schicksale ihrer Besatzungen nach.

Eingang gefunden haben auch größere Bergungen, zum Beispiel die eines britischen Halifax-Bombers bei Hungen-Steinheim. Manks Verein organisierte einen Besuch von Verwandten der getöteten Flieger und eine Trauerfeier. Bei Treis/Lumda wurde ein deutscher Nachtjäger ausgegraben und das Schicksal der Besatzung geklärt. Gesonderte Kapitel über das Kriegsgefangenenlager der Luftwaffe in Wetzlar und über Auswirkungen von Hitlers Hauptquartier in Ziegenberg in der Wetterau auf den Luftkrieg in der Region runden Band zwei ab. Geplant hat Mank noch zwei weitere Bände.

Aber es sind dann doch immer wieder diese Momente wie damals am Schiffenberg, die Mank und seine Kollegen weitersuchen lassen. Es ist ein wunderschöner Frühlingstag. Francis Shamus Cahir schaut sich um, atmet die frische Waldluft ein und sagt: »Im Dschungel von Neu-Guinea liegen auch noch viele von uns. Das ist die Hölle. Hier, das ist ja wie im Paradies.«

Band zwei der Chronik ist zum Komplettpreis inkl. versichertem Versand per DHL für 49 Euro beim Autor direkt zu erwerben. Seine Kontaktdaten lauten: Mirko Mank, Bortshäuserstraße 7, 35085 Ebsdorfergrund, Telefon 06 42 4/92 31 93 oder per E-Mail: mank.m@outlook.de

Notgelandeter deutscher Bomber bei Hungen.

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