09. Dezember 2018, 09:00 Uhr

Stadt Gießen

Armin Gissel: Der empathische Macher

Wenn Armin Gissel von seinem Büro in der Südanlage zur Pankratiuskapelle geht, dauert das, weil er so viele Bekannte trifft. Ein Pfarrer zum Anfassen ist er aber nicht. Wie passt das zusammen?
09. Dezember 2018, 09:00 Uhr
Pfarrer Armin Gissel in der Pankratiuskapelle, seiner Lieblingskirche in Gießen. (Foto: Schepp)

Das Leben ist schön. Bis zum Schluss haben Eugen und Arthur immer wieder diese Erfahrung machen dürfen. Die Eltern der Brüder, die vor einigen Jahren an Muskeldystrophie gestorben sind, haben ihren Kindern nicht nur beigestanden, sondern ihnen die heiteren Seiten des Daseins gezeigt, ihre Last geteilt, mit ihnen gelacht und gekämpft. Diese Familie ist für Armin Gissel bis heute ein Korrektiv. Das Kleinklein des Alltags, der Ärger über Nichtigkeiten – all das wird unbedeutend angesichts dieser Menschen, die in ihrer Liebe über sich hinaus gewachsen sind.

Menschen in Grenzsituationen hat Gissel schon häufig erlebt und begleitet. Das gehört zu seinem Beruf. Aber der 64-Jährige hat sich zudem einen Bereich ausgesucht, der eine ganz besondere Nähe zu seinen Schäfchen mit sich bringt. Er ist Behindertenseelsorger. Als man ihm 1994 diese Tätigkeit anbot, zögerte er zunächst, denn er war Gemeindepfarrer mit Leib und Seele. Zunächst in Landgemeinden in der Wetterau. Der junge Mann aus Waldgirmes liebte seine Arbeit in den Dörfern, er knüpfte dort Freundschaften, die bis heute andauern. Dennoch entschied er gemeinsam mit seiner Frau Uschi, sich auch noch etwas anderes anzuschauen. 1987 zog die Familie nach Gießen.

Anders wurde es in Gießen auf jeden Fall, eine Zeit intensiver und sehr gegensätzlicher Begegnungen begann. Aus Markus- und Matthäusgemeinde war Ende der 70er Jahre die Pankratiusgemeinde entstanden, die Familie lebte mitten in der Stadt und wurde herzlich aufgenommen. Die Söhne Christian und Cornelius, 1984 und 1986 geboren, erlebten als Pfarrerskinder zwar das »Verwöhnaroma« der älteren Gemeindemitglieder, auf der anderen Seite mussten sie häufig auf den Papa verzichten: An Sonn-und Feiertagen oder bei Notfällen, die das Seelsorgerleben mit sich bringt. In jene Zeit fallen auch prägende Erlebnisse als Gefängnisseelsorger, der junge Geistliche wurde mit knallharten Geschichten konfrontiert, die ihn an seine Grenzen brachten und ihm vor Augen führten, dass Mitgefühl und Verständnis Grenzen haben.

Er ist ein echter Freund, der unsere Kinder getauft hat, uns getraut hat und immer da ist, wenn man ihn braucht

Heinz-Jörg Ebert

Schon damals erfuhr er, dass es auch in seinem Job nicht ohne professionelle Supervision und intellektuelle Annäherung geht. »Bauchgefühl allein reicht nicht«, sagt er. Denkt Gissel an jene Zeit, so fallen ihm aber auch die Senioren der Gemeinde ein. Eine anspruchsvolle Truppe, die sich gerne mit religiösen und kirchlichen Fragen auseinandersetzte.

Die Familie mochte das Leben im Pfarrhaus im Herzen der Stadt, aber die Entscheidung, mit dem neuen Job ein bisschen räumlichen Abstand zu schaffen und nach Waldgirmes zu ziehen, erwies sich als richtig. Gissel erlebte die neue Tätigkeit als Bereicherung. Die Begegnungen mit den behinderten Menschen und deren Familien brachte ganz andere Sichtweisen auf das Leben, sie lehrten Demut und Dankbarkeit. Und sie gingen – und gehen bis heute – mit viel Spaß und Fröhlichkeit einher. Gissel schätzt das Unverstellte, Direkte. Behinderte Menschen sind weder diplomatisch noch berechnend, sie sind in einem Moment himmelhochjauchzend und im nächsten Augenblick zu Tode betrübt. Das sind Eigenschaften, die manchmal anstrengend, aber immer wieder auch tief berührend sind.

Zusammen mit der Gemeindepädagogin Kornelia Marschner entwickelte der Pfarrer vor fast 20 Jahren ein Konzept für eine Tagesstätte für behinderte Senioren. Da im Nationalsozialismus behinderte Menschen umgebracht worden waren, erreichte damals die erste Generation das Rentenalter. Da sie zu Hause und in den Wohnstätten tagsüber weitgehend alleine waren, wollte man ihnen die Möglichkeit zu Gemeinschaft und Beschäftigung geben. Die Tagesstätte in der Südanlage 13 wurde 2003 eingerichtet und hat bis heute Modellcharakter. Für die Gäste ist sie ein zweites Zuhause, hier haben sie Aufgaben und ihre Freunde. Gissel ist für sie ein Fels in der Brandung. Sie mögen ihn sehr, er ist aber auch eine Respektsperson. »Der Pfarrer« eben. »Er ist ein wunderbarer Kollege, ein Netzwerker und ein Macher«, sagt Marschner, die seit vielen Jahren eng mit ihm zusammenarbeitet. Ein Netzwerker, der seine Visionen auch umzusetzen versteht. In letzter Zeit ist dabei ein neues Themengebiet in den Fokus gerückt.

Menschen, die trotz großen Leids in ihrer Liebe über sich hinauswachsen, sind ein Korrektiv für mein Leben

Armin Gissel

Gissel kritisiert, dass man behinderten Menschen Trauer nicht zugesteht. »Das ist völlig inakzeptabel«, sagt er, weshalb es schon mal vorkommt, dass er Beerdigungen, bei denen ein behindertes Familienmitglied »vergessen« oder ausgegrenzt wurde, erneut zelebriert. Den Verlust eines Menschen zu verarbeiten, Abschied nehmen zu können ist essentiell für jeden Menschen, deshalb engagiert sich Gissel in diesem Bereich.

Ein gutes Beispiel für die zielstrebige Umsetzung von Visionen sind auch die Freizeiten für behinderte Menschen. Viermal im Jahr geht es auf kleine und große Reisen. Für die Teilnehmer sind das unvergleichliche Erlebnisse. Bemerkenswert an ihnen ist auch die große Helferschar – deren Treue über viele Jahre hinweg ist zu einem Großteil Gissels Verdienst. Fast 100 Ehrenamtliche stellen sich mittlerweile als Betreuer zur Verfügung, viele von ihnen sind ehemalige Praktikanten oder Mitarbeiter, andere stammen aus dem Umfeld der Angehörigen. Und alle sind sie Armin Gissel in besonderer Weise verbunden. Ermöglicht werden die Freizeiten durch die Erlöse der Pankratiuskonzerte der »Drei Stimmen« und deren Stiftung. Heinz Jörg Ebert, Ingi Fett und Tom Pfeiffer berühren das Publikum bei den Konzerten mit ihrer Musik. Pfarrer Gissel tut es mit seinen Worten. Seine kleinen Geschichten und Sprüche haben nichts Salbungsvolles, nichts Frömmelndes – und treffen die Menschen mitten ins Herz.

Gissel ist offen und zugewandt, gleichzeitig aber zurückhaltend und ruhig. Keiner, der mit jedem gleich ganz eng ist. Seine Freundschaft mit Heinz-Jörg Ebert etwas Besonderes. »Wenn ich mitten in der Nacht Hilfe brauchte, könnte ich ihn anrufen«, sagt Gissel über Ebert. Da ist in den Jahren der gemeinsamen Projekte etwas Kostbares gewachsen. Heinz-Jörg Ebert wiederum ist glücklich, in Gissel einen so bodenständigen, sensiblen, warmherzigen Freund zu haben. »Er ist ein echter Freund, der unsere Kinder getauft hat, uns oben auf’m Berg – ein bisschen näher am lieben Gott – getraut hat und immer da ist, wenn man ihn braucht«.

Er ist ein wunderbarer Kollege, ein Macher und ein Netzwerker

Kornelia Marschner

Und was gibt diesem einfühlsamen Menschen selbst Halt, Kraft und Antrieb? Auf jeden Fall seine Ehefrau Uschi. Und das sichere Gefühl in einen großen Freundeskreis eingebettet zu sein, dazu gehört der Kreis des Rotary-Clubs, aber auch viele andere Menschen.

Im nächsten Herbst geht Gissel in den Ruhestand. So richtig vorstellen kann er sich das noch nicht, denn er liebt seinen Beruf. Der Abschied vom Amt, das hoffen viele Weggefährten, wird jedoch der Anfang von etwas anderem sein. Und da es ihm schon immer gefallen hat, neue Wege auszuprobieren, liegen sie vermutlich nicht ganz falsch. Seit einer Wanderung auf den Berg Athos fasziniert ihn die weltabgeschiedene religiöse Welt der orthodoxen Mönche, er beschäftigt sich gerne mir deren Spiritualität. Seine Welt ist das dennoch nicht. Dazu mag er die Menschen und deren Nähe zu gerne. Und deshalb plant er bei seinen Gängen durch die Stadt liebend gern ein bisschen mehr Zeit ein.

Zusatzinfo

Stiftung Drei Stimmen hilft

Seit 15 Jahren unterstützt die Stiftung »Drei Stimmen hilft« die Behindertenseelsorge und weitere soziale Projekte. Zudem unterstützt sie die Erforschung der Muskeldystrophie des Typs Duchenne, an der auch Eugen und Arthur gelitten haben. Sie ist die häufigste muskuläre Erbkrankheit im Kindesalter. Sie beginnt mit einer Schwäche der Becken- und Oberschenkelmuskulatur, schreitet rasch voran und endet tödlich, sobald die Herz- und Atemmuskulatur abgebaut wird. www. diedreistimmen.de

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