05. Januar 2012, 21:08 Uhr

Auch Ältere nutzen Bundesfreiwilligendienst

Gießen (kw). Viele heimische Anbieter sind überrascht vom recht großen Interesse am Bundesfreiwilligendienst. Aber es gibt Kritik an Organisationsmängeln beim Start.
05. Januar 2012, 21:08 Uhr
Vanessa Hock aus Langgöns-Oberkleen und Torben Holl aus Fernwald leisten Bundesfreiwilligendienst bei der Psychiatrischen Vitos Klinik. (Foto: Schepp)

Ehrenamt zugunsten der Allgemeinheit – gern. Aber welcher Rentner oder Arbeitslose verpflichtet sich für mindestens 20 Stunden in der Woche, wenn er nur ein Taschengeld erhält? – Skeptisch hatte Kornelia Steller-Nass im Sommer den Start des Bundesfreiwilligendienstes (BFD) beurteilt. Ein halbes Jahr später gibt die Ehrenamtskoordinatorin bei der Arbeiterwohlfahrt Gießen gern zu, dass das Interesse an dem neuen Dienst überraschend groß ist – auch bei Älteren. Andere heimische Anbieter berichteten auf GAZ-Anfrage ebenfalls von einem vielversprechenden Start. Etliche allerdings kritisieren organisatorische Mängel speziell in der Startphase.

Der Bundesfreiwilligendienst soll Lücken schließen helfen, die durch den Wegfall des Zivildienstes gerissen werden. Anders als das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) steht er auch Menschen über 27 Jahren offen. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) hatte kürzlich erklärt, der BFD sei erfolgreicher als erwartet. Bis Ende Dezember wurden fast 27 000 Verträge geschlossen. Jeder fünfte Freiwillige ist älter als 27.

»Wir haben täglich Bewerbungen von jungen und älteren Menschen«, berichtet Steller-Nass. 14 Kräfte sind derzeit im Einsatz – etwa in der Pflege, der Wohnungslosenhilfe oder in der Kinderbetreuung. Die Jüngeren suchten berufliche Orientierung oder nutzten die Chance, zwischen Schule und Ausbildung etwas ganz anderes zu tun. Auch unter den Älteren gebe es Teilnehmer, die im BFD das soziale Berufsfeld kennenlernen wollen, zum Beispiel, weil sie eine Umschulung erwägen. Viele aber wollten einfach »etwas Sinnvolles tun«. Willkommen sei der neue Dienst etwa manchen Hartz-IV-Betroffenen. Von den bis zu 336 Euro Aufwandsentschädigung im Monat dürfen sie 175 Euro behalten.

Zwei BFDler beschäftigt der Sozialdienst katholischer Frauen – darunter eine Ruheständlerin, der ein Ehrenamts-Einsatz im normalen Rahmen zu wenig war. »Super, dass das so gut läuft«, meint Geschäftsführerin Yvonne Fritz. Beim BFD seien die Einsatzfelder vielfältiger als beim FSJ.

Im Uniklinikum sind derzeit fünf der insgesamt 80 Stellen besetzt, allesamt von jungen Menschen. Ähnlich ist es bei der Psychiatrischen Vitos-Klinik, wo fünf Kräfte beispielsweise mit den Patienten spazieren gehen oder sie beim Kochen unterstützen. Zugleich sind elf FSJler im Einsatz. »Erst 2012 wird sich zeigen, ob sich der Bundesfreiwilligendienst wirklich etabliert«, meint Martin Sgodda, Leitende Pflegekraft bei Vitos.

Optimistisch ist Udo Schöps, Personalreferent bei der Lebenshilfe. Dort gibt es derzeit drei BFDler und 64 Teilnehmer am Berufsvorbereitenden Sozialen Jahr (BSJ), das aber auslaufen soll. Die Plätze werden in BFD-Stellen umgewandelt, »weil wir keine zwei relativ gleichgelagerten Dienste nebeneinander laufen lassen wollen«, erläutert Schöps. Allerdings habe es am Anfang Unsicherheiten gegeben, Informationen seien spärlich geflossen. »So wurde zum Beispiel erst gegen Ende des Jahres 2011 per Gesetz verabschiedet, dass dem Grunde nach der Kindergeldanspruch im BFD erhalten bleibt.«

Diese Kritik am neuen »Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben« teilt Kornelia Steller-Nass. »Die haben sich vor allem darum gekümmert, möglichst viele Plätze zu besetzen.« Manche Bewerber für ein FSJ wurden angeschrieben und gefragt, ob sie nicht stattdessen BFD leisten wollen. Außerdem findet Steller-Nass: »Manches ist zu starr geregelt.« Manchen Interessenten sei etwa die Mindesteinsatzzeit von 38,5, bei Älteren 20 Stunden pro Woche, zu hoch.

Viele fehlen in der Internet-Platzbörse

Wer im Übrigen auf der offiziellen Internetseite www.bundesfreiwilligendienst.de in der Platzbörse nach Gießener Anbietern sucht, findet nur die AWO und die Vitos Klinik. Die Einrichtungen müssten sich selbst dort eintragen, erklärte auf GAZ-Anfrage Roland Hartmann vom Bundesamt. Es gebe noch viele Lücken. »Viele haben erst spät gemerkt, dass man werben muss.« Man setze vor allem auf Veröffentlichungen vor Ort, sagen dazu Caritasdirektorin Eva Hofmann wie auch Lebenshilfe-Fachmann Schöps.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Arbeiterwohlfahrt
  • Bundesfamilienminister
  • CDU
  • Kristina Schröder
  • Personalreferenten
  • Pflegepersonal
  • Zivildienst
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 10 - 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.