28. Oktober 2018, 16:06 Uhr

Auf höchstem Niveau

28. Oktober 2018, 16:06 Uhr
Jan Garbarek am Tenorsaxofon. (Foto: axc)

Es ist nicht der erste Gießener Herbststurm, sondern von Rainer Brüninghaus’ Keyboards erzeugter Wind, der den gut 400 Fans in der damit fast ausverkauften verkleinerten Kongresshalle um kurz nach acht entgegenweht. Und schon nimmt der 71-jährige Norweger Jan Garbarek sein Sopransax aus der Tasche und lässt es mit ganz viel Echo durch den Raum tönen. Schließlich steigen der brasilianische E-Bassist Yuri Daniel und der indische Drummer/Perkussionist Trilok Gurtu in den »Broken Wind March« ein. Es ist der unverwechselbare Garbareksche Wohlklang – mal mit dem gebogenen Sopransax, mal mit dem Tenor geblasen –, der sich in die Gehörgänge schmeichelt und Balsam für die Seele ist. Daniels sanft und doch kraftvoll mit den Fingern gezupfter fünfsaitiger bundloser E-Bass und Gurtus instrumentenreiches und doch nie überpräsentes Schlagzeug legen dafür das perfekte Fundament. Schon im zweiten Stück setzt sich der Perkussionist auf ein Cajon, dem er hoch virtuose Klänge entlockt, lange Zeit nur im Duo mit Garbarek, der Staccati auf dem Tenorsax spielt. Auch steuert Gurtu wie gewohnt seinen Scat-Sprechgesang (»takedakededa…«) bei. Kurz vor Ende des zweistündigen Auftritts bekommt er noch ein echtes Solo, dessen Höhepunkt die rhythmische (und melodische) Bearbeitung eines mit Wasser gefüllten Eimers ist, in den Gurtu einen kleinen Gong eintaucht. Wer allerdings vor fünf Jahren an gleicher Stelle beim Konzert in gleicher Besetzung dabei war – und es scheinen wieder viele echte Garbarek-Fans in der Halle zu sein –, wird merken, dass sich – von dem weißen Stoffsegel über der Bühne und der stimmungsvoll wechselnden Beleuchtung bis zu den Solobeiträgen von Gurtu, Brüninghaus und Daniel – nur sehr wenig verändert hat.

Der glatzköpfige Bassist hat – wie sein immer wieder mal lächelnder, händeklatschender und den Blickkontakt zu den Kollegen suchender Chef auch – erkennbar Spaß an der Musik, während Brüninghaus sich eher nach innen freut. In seinem Solo am Flügel vermischt er Klassisches mit Jarrett-ähnlich perlenden Jazzläufen, bassigen Ostinati, Boogie und Stummfilmmusik. Das hat in seiner gewollten Vielfalt durchaus etwas Zirzensisches, ist aber ein Höhepunkt des Abends. Ein Lächeln ist dem 68-Jährigen trotz des herzlichen Applauses nicht zu entlocken.

Garbarek hat sich nach eigener Aussage schon recht weit vom »reinen« Jazz entfernt, aber trotz des hohen Balsamfaktors gibt es auch einige Ecken und Kanten. So mancher Fuß stolpert beim Versuch mitzuwippen über die komplexen Rhythmen mancher Nummern. Nicht nur durch seine Soli ist Trilok Gurtu, der ja auf den Plakaten auch als »featuring« angekündigt wurde, vielleicht der wahre Held des Abends. Sein leichtfüßiger und -händiger Wechsel zwischen den gewohnten westlichen Drums und den indischen Tablas und Ghatams beeindruckt immer wieder und sorgt für reizvolle Kontraste, wenn etwa Daniel auf dem Bass einen Latinorhythmus legt und Garbareks Sopransax dazu orientalisch tönt. Gegen Ende des Auftritts darf das Publikum ein wenig rhythmische Unterstützung leisten, aber auch nur ein einziges gesprochenes Wort an die Fans ist wie gewohnt leider Fehlanzeige.

Die einzige echte Überraschung bietet die Zugabe: »Had to Cry Today« stammt aus der Feder von Steve Winwood, also aus dem für Garbarek eher ungewohnten Bereich des Rock. Vorhersehbarer Abend auf höchstem musikalischen Niveau.

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