Stadt Gießen

Aufklären über die Aufklärung

Manche Forscher blicken ein wenig neidisch auf Facebook. Denn die Wissenschaft hinke dem Internetriesen mitunter »weit hinterher«, betonte Prof. Elisabeth Tuider am Donnerstagabend im Jokus. Auf Einladung von Pro Familia sprach sie über die »Sexualpädagogik der Vielfalt - Sexualisierung oder Das Recht auf Information«. Sexuelle Diversität, so die Kasseler Soziologin, sei im Alltag genauso angekommen wie in der Wissenschaft. Bis Studien alle Kategorien für das Geschlecht nutzen, die Mark Zuckerberg und Co. kennen, sei es aber noch ein langer Weg. 60 Optionen hätten Facebook-User inzwischen, während »die Wissenschaft mit ihrem Kategoriensystem an Grenzen« stoße.
08. September 2019, 16:26 Uhr
Christian Schneebeck
Wissenschaftlerin Elisabeth Tuider.	(Foto: csk)
Wissenschaftlerin Elisabeth Tuider. (Foto: csk)

Manche Forscher blicken ein wenig neidisch auf Facebook. Denn die Wissenschaft hinke dem Internetriesen mitunter »weit hinterher«, betonte Prof. Elisabeth Tuider am Donnerstagabend im Jokus. Auf Einladung von Pro Familia sprach sie über die »Sexualpädagogik der Vielfalt - Sexualisierung oder Das Recht auf Information«. Sexuelle Diversität, so die Kasseler Soziologin, sei im Alltag genauso angekommen wie in der Wissenschaft. Bis Studien alle Kategorien für das Geschlecht nutzen, die Mark Zuckerberg und Co. kennen, sei es aber noch ein langer Weg. 60 Optionen hätten Facebook-User inzwischen, während »die Wissenschaft mit ihrem Kategoriensystem an Grenzen« stoße.

Ob trans oder metro, bi oder poly oder, oder, oder: Typisch für Sexualität sei heute in erster Linie die Vielfalt,, sagte Tuider. Im Zeitalter der »Neosexualität« dominiere dabei eine »Verhandlungsmoral«, während starre Vorstellungen, etwa nach den Mustern Normal-Unnormal und Richtig-Falsch, an Bedeutung verlören. Mit den Ideen, was ein erfülltes Liebesleben ausmache, ändere sich zugleich die gesellschaftliche Bewertung sexueller »Selbstpositionierungen«, erklärte Tuider und nannte als Beispiel, dass längst das Liebespaar die »Hauptreferenz« für erfüllte Sexualität sei - und nicht mehr die Ehe.

Den Wandel der Sexualität verortete die Professorin für Soziologie der Diversität zum einen historisch, zum anderen im zeitgenössischen Diskurs. Parallel zur »Normalisierung der Vielfalt«, die sich in der »Ehe für alle« (2017) und der Anerkennung des dritten Geschlechts (2019) zeige, existiere ein Abwehrdiskurs. Als Zielscheibe nutze dieser oft die Sexualpädagogik, und hier die Vorstellung, Kinder würden »umerzogen« oder »frühsexualisiert«. Die »rhetorische Figur des bedrohten Kindes« sehe sich dann Gefahren wie Pädophilie und sexueller Gewalt ausgesetzt. Abhilfe schaffe vermeintlich die Rückkehr zum Altbekannten: »Es geht um die Kontrolle von Sexualität, und zwar in der Familie als Ort eben dieser Kontrolle.«

In seiner Anlage stelle der Abwehrdiskurs »die Errungenschaften der sexuellen Liberalisierung in Frage«. Dass »sexuelle Gewalt gegen Sexualpädagogik ausgespielt« werde, beschrieb Tuider als »schicht- und parteiübergreifendes Phänomen«. Einmal personalisiert, an Reizwörter à la »Gang Bang« oder »Analverkehr« gekoppelt und mit Schreckensszenarien von Missbrauch und Gewalt angereichert, diene das »imaginierte Andere« dazu, eigene Intoleranz zu rechtfertigen. An dieser Stelle liege der Sexualitätsdiskurs relativ nah bei Rassismus und Fremdenfeindlichkeit: Stets gehe es um Angst vor »Überfremdung« oder vor »dem Untergang des Abendlandes«.

Empirische Forschungen der Soziologin weisen darauf hin, dass sich viele Kinder und Jugendliche selbst jenseits der Kategorien »Typischer Junge« und »Typisches Mädchen« verorten. »Deshalb hören beide Pole nicht auf zu existieren«, verdeutlichte Tuider. Vielmehr legten solche Ergebnisse nahe, dass für eine angemessene Beschreibung weitere Kategorien notwendig seien. Parallel entkräftete die Wissenschaftlerin Behauptungen, Jugendliche seien in der Mehrzahl »sexuell verwahrlost« oder »pornografisiert«. Beides könne bisher keine Studie nachweisen.

Sehr wohl nachweisbar sei allerdings die Rolle einer zeitgemäßen und altersgerechten Sexualpädagogik. Gegen Anwürfe verteidige diese sich am wirksamsten mit einem »Aufklären über die Aufklärung«, meinte Tuider. Dazu gehöre, das Sprechen über Sexualität zu historisieren und Strömungen samt ihrer Interessen klar zu benennen.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Aufklaeren-ueber-die-Aufklaerung;art71,625394

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