25. Juli 2012, 20:03 Uhr

BFD: Auch in Gießen zu wenig Plätze

Gießen (kw). Der Bundesfreiwilligendienst wird ein Jahr alt. Die Anbieter und Nutzer in Gießen sind grundsätzlich zufrieden. Es gibt aber zu wenige Plätze und zu viel Bürokratie.
25. Juli 2012, 20:03 Uhr
Eine sinnvolle Tätigkeit und Einblick in eine neue Branche: Das bedeutet der Freiwilligendienst für Lothar Schäfer, der in der Reha-Werkstatt Gießen-Mitte der Lebenshilfe tätig ist. (Foto: kw)

»Mich hat nicht das soziale Gewissen hierher gebracht, sondern eher die blanke Not«, sagt Lothar Schäfer. Nach 24 Jahren als Schriftsetzer bei einer Frankfurter Druckerei war die Arbeitslosigkeit für den 55-Jährigen hart. »Ich wollte irgendwie wieder reinkommen ins Berufsleben.« Bei einer Informationsveranstaltung der Lebenshilfe in den Räumen der Agentur für Arbeit wurde er auf den Bundesfreiwilligendienst (BFD) aufmerksam. Seit April ist er in der Reha-Werkstatt Gießen-Mitte im Siebdruck tätig und leitet Menschen mit Behinderung an, »von denen ich auch sehr viel lerne«. Finanziell profitiere er gar nicht, »aber diese Erfahrung möchte ich nicht missen. Ich hoffe, dass ich in diesem Bereich weiterarbeiten kann«, sagt Lothar Schäfer. Er hat Glück gehabt: Viele andere BFD-Bewerber müssen abgewiesen werden, denn ein Jahr nach dem Start sind die Plätze überall knapp – auch in und um Gießen.

Als nach der Aussetzung von Wehr- und Zivildienst im Juli 2011 der Bundesfreiwilligendienst startete, waren viele skeptisch. Jüngst jubelte Bundesfamilienministerium Kristina Schröder über einen unerwarteten Erfolg. Überraschend viele Ältere nutzten das neue Angebot, etwa Ruheständler und Arbeitslose: Jeder fünfte Teilnehmer ist über 50. Allerdings waren schon im März 35 000 Plätze besetzt, die die Bundesregierung pro Jahr finanziert. Mehr Mittel gebe es voraussichtlich auch im nächsten Jahr nicht, musste Schröder einräumen. Der BFD sei grundsätzlich eine gute Sache, finden auch die sozialen Organisationen, die Plätze in und um Gießen anbieten. Allerdings sei das Kontingent zu knapp bemessen, und das eigens zur Verwaltung geschaffene Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) in Köln arbeite zu unflexibel.

»Eine einfachere Zuweisung« wünscht sich etwa Udo Schöps. »Wir können Bewerbern immer nur sagen: Wir bemühen uns – aber nie: Sie können in vier Wochen anfangen«, sagt der Personalreferent der Lebenshilfe Gießen auf GAZ-Anfrage. Die Lebenshilfe-Kreisvereinigung setzt daher nach wie vor in erster Linie auf das Freiwillige soziale Jahr: Mehr als 60 Menschen sind in diesem Rahmen derzeit in den Einrichtungen tätig, nur drei im BFD. Wer einen Platz bekommt, so Schöps, sei in der Regel »sehr motiviert« und zufrieden – wie Lothar Schäfer.

Ältere mit »viel Lebenserfahrung«

Gerade unter den älteren Bewerbern seien etliche »tolle Leute«, sagt Kornelia Steller-Nass, Ehrenamtskoordinatorin bei der Arbeiterwohlfahrt: »Die bringen so viel Lebenserfahrung mit!« Junge Männer, die sich früher für Zivildienst interessierten, hätten oft zunächst Fahrdienst oder Haustechnik als Einsatzgebiet bevorzugt. »Jetzt kommen Leute, die wirklich in die Altenpflege wollen« – etwa weil sie diese krisenfeste Branche als mögliche berufliche Zukunft sehen. Im Fahrdienst seien zur Zeit sogar noch einige BFD-Stellen frei. Überhaupt habe die Awo ein recht gutes Kontingent; zu den derzeit 15 Freiwilligen könnten noch einige hinzukommen, so Steller-Nass. Leider dauere es trotzdem immer mindestens vier Wochen, bis ein Einsatz beginnen kann. »Ich muss zig Formulare ausfüllen«, bis feststeht, wer ab wann wo tätig sein darf und welche Lehrgänge er oder sie besuchen soll. Zu den Fortbildungen für Ältere fehle im Übrigen immer noch ein Konzept.

»Die Leute, die das machen, finden es Klasse«, berichtet Caritasdirektorin Eva Hofmann. »Wir hoffen auf mehr Plätze.« In Gießen seien zur Zeit nur wenige BFDler für die Caritas tätig. Das liege auch daran, dass die jüngeren Bewerber leider nur selten ins Seniorenheim wollten. Dabei seien Freiwillige dort sehr willkommen: »Es ist für die Bewohner schön, wenn jemand da ist, der nicht dauernd auf die Uhr gucken muss und zum Beispiel mal die Zeitung vorlesen kann.«

Am Universitätsklinikum in Gießen seien derzeit nur fünf BFDler tätig, erklärt Sprecher Frank Steibli. »Wir könnten mehr beschäftigen, bekommen die Plätze aber nicht bewilligt.« Ebenso geht es den Vitos-Kliniken an der Licher Straße. »Die Zahl der Bewerber übersteigt bei weitem das Angebot«, berichtet die Öffentlichkeitsbeauftragte Angela Haas. Deshalb müsse man leider viele Interessenten ablehnen. »Wir würden es begrüßen, wenn die Stellen aufgestockt werden.« Bei Vitos Gießen-Marburg sind derzeit zehn Bundesfreiwillige tätig, und zwar in der Pflege, der Gärtnerei und im Fahrdienst.

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