11. August 2016, 10:03 Uhr

Bier: Ein »unverzichtbares Nahrungsmittel«

Gießen (son). Bier gilt heute mehr als Genussmittel, denn als ausgewiesener Bestandteil unserer täglichen Nahrung. In früheren Zeiten war es aber ein »unverzichtbares Grundnahrungsmittel«. Dies machte Stadtarchivar Ludwig Brake in seinem Vortrag über die Geschichte des Brauens im Gießener Land deutlich.
11. August 2016, 10:03 Uhr

In fast jedem Haushalt wurde im Mittelalter Bier gebraut, sagte Brake. Dies war, wie Kochen und Brot backen, Aufgabe der Frauen. Das Bier galt durch seinen Verarbeitungsprozess – wie das Kochen der Würze – als viel genießbarer als Wasser. »Wegen seines Kaloriengehalts war es zudem eine wichtige Ergänzung zur oft knappen Nahrung«.

Auch im Gießener Raum hat das Bierbrauen eine lange Tradition. So lobte der Theologe Erasmus Alberus das Gießener Bier in einer seiner Schriften. »Wer will, der find’ gut Bier zu Gießen«, verkündete er im 16. Jahrhundert in seinem Werk »Lob der Wetterau«. Das bekannte Reinheitsgebot von 1516 galt aber damals längst noch nicht deutschlandweit. »Nur in zwei bayerischen Herzogtümern gab es das«, sagte Brake. Man müsse sich daher von der Vorstellung eines deutschen, seit Jahrhunderten standardisierten Lebensmittels verabschieden.

Dagegen gab es zig Bier- und Brauordnungen in den verschiedenen Regionen. Das Brauen entwickelte sich sehr schnell zu einem knallharten, lukrativen Geschäft. So zeigten gerade Klöster einen gewissen Geschäftssinn für die Vermarktung ihres Bieres und wurden zu Wirtschaftsbetrieben, die in großem Stil Bier brauten. »Zum Ärger der bürgerlichen Brauereien und Gaststätten, die den Klerus als lästige Konkurrenz betrachteten«, sagte Brake.

In Gießen verfügte das Kloster Schiffenberg über eine eigene Brauanlage und auch zwei Adelssitze im Stadtgebiet hatten eigene größere Brauhäuser. In der früheren Neuzeit etablierten sich kommunale Brauhäuser an der Fehrbach oder an der Stadtschule, bei denen Bürger für den Eigenbedarf Bier brauen durften, allerdings gegen eine Gebühr.

Die Qualität des Gießener Bieres stand und fiel mit der Qualität des Brauwassers. »Das war in der Stadt schon ein Problem, denn es gab kaum verfügbares fließendes Wasser«. Dennoch sei das Wasser aus den Stadtkanälen teilweise für das Brauen genutzt worden. »Noch im 19. Jahrhundert beschwerte sich ein Gießener Bürger in einem Leserbrief über die ›Plörre», die in manchen Gasthäusern als Bier verkauft werde. »Es schmeckt wie Jauche«, konstatierte der Leser.

Das Braugewerbe veränderte mit beginnender Industrialisierung stark. Gab es 1875 noch 115 Brauereien im Kreis Gießen, waren es um 1900 nur noch 37, im Jahr 1930 gar nur noch zehn. Es schlug die Stunde der modern geführten und technisierten Brauereibetriebe, was auch positive Auswirkungen auf die Bierqualität hatte, denn der Brauvorgang konnte genau kontrolliert werden.

Brake nannte die Brauerei von Ihring und Melchiors in Lich und das Gießener Brauhaus, das 1899 von Adolf Denninghoff an der heutigen Nordanlage gegründet wurde. »Nun kam auch wirklich das vielzitierte Reinheitsgebot zum Tragen, das als Bierzutaten nur Hopfen, Wasser, Hefe und Malz vorsieht«.

Das Gießener Brauhaus verblieb nach den Weltkriegen als einzige gewerbliche Brauerei im Stadtgebiet. Im Jahr 1978 zog der Betrieb aus der Innenstadt nach Wieseck um, errichtete den markanten 47 Meter hohen Siloturm. »Ein sichtbares Zeichen der Verbindung der Stadt Gießen mit dem Bier«, schloss Brake seinen Vortrag.

Museumsleiterin Sabine Philipp verkündete im Anschluss, dass in den nächsten Wochen ein kurzer Film über das Gießener Brauhaus im Museum zu sehen sein wird. »Wir geben Einzelheiten noch bekannt«.

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