27. April 2018, 21:57 Uhr

Billig – und trotzdem sicher?

Reisen ist nicht mehr teuer. Mit dem Fernbus kann man für wenige Euro auch weite Strecken zurücklegen. Damit die Sicherheit nicht leidet, führt die Polizei engmaschig Kontrollen bei Flixbus und Co. durch. So wie am Freitag in Gießen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.
27. April 2018, 21:57 Uhr
Bei der Polizeiaktion werden die Busse auf Herz und Nieren überprüft. (Foto: Schepp)

Monika Franke ist genervt. »Kann ich wenigstens mal eine rauchen?«, ruft sie aus dem Bus. Der giftgrüne Reisebus ist am Morgen Richtung Berlin unterwegs, als er von einem Polizisten auf dem Motorrad aus dem Verkehr gewunken und zum Parkplatz an den Hessenhallen gelotst wird. Dort warten 13 Polizeibeamte, die Bus, Fahrer und Fahrgäste genau unter die Lupe nehmen. »Wenn ihr Pass schon kontrolliert wurde, dann ja«, antwortet ein Beamter. »Endlich«, stöhnt sie.

Monika Franke ist auf dem Weg von Koblenz nach Berlin: »Abi-Treffen. Ich will pünktlich da sein.« Dass ausgerechnet für diesen Tag eine groß angelegte Fernbuskontrolle angesetzt wurde, passt ihr gar nicht. Und verstehen kann sie es auch nicht: »Ich fühle mich im Fernbus sehr sicher. Damit ich bei den Stopps rauchen gehen kann, sitze ich sowieso immer ganz vorne und habe alles genau im Blick.« Für rund 20 Euro kann man ein Ticket von Koblenz nach Berlin haben. Bei so niedrigen Preisen sollte man wachsam sein, sagt Hartmut Klös von der Polizei. »Der Fernbusmarkt ist in den letzten Jahren so explodiert, dass es wichtig ist, Technik und Sicherheit engmaschig zu kontrollieren. Damit nicht an der falschen Stelle gespart wird.« Klös ist beim regionalen Verkehrsdienst auf die Kontrolle des gewerblichen Personen- und Schwerlastverkehrs spezialisiert und leitet den Einsatz am Freitag.

Monika Franke ist jedenfalls nicht besorgt, dass die Sicherheit leiden könnte. »Hauptsache ich komme schnell von A nach B.« Dass eine regelmäßige Überprüfung wichtig sei, zeige sich aber immer wieder, sagt Polizist Michael Jung. »Es kommt schon mal vor, dass ein Fahrer zum Beispiel mit zwei Fahrerkarten unterwegs ist. Wenn wir so etwas entdecken, ist erst mal Schluss.«

Schluss ist am Freitag auch für einen jungen Asiaten. Bei der Kontrolle gehört es nämlich auch dazu, die Personalien aller Fahrgäste zu überprüfen: Wer im Fernbus sitzt, muss nicht nur seine Fahrkarte, sondern auch seinen Personalausweis vorzeigen. Genau das kann der junge Mann nicht: »Er hat keinerlei Ausweisdokumente bei sich«, erklärt Polizeibeamter Thorsten Mohr. Nur eine Plastiktüte mit Lebensmitteln und etwas Bargeld hat er auf seiner Reise nach Essen dabei. Da er weder Deutsch noch Englisch spricht, kann er auch nicht mit den Polizeibeamten kommunizieren. »So können wir ihn definitiv nicht weiterfahren lassen«, sagt Mohr. Zwei Beamten von der Polizeistation Gießen-Nord seien bereits auf dem Weg, um den jungen Mann abzuholen. »Auf der Wache wird dann eine Fast-ID gemacht. Wenn er in den letzten Jahren offiziell nach Deutschland eingereist ist, können wir seine Identität mittels Fingerabdruck feststellen.« Wenn ja, darf er mit dem nächsten Fernbus nach Essen fahren. Wenn nicht, dann nicht. »Solche Dinge sind eher Beifang«, sagt Einsatzleiter Klös. Primär gehe es um die Technik und alle sicherheitsrelevanten Themen.

21 Busse, 369 Fahrgäste

Das Vorgehen am Freitag: Drei Polizeibeamte sind mit dem Motorrad im Stadtgebiet unterwegs. Wenn sie Fernbusse entdecken – in Gießen sind täglich bis zu 50 unterwegs – »schleppen« sie sie bis zum Parkplatz an den Hessenhallen. Sobald der Bus ankommt, teilen sich die Beamten in zwei Teams auf. »Das eine Team überprüft die Technik, also Bereifung, Bremsen, Plaketten. Die anderen sind dafür verantwortlich, den Fahrer und die Fahrgäste zu überprüfen«, erklärt Jung. Zunächst werden dazu die Papiere des Fahrers überprüft, anschließend die Fahrerkarte. Die muss jeder Bus- und Lkw-Fahrer haben und bei Fahrtantritt in eine Vorrichtung im Fahrzeug stecken. Auf der Karte werden alle relevanten Daten wie Lenk- oder Ruhezeiten gespeichert.

21 Busse müssen sich bis zum Nachmittag der Kontrolle unterziehen, 369 Reisende werden überprüft. »Schwerwiegende Verstöße gab es nicht. Die meisten waren sehr vorbildlich«, sagt Pressesprecher Jörg Reinemer. Bei sechs Bussen wurden kleinere technische Mängel (beispielsweise eine defekte Begrenzungsleuchte) oder Mängel an der Ausrüstung (Erste-Hilfe-Material abgelaufen, einzelner Nothammer fehlte) festgestellt. Da diese Mängel jedoch keine Auswirkung auf die Sicherheit der Fahrzeuge hatten, konnten alle Fahrer die Reise fortsetzen. Drei Fahrer hatten ihre Lenk- und Ruhezeiten geringfügig überschritten. »Aus verkehrspolizeilicher Sicht eine erfreulich geringe Beanstandungsquote«, bilanziert Reinemer.

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