06. Februar 2019, 13:04 Uhr

Prozess

Bluttat in der Weststadt: Wie die Richterin das Urteil begründet

Eine Tragödie, kein alltäglicher Kriminalfall: Der Prozess um die Bluttat in der Gießener Weststadt im Juli 2018 ist jetzt mit einem Urteil zuende gegangen.
06. Februar 2019, 13:04 Uhr
Belagerungszustand in der Weststadt im Juli: Zahlreiche Rettungskräfte und Polizisten sind im Juli des vergangenen Jahres an die Einsatzstelle gekommen. (Foto: Archiv)

Dass am Mittwoch am Gießener Landgericht kein normaler Kriminalfall verhandelt wurde, merkten die Zuhörer alleine an den Plädoyers. Der Verteidiger des Beschuldigten, Erhan Bulut, schloss sich den Worten von Staatsanwalt Thomas Hauburger vollumfänglich an. Der hatte zuvor von einer menschlichen Tragödie gesprochen. Und Richterin Regine Enders-Kunze betonte, die Bluttat des 36 Jahre alten Mannes an jenem Sommermorgen in der Krofdorfer Straße sei mit Tragödie und Dramatik nicht hinreichend umschrieben. Im Prozess um den Familienvater, der am 3. Juli versucht hatte, seine Ehefrau, seine vier Kinder und am Ende sich selbst zu töten, ist das Urteil gefallen. Weil der gebürtige Syrer zur Tatzeit wegen einer wahnhaften Paranoia nicht schuldfähig war, wird er bis auf Weiteres in einer psychiatrischen Klinik untergebracht.

 

Zwei verschiedene Personen

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der 36-Jährige (Lesen Sie auch: Nach Bluttat in Gießener Weststadt: Vater äußert sich vor Gericht) an jenem Julimorgen unvermittelt seine schlafende Ehefrau mit einem Küchenmesser angegriffen hatte. Er hatte danach versucht, auf den Säugling einzustechen – was ihm misslang. Außerdem attackierte er die drei Söhne, legte an mehreren Stellen Feuer und sprang danach aus dem Fenster; seitdem ist er querschnittsgelähmt. Richterin Enders-Kunze betonte: Nur dem schnellen Eingreifen der Feuerwehr und besonders dem »heldenhaften Einsatz seiner Ehefrau«, die fast eine Viertelstunde lang um ihr Leben und das ihrer Kinder kämpfte, sei es zu verdanken, dass nicht noch Schlimmeres passiert sei.

 
Fotostrecke: Bluttat in Weststadt Gießen

Regungslos nahm der 36 Jahre alte Familienvater das Urteil (Lesen Sie auch: Eine Tat im Wahn) zur Kenntnis; letzte Worte wollte er nicht sprechen. Dass ihn das Geschehen bis heute mitnimmt, war an den drei vorherigen Prozesstagen zu beobachten. Immer wieder brach der Mann bei den Schilderungen seiner Tat in Tränen aus, suchte Blickkontakt mit seiner vier Monate alten Tochter oder seiner Ehefrau, die einmal im Zeugenstand und sonst im Zuschauerbereich saß. Die 31-Jährige hatte bei ihrer Aussage unterschieden zwischen ihrem Ehemann vor und während des Angriffs. Dieses Bild zeichneten auch das Gericht, die Staatsanwaltschaft und die Verteidigung. Enders-Kunze brachte es auf den Punkt: Der 36-Jährige sei zum Tatzeitpunkt ein anderer Mensch gewesen – zwei Stunden vorher hatte er seine Ehefrau noch beim Stillen unterstützt.

 

»Vorbildlicher Ehemann und Vater«

Enders-Kunze verwendete in ihrer Urteilsbegründung viel Zeit, um den Beschuldigten zu charakterisieren: Ein liebender Ehemann und Vater mit Haltung. »Er hat hohe moralische Ansprüche an sich selbst. Es war für ihn nicht selbstverständlich, dass seine Familie in Deutschland eine Chance bekommt. Er schämte sich, dass es ihm nicht so gut gelang, Deutsch zu lernen und selbst Geld zu verdienen.« Im Februar habe der Vater erste Anzeichen einer Paranoia gezeigt, habe geglaubt, er werde überwacht, das Jugendamt wolle ihm die Kinder wegnehmen. Selbst dann sei er aber ein vorbildlicher Ehemann und Vater gewesen. Wäre er nicht krank geworden, hätte er die Tat nicht begangen, ist sich Enders-Kunze sicher. Hauburger traf in seinem Plädoyer den Nagel auf dem Kopf: »Hier sitzt kein Mann, der planvoll seine Familie auslöschen wollte. Hier sitzt ein Mann, der vor allem eines ist: krank.«

Enders-Kunze ordnete deshalb die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik an – bis er für sich und seine Umwelt keine Gefahr mehr darstellt. »Aber davon sind wir meilenweit entfernt«, betonte die Richterin. Die Wahnvorstellungen seien zwar zurückgegangen, aber noch da. Er müsse medikamentös so eingestellt werden, dass die Krankheit nicht wieder ausbricht. Und: Der 36-Jährige muss krankheitseinsichtig sein. »Und das ist er momentan noch nicht.« Wann der Familienvater entlassen wird, steht in den Sternen. Klar ist: Einmal im Jahr wird in der Klinik ein Gutachten erstellt, ob er wieder gesund ist – und entlassen werden kann.

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