22. Januar 2019, 14:00 Uhr

Übergang in Rente

Bringt die Rente Freiheit oder Leere?

Hans Pfaff (64) genießt seinen Ruhestand. Nach fast 45 Jahren bei der Sparkasse Gießen musste er sich aber erst einmal daran gewöhnen. Hier erzählt er von seinen Erfahrungen und gibt Tipps.
22. Januar 2019, 14:00 Uhr
Ehrenamt als Sinnstifter: Hans Pfaff und seine Mitstreiter Christa Maria Mohr und Jürgen Denhard (v. l.) sind Senioren im »Smartphone-Café« behilflich. (Foto: cg)

Arbeit

In unserer Serie »Arbeit - Zwischen Last und Lust« fragen wir Gießener nach ihren Erfahrungen unter verschiedenen Blickwinkeln.

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Wer in Rente geht, freut sich meistens erst einmal über eine Menge Freizeit. Ausschlafen, gemütlich die Tageszeitung lesen, mit den Enkeln spielen, Radtouren unternehmen oder wochenlang verreisen, ohne dass jemand die Urlaubstage zählt. So entspannt malen sich viele Berufstätige die Zeit nach dem Arbeitsleben aus. Doch nicht immer wird diese Vorstellung gleich Realität.

Die ersten Monate fühlen sich noch wie Urlaub an. Doch irgendwann kann die neue Freiheit zur großen Leere werden. Denn viele Menschen, vorzugsweise Männer, fallen in ein emotionales Loch. Für sie war der Beruf das Wichtigste im Leben, gab ihnen Struktur und Anerkennung. Frauen tun sich oft leichter, da ihr Leben meist vielseitiger verläuft. Sie kümmern sich neben dem Beruf häufig mehr um den Haushalt und die Kinder. Zudem pflegen sie ihre sozialen Kontakte erfahrungsgemäß besser als Männer.

Die meisten Rentner stehen heutzutage noch voll im Leben, haben Lust – je nach Lebenssituation, Fitness und Geldbeutel –, etwas zu erleben. Bleibt man einigermaßen gesund, hat man mit etwas Glück noch zwei bis drei schöne Jahrzehnte vor sich, die sinnvoll gefüllt werden wollen. Unsere Großeltern kannten das nicht.

 

Rechtzeitig vorbereiten

Aus eigener Erfahrung rate ich jedem, sich auf den neuen Lebensabschnitt rechtzeitig vorzubereiten. Der Eintritt in den Ruhestand ist durchaus vergleichbar mit Lebensereignissen wie dem Auszug aus der Obhut der Eltern oder der Geburt eines Kindes.

Wenn möglich, sollte man versuchen, beruflich nicht von 100 auf 0 zu gehen. Berufstätige sollten sich überlegen, ob sie – wenn der Arbeitgeber mitspielt und es finanziell passt – schrittweise ihre Arbeitszeit verringern. Außerdem sollte man die wichtigsten finanziellen Fragen für sich beantworten. Welches Einkommen werde ich als Rentner haben? Welchen Lebensstil kann ich mir leisten? Und über den ganz normalen Tagesablauf sollte man sich Gedanken machen.

Auch die Partnerschaft ist vom Ruhestand betroffen. Dass es zu diesem Thema so viele Witze gibt, ist sicher kein Zufall. Denn Paare, die sich bisher nur abends und am Wochenende gesehen haben, verbringen künftig jeden Tag miteinander. Da lernt man sich neu kennen. Es muss ja nicht gleich zur Beziehungskrise kommen wie in Loriots Filmklassiker »Pappa ante Portas«.

Paare sollten über ihre Gefühle und Vorstellungen sprechen. Als Mann im Ruhestand plötzlich sein Putztalent zu entdecken und die Organisation des Haushalts völlig neu zu gestalten, ist in der Regel keine gute Idee. Nähe und Distanz sollten ausgewogen sein. Jeder sollte die Möglichkeit haben, auch seinen eigenen Interessen nachzugehen.

 

Möglichst nicht von 100 auf 0 gehen

Zugegeben: Ich bin nach einer Erkrankung etwas früher als ursprünglich vorgesehen in den Ruhestand gegangen, weitestgehend planlos. Ich bin zwar nicht in ein tiefes Loch gefallen, brauchte aber etwa ein Jahr, um mir darüber klar zu werden, was ich wollte und was mir gut tut. In dieser Zeit habe ich viele Dinge ausprobiert. Manche bereiteten mir Freude, andere wiederum nicht. Ich habe zudem gelernt, dass man nicht alles im Leben planen und kontrollieren kann und wie wichtig Freundschaften sein können.

Im Mittelpunkt meines Lebens stehen heute, dreieinhalb Jahre nach meinem letzten Arbeitstag, die Menschen in meiner Nähe, besonders meine Ehefrau und meine Familie. Auch im ehrenamtlichen Redaktionsteam des Gießener Senioren-Journals, als Pate im Smartphone-Café, bei meinem Engagement für die Tafel oder im Sportverein meines Wohnorts fühle ich mich sehr wohl. Hier habe ich viele Menschen kennengelernt, die ich nicht mehr missen möchte. Freude bereitet mir zudem, wenn ich auf meiner 300er-Vespa durch die Region fahre und die Natur genieße. Und wenn mir ab und zu mein bald vier Monate alter Enkel Paul sein charmantes unwiderstehliches Lächeln schenkt, bin ich nahezu wunschlos glücklich.

Das Rentnerdasein kann sich richtig gut anfühlen. Für einen Beruf hätte ich heute auch überhaupt keine Zeit mehr. Um für die Gießener Allgemeine Zeitung aus Freude am Schreiben gelegentlich mal einen Artikel zu verfassen, reicht es aber allemal noch.

In Gießen gibt es viele Möglichkeiten, sich ehrenamtlich zu engagieren. Infos findet man unter: ehrenamt-giessen.de, freiwilligenzentrum-giessen.de, alter-und-jugend.de, awo-giessen.org, caritas-giessen.de, diakonie-giessen.de, drk-mittelhessen.de, lebenshilfe-giessen.de, tafel-giessen.de.

Zusatzinfo

Die Risiken des Ruhestands

»Rente wegen Depression« oder »Depression wegen Rente«: Die Suchmaschine spuckt deutlich mehr Ergebnisse für die erste Version aus. Dennoch schätzen Experten, dass bei bis zu einem Viertel der Berufstätigen der Schritt in den Ruhestand gesundheitliche Probleme nach sich zieht. Der Bundesverband der Betriebskrankenkassen ermittelte, dass 16 Prozent der Rentner unter Depressionen leiden – mehr als in bei Arbeitslosen (13,5 Prozent) oder Berufstätigen (8,7). Die Psychologin Ursula Staudinger warnt vor Vereinsamung, aber auch Rückgang der Gehirnleistung oder Diabetes aufgrund Bewegungsmangels. Ihre Empfehlung: Rechtzeitig planen und neue Kontakte und Aktivitäten suchen. Fies: Der Übergang in einen zufriedenen Ruhestand gelingt im Schnitt gerade den Menschen besonders gut, die auch schon ein erfülltes Berufsleben hatten. Sie können damit oft besser abschließen als Menschen, die nun alle Hoffnungen auf Besserung begraben müssen. Diese in der Regel gebildeteren Ruheständler finden leichter neue Betätigungsfelder, haben weniger Geldsorgen und sind körperlich gesünder. Frauen verkraften den Schritt meist deutlich besser – vorausgesetzt, es geht um die eigene Rente. Depressionen drohen ihnen dann, wenn ihr bis dato viel beschäftigter Gatte plötzlich den Alltag zu Hause auf den Kopf stellt oder klagend im Sessel hängt. Für dieses Phänomen gibt es einen eigenen Begriff: »Pensionierter-Ehemann-Syndrom«. (kw)

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