02. November 2018, 21:23 Uhr

»Bücher von der ›Spiegel‹-Liste haben wir sofort«

Die Stadtbibliothek befindet sich seit fast zehn Jahren im Rathaus. Dort hat sie sich als Treffpunkt etabliert; auch für jene, die nicht unbedingt zum Lesen dorthin kommen. Doch wie sieht es mit der Nachfrage nach dem gedruckten Buch, E-Books oder anderen Medien aus? Guido Rupp, Leiter der Stadtbibliothek, gibt Auskunft.
02. November 2018, 21:23 Uhr
Guido Rupp

Gerade erst ist die Buchmesse zu Ende gegangen, Besucher sind in Massen nach Frankfurt gereist. Hat die Buchmesse auch Auswirkungen auf die Stadtbibliothek?

Guido Rupp: Alle Veranstaltungen, bei denen Bücher publikumswirksam im Mittelpunkt stehen, merken auch wir. Ich habe gerade aktuell eine Anfrage zu beantworten. Jemand hat etwas auf der Buchmesse entdeckt und möchte das in der Stadtbibliothek finden. So etwas passiert ständig. Auch mit Preisen ausgezeichnete Bücher werden nachgefragt. Und die haben wir dann natürlich auch da.

Aber die Zahlen generell im Buchhandel stagnieren schon. Wird weniger gelesen?

Rupp: Den Eindruck teile ich nicht unbedingt. Wir merken, dass die Ausleihzahlen generell etwas heruntergehen. Aber bei der Onleihe boomt es. Das verschiebt sich.

Es gibt jede Menge gut besuchte Lesungen, etwa beim Krimifestival oder beim Literarischen Zentrum. Und auch die Stadtbibliothek bietet in dieser Hinsicht viel an. Gibt das einen zusätzlichen Push?

Rupp: Eigentlich schon. Das gilt auch für die Bilderbuchtage, die im nächsten Jahr das zehnte Mal stattfinden.

Was muss eine Stadtbibliothek heutzutage alles leisten?

Rupp: Wir müssen immer up to Date sein und die Mediensektoren komplett abdecken. Stichwort Onleihe: Wir haben das elektronische Buch und das ist nach Erscheinen im Idealfall innerhalb eines Tages online und steht zur Verfügung, um ausgeliehen zu werden. Das sind Zeiten, die ich mit dem Buch aus Papier gar nicht schaffen kann. Wenn ich Bestseller am Erscheinungstag geliefert bekomme, brauche ich ein bisschen, um sie einzuarbeiten. Ungefähr 20 Prozent der Ausleihe laufen digital.

Also gilt: Jeder Fünfte liest sein Buch online.

Rupp: Viele nutzen beide Möglichkeiten. Auch viele Ältere beschäftigen sich mit dem Thema E-Book, weil sie die Schrift dort schön groß machen können.

Wenn ein Buch online vorhanden ist, kann das dann von einer unbegrenzten Zahl an Leuten ausgeliehen werden?

Rupp: Nein. Die Online-Bibliothek entspricht eigentlich einer physischen Bibliothek. Uns Bibliotheken ärgert aber die Preisgestaltung der Verlage. Wir zahlen nicht für ein Werk, sondern für eine Lizenz. Teilweise verlangen die von uns den drei- oder vierfachen Preis, den jemand privat für ein E-Book zahlt. Und da gehen wir nicht immer mit. Oder noch schlimmer: Viele Verlage bieten dem Endverbraucher ein E-Book an, aber nicht uns Bibliotheken.

Hat sich das Leseverhalten geändert?

Rupp: Smartphone, Tablets, E-Book-Reader und so weiter spielen eine große Rolle. Aber das gedruckte Buch wird sicher nie aussterben. In der Stadtbibliothek halten wir es tapfer durch, dass ein elektronisches ein gedrucktes Buch nicht ersetzt. Wir sind in der glücklichen Lage, beide Welten parallel nebeneinander aufbauen zu können.

Wie schwierig ist es, neue Bibliotheksnutzer zu gewinnen?

Rupp: Man muss kreativ sein und versuchen, auch andere Gruppen zu erreichen. So haben wir über Brettspielabende andere Nutzergruppen ansprechen können. Auch durch experimentelle Veranstaltungen, wie das Zumba-Event, erreiche ich eine neue Gruppe.

Die Stadtbibliothek wird immer mehr zum Treffpunkt von Leuten, die erst einmal gar nicht zum Lesen hierhin kommen.

Rupp: In Fachzeitschriften ist die Rede von der Bibliothek als drittem Ort. Man hat das Zuhause, die Arbeit und die Bibliothek ist der dritte Ort zum Wohlfühlen. Das merken wir immer mehr. Für manche ist das wie ihr Wohnzimmer, sie verbringen den ganzen Tag hier. Hier wird Nachhilfe gegeben oder Sprachkurse finden statt.

Kann der Ausweis auf Dauer kostenlos bleiben?

Rupp: Das ist er doch nicht mehr. Wir kooperieren erfolgreich mit den Grundschulen. Alle Kinder können so spätestens bis zum vierten Schuljahr einen Bibliotheksführerschein machen und einen kostenlosen Ausweis bekommen. Das gilt auch für unsere Aktion »Heiß auf Bücher«. Ansonsten kostet der Ausweis bei einer Anmeldung fünf, ermäßigt drei Euro. Aber wir haben keine Jahresgebühr. Das machen mittlerweile viele Bibliotheken, aber meine Bibliothekspolitik ist das nicht. Wir haben allerdings Leihgebühren für DVDs und Konsolen eingeführt. Für so ein Randsegment finde ich das fair. Und die Mahngebühren wurden hochgesetzt. Aber das hat man ja selbst im Griff.

Gibt es Abteilungen, aus denen kaum ausgeliehen wird.

Rupp: Das ist für jede Bibliothek ein schwieriges Thema. Etwa bei der Lyrik: Die wird weniger genutzt, aber bestimmte Dinge muss man einfach anbieten. Die Klassiker müssen da sein.

Und welche läuft besonders gut?

Rupp: Vor der Einführung von Leihgebühren für DVDs galt das dort. Musik-CDs und Filme wurden gut genutzt. Da haben wir über 60 000 Ausleihen pro Jahr generiert. Aber die Leihgebühr hat hier die Zahlen auf rund 10 000 sinken lassen. Jetzt wird gezielter ausgeliehen. Das finde ich schade, denn eigentlich wollen wir, dass Leute stöbern. Leihgebühren beeinflussen das Ausleihverhalten.

Was leistet die Stadtbibliothek in Sachen Medienkompetenz?

Rupp: Das ist ein riesiges Feld. Wir bieten den Bibliotheksführerschein an und über das FSJ Kultur unter anderem eine Krabbelgruppe. Wir haben auch immer mal wieder mit der Volkshochschule Onleihe-Schulungen angeboten. Die Onleihe wird nicht einfacher. Die unterschiedliche Technik, die wir alle einsetzen, schafft auch ganz unterschiedliche Voraussetzungen.

Wie erreichen Sie Kinder, deren Eltern sich darum nicht bemühen?

Rupp: Eigentlich nur über die Bibliotheksführungen und die Kooperation mit den Grundschulen. Nach den Führungen nehmen viele Kinder ihre Eltern an die Hand oder kommen, weil wir so zentral liegen, allein. Bei Jugendlichen versuchen wir, das bei Veranstaltungen oder im Bestand anzubieten, für das sich diese Gruppen interessieren. In diesem Jahr bauen wir beispielsweise unsere Graphic Novels aus. Auch in das Segment der Toniebox steigen wir jetzt ein.

Ich bin überrascht, wie aktuell die Stadtbibliothek in ihrem Angebot sein kann!

Rupp: Wir sind super aktuell. Wir bestellen viel und bekommen auch viel. Belletristik, die auf der »Spiegel«-Bestsellerliste steht, bekomme ich beispielsweise sofort geliefert. Ein Exemplar sofort und ein zweites später.

Wie treffen Sie eine Auswahl?

Rupp: Wir sind drei Kollegen, die sich die Lektorate teilen, und nutzen auch den bibliothekarischen Besprechungsdienst.

Und was fliegt aus dem Bestand?

Rupp: Wir sind beim Umzug vor fast zehn Jahren mit rund 90 000 Medien aus der alten Bibliothek gestartet. Die neue Bibliothek hatten wir für maximal 120 000 Medien konzipiert. 25 bis 30 Prozent der Medien sind permanent unterwegs. Wir sind jetzt an dem Punkt angelangt, dass wir die Bibliothek so weit aufgebaut haben, dass wir auch wieder intensiver Medien herausnehmen. Was zerlesen oder vergilbt ist, wird entsorgt. Auch Aktualität ist wichtig. Und was in den letzten Jahren nicht ausgeliehen wurde – wir nennen das Nullerwissen – kann raus. Wir haben hier im Rathaus mit der Stadtbibliothek etwas geschaffen, das toll ist für Gießen. Wir sind für jedermann präsent und werden wahrgenommen. Hier gehen pro Tag bis zu 400 Leute durch.

In manchen anderen Städten müssen Bibliotheken schließen.

Rupp: Das Buch wird nicht aussterben und es wird auch weiter Bibliotheken geben. Viele kleine Bibliotheken werden geschlossen, weil sie auf einem bestimmten Stand stehen geblieben sind oder die Räumlichkeiten nicht geeignet waren. Aber die Onleihe kann neue Möglichkeiten eröffnen. (Fotos: Schepp)

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