09. Januar 2019, 21:22 Uhr

Chance für gequältes Sensibelchen

Ohne solche Menschen wie Manon Rohrbach würde das Tierheim aus allen Nähten platzen. Die 49-Jährige nimmt Tiere bei sich auf, die keine Vermittlungschance haben: Weil sie alt oder krank sind oder beides. Sie erzählt, warum ihr Herz für arme Krüstchen schlägt.
09. Januar 2019, 21:22 Uhr
Manon Rohrbach mit Sensei. Der 12-jährige Rüde ist früher misshandelt worden. (Foto: cg)

An seinen Ohren lässt sich die ganze elende Geschichte ablesen. Sie sind durchlöchert und ausgefranst. Quer über der Brust verläuft unter dem schwarzen Fell eine lange Narbe. Sensei wurde von Menschen misshandelt. Kein Wunder, dass der Rüde lange Zeit mit Zweibeinern nichts zu tun haben wollte. Er stammt von einem Schrottplatz und hatte dort – fast immer angekettet – ganz offenbar alles andere als ein schönes Leben. Als der Podenco-Mischling ins Tierheim kam, war er nicht nur fast verhungert, sondern auch psychisch in einem Ausnahmezustand. Er wollte keinen Kontakt und starrte stundenlang nur die Wand an. »Für einen traumatisierten Hund ist das Tierheim auch kein guter Ort, es ist viel zu stressig«, sagt Astrid Paparone, die erste Vorsitzende des Tierschutzvereins.

Doch Sensei hatte Glück. Manon Rohrbach entdeckte den geschundenen Vierbeiner auf der Facebook-Seite des Tierschutzvereins und eilte ins Tierheim. Von ihrer Seite war es Liebe auf den ersten Blick, Sensei brauchte etwas länger. Doch er überwand sein Misstrauen und ist heute sogar in Gegenwart von Fremden ein entspannter Hund, der Streicheleinheiten genießt. Die erste Zeit war anstrengend, erinnert sich seine »Retterin«. Drei Monate zog er sie bei jedem Spaziergang an der Schleppleine hinter sich her. Er wollte einfach nur weg. Im Haus war er anhänglich, aber vorsichtig. Als Rohrbach ihm eines Tages Tropfen in sein krankes Ohr träufeln wollte, biss er in Panik zu. »Meine Schuld«, sagt sie im Rückblick, »ich habe seine Unsicherheit unterschätzt.«

Hat sie je bereut, den schwierigen, extrem ängstlichen Hund vor vier Jahren zu sich genommen zu haben? »Keine Sekunde«, versichert die 49-Jährige. Für sie ist es ein gutes Gefühl, dem Hund nach seinen schlimmen Erfahrungen ein paar gute Jahre verschafft zu haben. Der zwölf Jahre alte Sensei ist eine Bereicherung für sie. Und nicht nur er. Denn die Altenpflegerin, die zudem eine eigene Security-Firma betreibt, hat nicht nur ein Herz für Hunde, sondern für alle Tiere.

Drei Katzen hat sie aus dem Tierheim geholt. Sie wollte keinen jungen, süßen, hübschen Stubentiger so wie die meisten Interessenten. »Die gehen weg wie warme Semmeln, die brauchen mich nicht«, sagt Rohrbach. Sie wollte eine, die sonst keine Chance gehabt hätte. Ein Glücksfall für den Tierschutzverein. Sie gaben ihr Aimee, eine 15 Jahre alte Katze, die aus extrem schlechter Haltung stammte. Einige Tiere aus diesem Bestand mussten eingeschläfert werden, Aimee hatte knapp überlebt. Sie war abgemagert, voller Milben und Würmer, sie hatte keine Zähne mehr, chronischen Schnupfen und bekam schlecht Luft. Bei der Tierfreundin in Rabenau hatte Aimee noch dreieinhalb schöne Jahre, bevor sie kürzlich starb.

Dass sie sich von alten Tieren, die sie in ihre Obhut nimmt, nach kurzer Zeit wieder verabschieden muss, schreckt Rohrbach nicht ab. »Es geht ja nicht um meinen Kummer, sondern um eine Chance für das Tier«, sagt sie. Tod, Trauer und Abschied gehörten zum Leben, das könne sie akzeptieren. Außer Aimee nahm sie noch Amabelle zu sich, sie war damals erst wenige Monate alt, aber viel zu klein. Der Winzling hat sich bestens erholt und ist zu einer stattlichen Katze herangewachsen. Zusammen mit Tante Lilly, die ebenfalls aus dem Tierheim stammt, führt sie ein wunderbares Katzenleben. Im Hause Rohrbach gibt es zudem seit knapp zwei Jahren eine junge, wilde Hütehündin von einer anderen Tierschutzorganisation sowie einige Hasen, für die Rohrbach eigens einen Stall mit einem großen Auslauf hergerichtet hat.

Paparone ist dankbar, dass es immer wieder Tierfreunde gibt, die sich ganz uneigennützig für ein krankes oder altes Tier entscheiden. »Das sind immer Überraschungspakete, man weiß nie genau, wie sie sich im neuen Zuhause entwickeln.« Die Beziehung zwischen Zwei- und Vierbeinern gehe oft schief, weil die Menschen Erwartungen an ein Tier stellten, die diese nicht erfüllen könnten. Die »armen Krüstchen« müsse man einfach nehmen, wie sie sind, und sich mit ihren Macken arrangieren. »Das ist ein echter Dienst am Tier und verdient Respekt.«

Rohrbach, die schon viele Tiere aus dem Tierschutz zu sich genommen hat, ermutigt Tierfreunde, sich ebenfalls an die Vergessenen und Verlassenen heranzuwagen. »Ich bekomme so viel zurück. Man wird immer mitfühlender, und davon profitieren alle.«

Sensei hat auf jeden Fall profitiert. Der schöne Jagdhund ist mit der Welt und den Menschen versöhnt. Er lässt sich sogar hingebungsvoll die geschundenen Ohren kraulen.

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