21. Juli 2019, 10:00 Uhr

Russlanddeutsche

Chor in Gießen: Mit jedem Ton der Heimat näher

Hoffnung und Leiden, Dur und Moll: Die Musik Russlands sagt viel über seine Menschen aus. Wir haben den Chor »Heimatklang« und dessen deutschrussische Sängerinnen in Gießen besucht.
21. Juli 2019, 10:00 Uhr
Die Frauen proben einmal wöchentlich im Haus der evangelischen Stephanusgemeinde. (Foto: Friedrich)

Die russische Seele? Olga Kallasch lacht, als sie etwas zum Wesen dieser ominösen Seele sagen soll. Es ist ein Lachen, das sich nicht entscheiden kann zwischen Ironie und Ungläubigkeit. Natürlich, sagt sie dann, sei russische Musik etwas Besonderes. Sie habe so viel Tiefe, so viel Melodie. Dabei dehnt sie das »o« und breitet ihre Arme aus. Aber die russischen, russlanddeutschen und ukrainischen Frauen des Chores »Heimatklang« treffen sich einmal wöchentlich im Gemeindehaus der evangelischen Stephanusgemeinde nicht, um irgendeinem romantischen Klischee nachzuspüren. Dafür sorgt schon alleine Kallasch als Leiterin des Chores mit ihrer liebevoll-strengen Regie.

Donnerstagnachmittag, 17.27 Uhr. Die Tür des Gemeindehauses in der Weststadt geht im Minutentakt auf und fällt dann langsam zurück ins Schloss. Frauenstimmen schwirren durch die Luft, es wird vor allem russisch gesprochen. Und viel gelacht. Der Raum, in dem sich die Sängerinnen versammeln, atmet den Geist der 80er Jahre: Braune Fliesen, hellbraune Stühle mit grünen Polstern, gelbe Vorhänge. Und ein einsames Holzkreuz an der Wand. Währenddessen sitzen Kallasch und Rosa Tugova nebenan und erzählen, warum es diesen Chor mit Frauen aus der ehemaligen Sowjetunion gibt - ja, geben muss.

Tugova hat den Chor 2008 ins Leben gerufen; sie ist Vorsitzende der Gießener Ortsgruppe der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland. Sie trägt ein leichtes Sommerkleid. Draußen nähern sich die Temperaturen langsam der 40-Grad-Marke. Trotzdem sind die meisten der 25 Frauen zur Probe gekommen. Nicht nur aus der Stadt, sondern aus dem gesamten Landkreis. Zu Beginn, erzählt Tugova, habe der Chor lediglich aus fünf Mitgliedern bestanden. »Hier sollen die Frauen die Möglichkeit haben, raus aus ihrem Haus zu kommen«, sagt sie, »und unter Menschen zu sein.«

Zunächst viele Absagen erhalten

Doch zuerst, sagt Tugova, habe sie Probleme gehabt, eine Heimstatt für den Chor zu finden. »Ich habe lange gesucht und eine Absage nach der anderen erhalten.« Eine ist ihr besonders in Erinnerung geblieben: »Wir machen schon jetzt so viel«, habe es in einer Gemeinde geheißen, »also warum sollten wir dann extra noch etwas für Aussiedler anbieten?« In der Stephanusgemeinde hingegen stieß Tugova auf offene Ohren. Vielleicht auch deshalb, weil mit Kallasch eine Russlanddeutsche die Organistin und Chorleiterin des Singkreises der Gemeinde ist. »Wir kannten uns vorher nicht«, sagt Tugova und lacht, »aber das hat uns die Tür geöffnet.«

Seitdem haben die Frauen ein Repertoire von 90 Liedern eingeübt. Die Notenblätter finden sich in schwarzen Mappen, die jede Sängerin mit zur Probe bringt. Tugova hat die Zettel für jedes Lied einzeln in Klarsichtfolie eingeordnet. Die Lieder haben Titel wie »Heimat, wie bist du schön«, »Hefekloß und Sauerkraut«, »Antje, mein blondes Mädchen« oder »Fritz und Olga«. Gesungen werden auch Chorstandarts wie »Die Gedanken sind frei« oder die Europahymne.

Im Mittelpunkt stehen vor allem Lieder aus der alten Heimat. »Wir sind Russlanddeutsche«, sagt Tugova, »und wir wollen unsere Kultur weitertragen und anderen zeigen.« So hat der Chor alte deutsche Lieder im Repertoire, die die Russlanddeutschen bei ihrer Auswanderung mitgenommen hatten und die in Deutschland mittlerweile vergessen sind. Kallasch ergänzt: »Wir sind mit dieser Musik und Kultur groß geworden. Sie ist ein Teil von uns. Wir präsentieren uns und unser Leben durch die Lieder.« Gerade dieser unscheinbare Satz füllt den Begriff Integration mit überschäumendem Leben. Das Ziel des Chores sei es, dass sich dessen Mitglieder gebraucht fühlen, erklärt Tugova. »Du kannst die deutsche Sprache zwar nicht perfekt, aber du hast hier im Chor die Chance, zu zeigen, wie gut du singen und dich präsentieren kannst.«

Im Chor blühen die Frauen auf

Kallasch nickt. Sie hat oft versucht, die Heimatklang-Frauen für den Singkreis der Gemeinde zu begeistern. Keine Chance. »Manche trauen sich einfach nicht«, sagt Kallasch. Die Zurückhaltung erklärt sie mit sprachlichen Defiziten. »Aber hier im Chor blühen die Frauen auf«, betont Tugova. »Sie empfinden Sicherheit, weil sie unter sich sind.« Es ist ein Schub fürs Selbstbewusstsein. Keine von ihnen muss sich hier die Frage stellen: Was denken die anderen über mich, wenn ich etwas falsch ausspreche? Im Gegenteil: In der Probe, sagt Tugova, fühle sie sich manchmal wie in einem Sprachkurs. »Dann fragen die Frauen bei einem deutschen Lied nach der richtigen Aussprache oder der Grammatik.«

Von Unsicherheit ist bei der »Heimatklang«-Probe nichts zu spüren. Das würde Kallasch auch gar nicht zulassen. Sie sitzt an ihrem schwarzen Klavier, um sie herum stehen die Frauen im Halbkreis. »Nummer 78«, ruft Kallasch und zählt an: »Eins, zwei, drei.«: »Ach, lasst nur alles sein, wie es früher alles war, Marusja, gib mir Tee aus dem neuen Samowar.« Beim Singen des Liedes, das sich augenzwinkernd mit Fortschritt und Nostalgie beschäftigt, wippen die Sängerinnen mit dem Kopf im Takt der Musik. Die Hand von Kallasch schnellt hoch, den Zeigefinger gestreckt, dann ermahnt sie »ihre« Frauen: »Tiefer!« Die Sängerinnen schmunzeln und setzen die Anweisung ihrer Chorleiterin sofort um.

Denn wenn es ums Singen geht, spürt man bei Kallasch Ehrgeiz, den sie auf ihre Sängerinnen zu übertragen versucht. Früher, erzählt sie, habe die Chorprobe erst um 18 statt um 17.30 Uhr begonnen. »Die Frauen haben zu viel geschwätzt«, sagt sie. Deswegen beginnt das Treffen seitdem eine halbe Stunde früher. 30 Minuten mehr, um sich über Neuigkeiten, Klatsch und Tratsch auszutauschen. Aber auch 30 Minuten mehr, um Organisatorisches rund um Auftritte abzusprechen. Denn der Chor ist gut gebucht. Die Mitglieder singen bei der Wanderausstellung zur Geschichte der Russlanddeutschen oder gemeinsam mit dem Singkreis der Gemeinde, treten beim Hessentag auf, beteiligen sich am Tag der Kulturen und organisieren Begegnungsabende mit Eritreern oder Türken. Auch beim Sommerfest in der Nordstadt sind sie Stammgast.

Fast bei jedem Auftritt stimmen die Frauen den russischen Schlager »Die Abende von Moskau« an. Im Register des Chores trägt er die Nummer 13. Das Besondere an der Heimatklang-Version ist, dass das Lied in russischer und deutscher Sprache gesungen wird. »Damit alle unsere Zuhörer den Text verstehen«, sagt Kallasch. Es symbolisiert auch, wie die Frauen zwei Kulturen miteinander in Einklang bringen wollen. Es zeigt ihr Streben, Herkunft und Heimat unter einen Hut zu bringen, Vergangenes zu pflegen und die Gegenwart anzunehmen. Das Lied hat einen langsamen Takt und Harmonien, die mit ihren Höhen und Tiefen die Zuhörer durch ein Wechselbad der Gefühle schicken. Es quillt nur so vor Sehnsucht über. Spätestens dann, wenn sich Gleichklang mit Mehrstimmigkeit abwechseln, ist sie da, die Gänsehaut.

Der russischen Seele wird ja nachgesagt, sie spiegele das Bedürfnis der Menschen wider, überall und unaufhörlich zu leiden. Der Chor, der sich donnerstags von 17.30 bis 19 Uhr trifft, beweist das Gegenteil. Im Grunde genommen geht es beim »Heimatklang« um das Wesentliche im Leben: Die Sehnsucht. Die Liebe. Und das Ankommen - endlich.

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