15. November 2013, 17:58 Uhr

Choreografenlegende Rui Horta am Stadttheater

Hatte die Tanzcompagnie Mitte Oktober gerade die Uraufführung von »Der Blick des Raben« hinter sich gebracht, musste die Hälfte der Gruppe schon wieder für die TiL-Produktion »Sleepwalker« proben. Kaum war dieses Premierenwochenende herum, stand mit Rui Horta Anfang dieser Woche schon der nächste Choreograf vor der Tür.
15. November 2013, 17:58 Uhr
Bringt südländisches Temperament ans Stadttheater: Choreografenlegende Rui Horta. (Foto: dkl)

Dieses Mal wird es nicht die gemeinsame Kreation eines neuen Tanzstücks, sondern die Einstudierung von zwei Stücken des Portugiesen aus den 90er Jahren. Möglich wird dies durch die Kulturstiftung des Bundes, die die Initiative Tanz Fonds Erbe gestartet hat und die Gießener Bewerbung finanziell unterstützt. Im Gegensatz zu anderen Kollegen entschied sich Ballettdirektor Tarek Assam für einen Choreografen der jüngeren Vergangenheit. Es gibt ein persönlichen Grund: »Als ich noch aktiver Tänzer in Düsseldorf war, gab es Anfang der 90er einen Geheimtipp in der Szene: der innovative Ansatz der S.O.A.P Company unter der Leitung von Rui Horta.«

Nicht nur Assam pilgerte regelmäßig zu den neuen Stücken in den Mousonturm Frankfurt, die Tanzszene war wie elektrisiert. Für Assam war es »die klarste Geburtsstunde des zeitgenössischen Tanzes«. Hortas Stücke aus dieser Zeit sind wegen ihrer »ungewöhnlichen Verknüpfung von überraschenden choreografischen Ideen und medialen Elementen mit dem Raum legendär«. Leider sei nach dem Weggang Hortas diese Art des Tanzens nicht weiterverfolgt worden, »junge Menschen kennen seine Stücke gar nicht mehr«, bedauert Assam. Darum ist es ihm wichtig, einen Teil davon wieder zu zeigen.

Horta ist einer der wichtigsten Vertreter des deutschen Tanzerbes. Er wirkt locker, ist gut gelaunt, strahlt Selbstbewusstsein aus. Auf die Frage, was diese Würdigung in ihm auslöst, sagt er: »Ich bin froh und dankbar. Die sieben Jahre in Frankfurt waren die wichtigsten in meinem Leben, dort habe ich meinen Stil entwickeln können. Dank Dieter Buroch, Leiter des Mousonturms, der mich holte und unterstützte, dank der großartigen Tänzer, die ich um mich versammeln konnte. Und überhaupt, Frankfurt in den 90ern war top in Sachen Kreativität und Weltoffenheit. Schließlich war es auch Bill Forsythe’s große Zeit. Wir waren alle miteinander befreundet und haben auch kooperiert.«

Wie kam er überhaupt nach Frankfurt? Schließlich ist er Portugiese, machte in Lissabon seine Tanzausbildung und war danach für zehn Jahre in New York. »Dieter Buroch bat mich um eine Gastchoreografie, die gut ankam, danach machte er mich zum Resident Choreographer.« Sein erstes Frankfurt-Stück studierte er mit Forsythe-Tänzern ein: »Ordinary Events« (1991). »Wir haben in einem Olympia-Sportzentrum geprobt und waren von diesen Athleten umgeben. Also haben wir deren Bewegungen in den Tanz aufgenommen, uns zunächst viele Verletzungen zugezogen. Heute gehört es zum Ausbildungsstandard, dass die Tänzer lernen zu fallen und zu fliegen ohne Angst. Damals war das neu.« Das Stück ist längst ein Klassiker, es ist mindestens 150-mal in der ganzen Welt aufgeführt worden, erzählt er. Auch in Gießen gehört es zur Auswahl. Zum zweiten Mal übrigens, 1999 hat Horta es zum ersten internationalen Tanzfestival unter dem damaligen Tanzchef Roberto Galvan hier einstudiert.

Horta ist als freier Choreograf unterwegs, hat mit allen namhaften Tanzcompanies der Welt gearbeitet, und wird nach wie vor als Vertreter des deutschen zeitgenössischen Tanzes angesehen. Wie kam es dazu? »Einfach vom hier leben. Ich stamme aus einem armen Land, habe zehn Jahre Weltstadt geschnuppert und kam dann in das saubere und geordnete Deutschland. Ich mochte das sofort, ich habe mich umgeschaut, ich mag die hessische Landschaft. Deutschland hat mich diszipliniert, hat meinen Stücken das Formale gegeben, zu dem wilden Südländischen, das ich ja mitbrachte. « Eine Tanzjournalistin fand dafür einen Vergleich, der ihm bis heute gefällt: ein polierter, präzise laufender deutscher Mittelklassewagen, der von einem verrückten Südländer gefahren wird.

1997 verließ er Frankfurt, weil dort heftige Einsparungen drohten, es schien Zeit für Neues zu sein. In München blieb er nur zwei Jahre, aber seine drei Kinder wurden dort geboren. Er ging mit Familie zurück nach Portugal, kaufte eine Klosterruine südlich von Lissabon und baute ein Kreativzentrum auf. Demnächst wird die TCG dort für eine Probenwoche zu Gast sein.

»Khora«-Rekonstruktion

»Khora« war sein letztes Stück im Mousonturm, sein »deutschestes Stück« wie er sagt, und sein wohl schwierigstes, weil es diffenziertes theatrales Können braucht. Es wurde noch nie rekonstruiert. Horta will sich darauf eingelassen, weil er in Gießen einen Assistenten für Proben hat, der einst bei S.O.A.P. Tänzer war: Dietmar Janeck. Der Name könnte aufmerksamen Zeitungslesern geläufig sein von Urheberhinweisen bei den Theaterfotografien. Es sei archäologische Arbeit für beide, alles muss von Videofilmen und aus handschriftlichen Notizen rekonstruiert werden. Doch ist er gut gestimmt, »das klappt, wir haben genug Zeit und es wird ganz speziell für Gießen.« Premiere ist am 22. Februar. Dagmar Klein



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