02. Mai 2019, 21:36 Uhr

»Dammbruch durch Sarrazin«

02. Mai 2019, 21:36 Uhr
E. Brähler

Im Osten ist jeder Dritte ausländerfeindlich, im Westen jeder Vierte, so die Erkenntnis einer von Professor Elmar Brähler vorgestellten Studie. Überraschend war die Feststellung, dass die stärksten Vorbehalte gegen Ausländer nicht 2015, also auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, sondern bereits 2012 ermittelt wurden. Brähler referierte bei der gemeinsamen Sitzung von Stadt- und Kreisausländerbeirat am vergangenen Dienstag, die diesmal auf der Studiobühne des Stadttheaters stattfand. Brähler hat von 1965 bis 1970 in Gießen studiert und lange mit Horst-Eberhard Richter zusammengearbeitet. Anschließend war er – wie er es salopp formulierte – als »Aufbauhelfer Ost« nach Leipzig gegangen. Grundlage seines Vortrags war eine Studie des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus und Demokratieforschung an der Universität Leipzig. Tim van Slobbe (Kreisausländerbeirat) und Zeynal Sahin (Ausländerbeirat der Stadt) warnten vor rechtsextremen Strömungen im Vorfeld der Europawahl.

Brähler erinnerte daran, dass die Menschen im Nachkriegsdeutschland der Gedankenwelt des Nationalsozialismus noch stark verhaftet gewesen seien. Auch zu Beginn der 1980er Jahre habe es den Wunsch nach einem starken Führer gegeben. Die Angst vor Überfremdung sei am stärksten dort, wo die wenigstens Migranten lebten, und dies obwohl die eigene wirtschaftliche Lage und die des Landes als gut bezeichnet würden. Als einen Dammbruch bezeichnete Brähler die Thesen von Thilo Sarrazin. Plötzlich sei es salonfähig geworden, sich ungehemmt gegen Muslime als neues Feindbild auszusprechen.

Rechtsextreme Tendenzen fand Brähler der Studie zufolge übrigens nicht vorwiegend allein in der AfD, sondern ebenso bei den Nichtwählern. Nichtwähler an die Wahlurne zu locken, würde demzufolge nicht automatisch eine Abwehr rechtsextremer Tendenzen bewirken, erklärte der Referent. Die für 2018 erhobenen Zahlen zeigten keine Zunahme von Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus, berichtete Brähler. Er beobachtet aber eine sinkende Schamschwelle und zunehmende Gewaltbereitschaft. Brähler bezeichnete autoritäre Strukturen als eine Hauptbedingung für rechtsextreme Einstellungen. Hinzu kämen Verschwörungsmentalität (bei Linken übrigens genauso wie bei Rechten), verweigerte Anerkennung und die Sorge vor gesellschaftlichem Abstieg.

Rechtsextreme Nichtwähler

Ein Zuhörer erinnerte daran, dass es an Stammtischen und in Familien schon immer einen »braunen Bodensatz« gegeben habe. Er riet dazu, sich von der Aggressivität und Flegelhaftigkeit der Rechtsextremen nicht anstecken zu lassen. (Foto: hin)

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