10. Januar 2019, 21:23 Uhr

»Dann sieht es zappenduster aus«

10. Januar 2019, 21:23 Uhr
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Von Harold Sekatsch

Dass nicht erlaubte Betäubungsmittel und Alkohol erheblichen Einfluss auf die Lebensqualität auch der Mitmenschen haben können, wurde jetzt vor dem Landgericht Gießen deutlich. Die Zweite Große Strafkammer unter dem Vorsitz von Jost Holtzmann hatte einen Überfall rechtlich zu würdigen, bei dem ein 21-jähriger Wiesecker versucht hatte, von einem Minicarfahrer Geld zu erbeuten.

Dass der junge Mann einerseits wohl eine Spielzeugwaffe zu Hilfe nahm, andererseits rund eine Minute mit »wuchtigen Schlägen« auf den ihm körperlich deutlich unterlegenen Minicarfahrer eingeprügelt und verletzt hatte, wertete die Kammer als schwere räuberische Erpressung. Diese war allerdings im Versuchsstadium stecken geblieben. Dennoch sah die Zweite Strafkammer den Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung als erfüllt an und verhängte eine Strafe von drei Jahren und sechs Monaten.

Seit der Tat befindet sich der Wiesecker in Untersuchungshaft. Bestandteil der Haftstrafe sind drei Monate im Vorwegvollzug; danach soll der alkohol- und drogensüchtige Straftäter in eine Entziehungsanstalt.

Wie der Angeklagte berichtete, habe er im Alter von »12, 13 Jahren« begonnen zu rauchen. Er trinkt seit seinem 15. Lebensjahr Alkohol, kam mit 16 Jahren mit Cannabis in Berührung und konsumiert seit drei Jahren Kokain und Amphetamine.

Auch kurz vor der Tat habe er Alkohol getrunken (eine Flasche Wodka, wie er berichtete) und Drogen zu sich genommen. Gefeiert habe er mit Bekannten in der Gießener Nordstadt.

Mit Spielzeugpistole zugeschlagen

Nachdem er die Feier verlassen hatte, orderte er am 17. September 2018 exakt um 0.41 Uhr telefonisch ein Minicar. Genau sieben Minuten später hatte der Fahrer an der Theodor-Litt-Schule in der Ringallee den vermeintlichen Fahrgast aufnehmen wollen. Dieser rieb ihm sofort eine Pistole – eine Spielzeugwaffe, die er kurz darauf weggeworfen habe, berichtete der Täter – unter die Nase, verlangte Bargeld und schlug unvermittelt auf den Fahrer ein. Rund eine Minute, konnte mithilfe einer Überwachungseinrichtung im Fahrzeug festgestellt werden.

Die Schläge hinterließen Spuren: ein gebrochenes Nasenbein sowie weitere Verletzungen im Gesicht, an Auge und Ohr. Er ließ erst von seinem Opfer ab, als dieses einen Notruf absetzte. Der Täter floh ohne Beute, wurde bei seiner Flucht aber beobachtet. Außerdem hatte er mit seinem Handy den Wagen bestellt und ganz offensichtlich die Rufnummernunterdrückung nicht aktiviert. Kurzum: Der Täter war schnell ermittelt, wurde am nächsten Tag festgenommen.

Zunächst war er alles andere als kooperativ, später aber in vollem Umstand geständig. Letzteres wirkte sich ebenso strafmildernd aus wie die Tatsache, dass der Angeklagte dem 66-jährigen Geschädigten, der unter der Tat auch in psychischer Hinsicht zu leiden hatte, eine Schmerzensgeldzahlung in Höhe von 2500 Euro zusicherte, dass der Täter unter Alkohol- und Drogeneinfluss stand (geschätzter Blutalkoholgehalt: 1,85 Promille) und dass der Raub nicht vollendet wurde. Das Gericht sah bei dem Täter außerdem eine »totale Unreife in einem fortgeschrittenen Alter«.

Der Angeklagte äußerte den Wunsch, in einer Entziehungsanstalt unterzukommen. Die Kammer kam diesem Wunsch nach, doch Richter Holtzmann verband dies mit einer eindringlichen Warnung: »Sollten Sie das nicht schaffen, dann sieht es zappenduster aus.«



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