19. August 2019, 21:38 Uhr

Das Risiko, »zu deutsch« zu sein

19. August 2019, 21:38 Uhr
Mit Postkarten wie dieser macht Wildwasser künftig stärker auf seine Hilfsangebote aufmerksam. (Foto: pm)

Eine 23-Jährige wird auf offener Straße von ihrem Bruder erschossen, weil sie angeblich zu »deutsch« lebte. Der »Ehrenmord« an Hatun Aynur Sürücü 2005 in Berlin hat eine Debatte über Zwangsehen und Werte in muslimischen Familien ausgelöst. Wie aktuell das Thema noch immer ist, zeigte das Echo auf den Film »Nur eine Frau« über den Fall Sürücü vor wenigen Monaten. Auch in Gießen gibt es Mädchen und Frauen, die übermäßiger Kontrolle ihrer Familien entfliehen möchten. Wohin sie sich wenden können, sei bisher zu wenig bekannt. Das sagt Barbara Behnen von der Beratungsstelle Wildwasser, die als einzige mittelhessische Institution beteiligt ist am neuen Projekt »Hessen gegen Ehrgewalt«.

Seit jeher kümmern sich die Wildwasser-Expertinnen um Opfer unterschiedlicher Formen von sexueller Gewalt. Dank einem ersten Landesvorhaben verstärkte der Verein seit 2015 seine Kontakte zu Migrantenorganisationen. Darauf baut das dreijährige Projekt auf, das - so fasst das Sozialministerium die Ziele zusammen - Versorgungslücken schließen, die Zusammenarbeit von Hilfsorganisationen verbessern und Vorurteile entkräften möchte.

In einigen Fällen hat Wildwasser bereits Mädchen und jüngeren Frauen geholfen, etwa einer drohenden Zwangsheirat zu entkommen und sich ein neues, möglichst sicheres Leben unabhängig von der Familie aufzubauen. Bei Gewalt, Missbrauch oder Genitalbeschneidung ist der Verein ebenfalls ein kompetenter Ansprechpartner.

Öffentlichkeitsarbeit wird ausgebaut

Den Klientinnen komme die gute Zusammenarbeit im Netzwerk gegen Gewalt zugute, an dem etwa Polizei, Familiengericht und Jugendamt beteiligt sind, erklärt Behnen. In jedem Einzelfall werde besprochen, ob und wie Kommunikation mit der Familie noch möglich ist, zumal den Mädchen der Schritt häufig schwer falle. »Es geht darum, die Gefährdung ernst zu nehmen und auf keinen Fall zu bagatellisieren - aber auch nichts zu dramatisieren.«

Die Förderung durch das neue Projekt hat ermöglicht, dass eine türkischsprachige Mitarbeiterin zur Verfügung steht. Verstärkt werden soll die Öffentlichkeitsarbeit, etwa mit Postkarten. Dabei arbeitet Wildwasser unter anderem mit der Stadt-Gleichstellungsbeauftragten Friederike Stibane zusammen. Schließlich wolle man die Überzeugungsarbeit in den »Communities« weiterführen. »Wir hören dort manchmal: Ehre ist doch nichts Schlechtes«, berichtet Barbara Behnen. Fragwürdig sei es aber, wenn der Begriff zur Rechtfertigung von Gewalt aus Tätersicht verwendet werde.

In »Intea-Klassen« sprechen Wildwasser-Mitarbeiterinnen mit jungen Flüchtlingen - getrennt nach Mädchen und Jungen - über sexuelle Gewalt. »Sie sind sehr aufgeschlossen und neugierig. Manche haben traditionelle Vorstellungen von Partnerschaft. Aber noch nie hat dort jemand offen Gewalt gutgeheißen.« Auch für Schulungen von Ehrenamtlichen, Lehrer/innen, Erzieher/innen oder Dolmetscher/innen ist der Verein zuständig und will »Synergieeffekte« nutzen.

Wildwasser ist ein Ansprechpartner für jüngere Betroffene sexueller Gewalt. Erwachsene Frauen können sich an die Frauenhäuser wenden und alle Betroffenen an die Polizei. Diese muss allerdings in der Regel offiziell tätig werden, wenn sie von Straftaten erfährt. Beratung gebe es auch für das gesamte Umfeld möglicherweise Betroffener, betont Barbara Behnen. Sie ist kostenlos und auf Wunsch anonym. »Auch wenn ein Mädchen von der Familie ins Ausland gebracht wurde, ist oft noch Hilfe möglich.«

Die Wildwasser-Beratungsstelle in der Liebigstraße 13 ist erreichbar unter Tel. 0641/76545 oder info@wildwasser-giessen.de.

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