29. Oktober 2018, 17:57 Uhr

Nach der Wahl

Das grüne Wunder in Gießen

»Gießen wählt Grün« lautete am Montag die Schlagzeile. Auch einen Tag nach der Landtagswahl sind die Protagonisten der grünen Politik in der Stadt angesichts des großen Erfolgs noch platt.
29. Oktober 2018, 17:57 Uhr

Von Marc Schäfer , 2 Kommentare

Mit 24,7 Prozent sind die Grünen zur stärksten Kraft in der Stadt aufgestiegen – mit deutlichem Vorsprung vor der CDU (21,9 Prozent) und der SPD (19 Prozent). In 17 der 76 städtischen Wahlbezirke lag die Partei zwischen 30 und 35 Prozent, in 16 weiteren zwischen 25 und 30 Prozent. Allein in fünf Wahlbezirken sammelte die Partei mehr Stimmen ein als CDU und SPD zusammen. Gießen hat am Sonntag Grün gewählt – das ist eine der deutlichsten Schlussfolgerungen der Landtagswahl für diese Stadt. Klaus-Dieter Grothe, Vorsitzender des Stadtverbands und Fraktionschef im Stadtparlament, war auch am Tag nach der Landtagswahl immer noch »platt«. »Bei dieser Wahl mit deutlichem Abstand stärkste Kraft in Gießen zu sein, macht mich sprachlos. Es ist toll, zu spüren, dass die Menschen uns vertrauen«, sagte Grothe. Der Kinder- und Jugendpsychiater hatte die Entwicklung am Sonntagabend im Türkei-Urlaub im Internet verfolgt.

Vor allen Dingen das Erststimmen-Ergebnis für Katrin Schleenbecker kam einem grünen Wunder gleich. In Gießen machte sie mit 22,3 Prozent aus dem Zweikampf um das Direktmandat einen Dreikampf. CDU-Bewerber Klaus Peter Möller war nur 0,3 Prozentpunkte besser – gerade 118 Stimmen. Das ist beachtlich, da die Grünen komplett auf einen expliziten Erststimmen-Wahlkampf verzichtet hatten. »Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Wir haben gar nicht um ein noch besseres Erststimmenergebnis gekämpft«, sagte Grothe. Das werde sich in Zukunft aber womöglich ändern. »Es kann sein, dass wir unsere Strategie ändern müssen, denn die Wahlen in Hessen und Bayern haben bewiesen, dass es im großen Stil keine Stammwähler mehr gibt«, betonte er.

Ich bin nicht aus dem politischen Nichts gekommen

Katrin Schleenbecker

Für Grünen-Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich überwog am Montag die Freude, dass »wir nach 20 Jahren wieder eine grüne Landtagsabgeordnete und damit direkten Draht nach Wiesbaden haben«. Die letzte Kraft dort war Karin Hagemann. Sie saß von 1991 bis 1997 im Landtag. Grund ihres Aus war damals die Wahl zur Bürgermeisterin in Gießen.

Weigel-Greilich will den in Aussicht stehenden Rückenwind aus Wiesbaden nutzen, um auch in Gießen grüne Projekte voranzutreiben. »Wir müssen Verkehr anders denken und unsere Bürger in der Stadt im Blick haben«, sagte die Bürgermeisterin. Auswirkungen auf die aktuelle Arbeit im Magistrat oder im Stadtparlament habe das positive Wahlergebnis aber erstmal nicht. »Wir werden weiter an den Koalitionsvereinbarungen arbeiten und nicht übermütig werden«, meinte Weigel-Greilich. Eine Lehre aus der Wahl solle sein, dass man sich als Politiker mit Inhalten und nicht mit sich beschäftigen sollte. Grothe stellte immerhin in Aussicht, dass man als Grüner nun noch selbstbewusster in interne Verhandlungen gehen könne.

Wir haben gar nicht um Erststimmen gekämpft

Klaus-Dieter Grothe

Für die neue Abgeordnete führte der Weg am Montag direkt nach Wiesbaden zu einer ersten Nachbesprechung der Wahl. Dort gab es Applaus und einen Blumenstrauß. Schleenbecker weiß, dass sie einen guten Teil des Ergebnisses dem Bundestrend zu verdanken hat. »Wir hatten Rückenwind aus Berlin, klar, ich bin aber auch nicht aus dem Nichts aufgetaucht. Durch meine Arbeit im Gemeindeparlament Heuchelheim und im Kreistag wissen die Leute, dass ich mich verlässlich und konstruktiv für grüne Inhalte einsetze«, betonte Schleenbecker. Das werde sie nun auch in Wiesbaden tun.

Die Grünen in Gießen haben Blut geleckt. »Wir haben in den letzten Jahren nicht so viel falsch gemacht«, sagte Grothe. Die Mitgliederzahlen seien deutlich auf knapp 150 gestiegen. Darunter seien viele junge Leute. »Diese Potenziale müssen wir für die weitere Arbeit nutzen.« Dass wir nun mit SPD und CDU auf Augenhöhe sind, kann Auswirkungen darauf haben, wie wir in Zukunft agieren. Das werden wir aber in Ruhe analysieren«, erklärte Grothe. Ob die Partei – nach 24,7 Prozent – zur nächsten OB-Wahl einen eigenen Kandidaten aufstellt, sei auch so eine Frage, die man in Ruhe erläutern müsse.

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