18. November 2019, 22:13 Uhr

Dem Teufel geht die Arbeit aus

18. November 2019, 22:13 Uhr
Der Künstler und seine Lektüre: David Bennent im Foyer des Stadttheaters. Foto: csk

Vor lauter Verzweiflung nimmt der Teufel schon Schmiergeld. Pawel Wassiljewitsch hingegen greift irgendwann nur noch beherzt zum Briefbeschwerer. Beides hat auf den ersten Blick denkbar wenig miteinander zu tun. Auf den zweiten dafür umso mehr. »Ein Drama« ist der beim Publikum augenscheinlich beliebteste Text, den der Schauspieler David Bennent am Sonntag im Stadttheater liest. Die Kurzgeschichte »Gespräch eines Betrunkenen mit einem nüchternen Teufel« hat dem Tschechow-Abend sogar seinen Namen gegeben. Mit diesen beiden sowie sechs weiteren Erzählungen macht Bennent aus den anderthalb Stunden zu Ehren des berühmten russischen Schriftstellers einen Heidenspaß.

Erkrankt an »Sargomanie«

Mühelos erweckt der Schweizer Interpret eine Figur nach der anderen zum Leben. Das gilt für Mitja Kuldarow, der in »Die Freude!« dank eines Unfalls in der Zeitung steht und dieses Glück kaum fassen kann. Es trifft auf den Erzähler von »Ein Scherz« zu, wie er der angehimmelten Nadeshda Petrowna rodelnd den immer gleichen Satz ins Ohr säuselt: »Nadja, ich liebe Sie.« Und es stimmt natürlich auch bei Iwan Petrowitsch Panichidin. Der arme Kerl findet nachts einen leeren Sarg in seiner Wohnung. Da ist er nicht der Einzige. Alle Betroffenen wähnen sich bereits an »Sargomanie« erkrankt, als ein Brief die Wahrheit verrät. Ein Freund will das Hab und Gut des zahlungsunfähigen Schwiegervaters retten. Der Pleitier wiederum ist ausgerechnet Sargtischler. So wird die vermeintliche Todesdrohung zum Vertrauensbeweis: Jeder Kumpel darf bis auf Weiteres einen Sarg vor den Gläubigern verstecken.

Dieses Muster zieht sich durch den Abend. Zunächst meint der geneigte Zuhörer, Tschechows Personal habe einen an der Waffel. Dann weckt Bennent zuverlässig Sympathie. Schließlich münden die durchaus sozialkritischen Episoden in herzhaftes Lachen. Unterwegs dahin steigt der Schauspieler schon mal zum Lesen auf den Tisch. Oder er bechert sekundenschnell drei Gläser Wodka - falls es nicht doch nur Wasser ist. Während seine Stimmbänder die Texte offenbar in- und auswendig kennen, scheint dem Gesicht jede Seite neu.

Bennents Mimik ist ein Vergnügen für sich, genauso das stimmhafte »S«. Dass der triste Lachmatov bei Tschechow sechs Gläser Wodka intus hat, bei Bennent aber 16, wirkt übrigens höchst plausibel. Wie sonst sollte der Betrunkene einen nüchternen Mephisto im Zimmer erspähen? Ein ehemaliger Beamter und ein »Teufel a. D.« - das kann ja heiter werden. Es wird ein Gespräch über Gott und die Welt. Fazit: Die Hölle ist auch nicht mehr das, was sie mal war. »Den Weg des Guten gibt es nicht mehr, wovon soll man die Leute noch abbringen?«.

Die Lesung endet mit einem heftigen Knall. Beziehungsweise mit einem stumpfen Schlag. Denn irgendwo zwischen der 16. Szene des ersten und der Mitte des zweiten Aktes erschlägt der renommierte Schriftsteller Wassiljewitsch die Muraschkina, eine gänzlich unbegabte Nachwuchsliteratin. Das Gießener Publikum kringelt sich bereits zu ihren Lebzeiten vor Lachen - und nach der Pointe sowieso: »Die Geschworenen sprachen ihn frei.«

Zum Gespräch ins Foyer

Seinen letzten Auftritt nutzt Bennent, der Botschafter von »Terre des Hommes« ist, für ein ernstes Statement. »In Berlin hält man Reden und in der Welt sterben Kinder unter deutschen Bomben«, kommentiert er am Volkstrauertag. »Das ist einfach nur traurig.« Ehe die Zuschauer im Foyer mit dem Künstler ins Gespräch kommen können, folgt die klitzekleine Zugabe. Etwas Tschechow noch. Und noch ein bisschen Bennent. Wie schön.

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