28. Januar 2019, 09:05 Uhr

Abtreibungsrecht

Demo in Gießen: 450 Menschen demonstrieren gegen Paragraf 219a

Hier startete die Kampagne gegen den Paragrafen 219a, nun ist Gießen eines der Zentren beim bundesweiten Aktionstag. Manche hat schon vor 40 Jahren für das Recht auf Abtreibung demonstriert.
28. Januar 2019, 09:05 Uhr
450 Frauen und Männer demonstrieren in Gießen für die Streichung des Strafgesetzbuch-Paragrafen 219a. Kristina Hänel, Initiatorin der Kampagne, betont bei der Abschlusskundgebung: »Es geht um grundlegende Freiheits- und Menschenrechte.« (Fotos: kw)

Erneut reckt Kristina Hänel den Kleiderbügel aus Draht in die Höhe. 450 Menschen jubeln. Die Ärztin weist zum Abschluss der Demonstration am Samstag hin auf ihre Botschaft: Bei der Debatte um den Strafgesetzbuch-Paragrafen 219a geht es nicht um die Frage, ob Frauen eine ungewollte Schwangerschaft beenden (dürfen). Es geht um das Wie, um ihre Würde, Gesundheit und ihr Leben. »Alle elf Minuten stirbt eine Frau irgendwo auf der Welt an den Folgen einer nicht fachgerecht durchgeführten Abtreibung«, steht auf einem Transparent – zum Beispiel weil sie es selbst versucht mit Kleiderbügel, Stricknadeln oder Seife.

 

Patientinnen beschimpft

Auch in Deutschland drohten wieder solche Zustände, sagt die 62-Jährige bei der Abschlusskundgebung. »Ich empfinde es als eine Frage des Gewissens, Frauen eben nicht die für sie notwendige Hilfe zu verweigern.« In ihrer Gießener Praxis erlebe sie allwöchentlich Patientinnen, die anderswo »desinformiert« oder »beschimpft« worden seien.

Die flächendeckende Versorgung werde immer schwieriger, so lange radikale Abtreibungsgegner Ärztinnen und Ärzte nach dem Paragrafen 219a anzeigen können, weil diese sachlich darüber informieren, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen. So wie Hänel selbst, die im Herbst 2017 zu 6000 Euro Geldstrafe verurteilt wurde.

 

"Ich möchte, dass meine Töchter selbst entscheiden können"

Seitdem ist viel passiert. Nicht nur für die Allgemeinmedizinerin selbst: Ihre Kampagne für die Streichung des Paragrafen hat weithin für Aufmerksamkeit gesorgt und ist nach wie vor ein Stresstest für die Große Koalition. Viele betrachten Hänel als »Heldin«, andere schicken ihr Morddrohungen.

In Bewegung gebracht hat sie auch viele Frauen und Männer, die an diesem Tag überall in Deutschland auf die Straße gehen. Zum Beispiel die 64-jährige Heidi Appel – vier Kinder, zehn Enkel –, die am Morgen vor ihrer »Demo-Schublade« gestanden und mit ihren Töchtern diskutiert hat, ob sie die Ratsche mitnehmen. »Schlimm, dass wir schon vor über 40 Jahren für diese Frauenrechte auf die Straße gegangen sind und das nach wie vor nötig ist.« Ihre Tochter Elisabeth Appel pflichtet bei: »Als Mutter von drei Kindern möchte ich selbst darüber entscheiden, ob ich eine Schwangerschaft austrage oder nicht. Und ich möchte, dass auch meine Töchter noch diese Möglichkeit haben.«

 

Appelle an die SPD

Im Medizinstudium spielt der Eingriff »nur eine sehr kleine Rolle«, erklärt Nabor Keweloh, der wie einige Kommilitoninnen im weißen Kittel mitdemonstriert. Grundsätzlich gebe es »patriarchalische Strukturen« an dem Fachbereich der Justus-Liebig-Universität. »Wir gründen derzeit eine Gruppe kritischer Mediziner*innen.«

Als Juso-Mitglied gehört Keweloh zu den vielen SPD-Aktiven, die auf ein Einlenken ihrer Partei in Berlin hoffen. »Sozialdemokraten, ihr dürft uns nicht verraten«, schallt es durch den Seltersweg. Es folgt der Sprechchor-Klassiker: »Ob Kinder oder keine, entscheiden wir alleine«, die Frauenfigur an den Drei Schwätzern wird dekoriert: »Mein Bauch gehört mir.« Hier wird ein Grußwort der Frauenbeauftragten der Stadt verlesen. Friederike Stibane geißelt die »beschämende Posse« in Berlin.

 

"Wir werden nicht ruhen"

Die deutschen Gesetze dürften sich nicht einer »religiös-ideologisch agierenden Minderheit« beugen, sagt Hänel am Schluss auf dem Kirchenplatz unter Beifall. Eine Mehrheit im Bundestag sei für die Streichung des Paragrafen: »Aber sie handeln nicht danach.« Die Ärztin weist darauf hin, dass Deutschland bereits 1974 das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau der Vereinten Nationen unterzeichnet hat. Dieses »CEDAW« ächte die Kriminalisierung von Abtreibung.

Stolz blickt Hänel auf die Menge, die zu den größten bei den deutschlandweit 30 Veranstaltungen gehört. »Gießen ist gar nicht so mittelmäßig, wie Georg Büchner mal behauptet hat.« Mitorganisatorin Heike Spohr verspricht: »Wir werden nicht ruhen, bis der 219a endlich weg ist.«

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