05. Februar 2018, 07:00 Uhr

Wertstoffhof

Der Gießener Wertstoffhoff: Friedhof der Kuscheltiere und Röhrenfernseher

Plüschtiere, Toaster, Batterien und immer wieder Röhrenfernseher: Der Gießener Wertstoffhof in der Lahnstraße verzeichnet Hochbetrieb. Es gibt aber auch Dinge, die haben hier nichts verloren.
05. Februar 2018, 07:00 Uhr

Es ist kurz vor 13 Uhr, die Mittagspause im Wertstoffhof neigt sich dem Ende entgegen. Zahlreiche Lastwagen, Transporter und Pkw warten darauf, dass sich das große Tor endlich öffnet. Dann ist es soweit. Mitarbeiter Andrej Gudovic schlurft zum Eingang und betätigt die mechanische Öffnung. Die Blechkarawane setzt sich in Gang. Beim Herausfahren wird sie etliche Kilo leichter sein.

Der Wertstoffhof in der Lahnstraße ist Gießens Resterampe. Jeder Landkreisbewohner darf pro Jahr jeweils zweimal Bauschutt, Grünabfälle, Mineralwolle und Sperrmüll kostenlos entsorgen, aber auch CDs, Batterien und Elektrogeräte. Wer öfter kommt oder mehr Müll loswerden will, muss zahlen.

Auch Benjamin Habenicht ist an diesem Mittag auf das 7000 Quadratmeter große Areal gekommen. Nicht als Kunde, sondern als Abfallberater des Landkreises. Während er in dem kleinem Anmeldehaus steht und über die Nutzungsbedingungen berichtet, sitzt ein Kollege am Fenster und kümmert sich um die Kundschaft. Er kontrolliert Ausweise, dirigiert die Fahrer zu den Containern und schätzt ab, ob die Mengen noch als kostenfrei durchgehen, ob der die Fahrzeuge auf die 22 Meter lange Waage müssen. »Wir haben hier pro Jahr bestimmt 160 000 Vorgänge«, sagt der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung geschrieben sehen will. Er grinst: »Sonst muss ich meinen Fußballkumpels eine Runde ausgeben.«

Elektrogeräte haben eine kürzere Haltbarkeit als früher

Benjamin Habenicht

Leere Bierflaschen haben in den 19 Containern nicht zu suchen. Aber auch wenn jemand mit Gegenständen kommt, die hier nicht entsorgt werden können, wird er nicht ratlos nach Hause geschickt. »Als Landkreis sind wir entsorgungspflichtig. Wir müssen den Leuten zumindest aufzeigen, wo sie ihre Sachen hinbringen können«, sagt Habenicht. Sein Kollege nickt: »Ich hatte hier schon einen Jäger, der Munition abgeben wollte. Er war alt und konnte nicht mehr gut sehen. Ich habe sie dann bei uns in einem Stahlschrank weggeschlossen und später der Polizei übergeben.«

Während die Männer erzählen, herrscht draußen reger Betrieb. Aus Kofferräumen und Anhängern fliegt Sperrmüll in die Container. Auf der anderen Seite pressen Baggerschaufeln die Müllberge zusammen, bevor sie per Lastwagen in alle Himmelsrichtungen verteilt werden. Der Gießener Müll, jeden Monat sind es über 500 Tonnen, wird von Partnerbetrieben entsorgt oder recycelt.

Habenicht hat das Anmeldehäuschen verlassen und schaut sich das Treiben aus der Nähe an. Ob die Leute heute mehr wegwerfen als früher? »Zumindest ist die Fluktuation heute höher. Vor allem Elektrogeräte haben eine kürzere Haltbarkeit.« Und das sei kein Zufall: Habenicht verweist auf die »geplanten Obsoleszenz« (siehe Kasten).

Und selbst Neuware landet mitunter in den Containern. »Es ist verrückt«, sagt Mitarbeiter Gudovic, der sich zu Habenicht gesellt hat. »Manchmal sind die Elektrogeräte sogar noch originalverpackt.« Aus den Containern herausholen sei jedoch tabu. »Wir dürfen den Leuten auch nicht beim Auslanden helfen«, sagt Gudovic mit Blick auf ein älteres Ehepaar, das sich gerade mit einem Schrank abmüht. Habenicht nickt: »Jeder muss alles selber entsorgen.« Das liege am Versicherungsschutz. Ein Mitarbeiter könnte schließlich den Autolack beschädigen.

Immerhin landen nicht alle Gegenstände in der Schrottpresse. In der kleinen Hütte ist ein Verschenkemarkt aufgebaut. Wer will, kann sich hier einmal pro Tag eine Tasche voll mitnehmen. Vor allem Geschirr und Gläser stehen in den Regalen, aber auch eine kleine Plattensammlung wurde abgegeben. Obenauf liegt das Album »Deep Purple in Rock«, ein richtungsweisender Klassiker, auf dem nicht nur »Child in Time«, sondern auch »Into the Fire« zu finden ist. Wie passend: Auch Gießener Müll landet im Feuer. Und zwar in Heizkraftwerken. (Fotos: Schepp)

Was ist Obsoleszenz?

Mit geplanter Obsoleszenz ist nach Angaben der Stiftung Warentest gemeint, dass Hersteller die Lebensdauer ihrer Produkte bewusst verkürzen, um mehr zu verkaufen. Eine Möglichkeit ist es demnach, Schwachstellen einzubauen, damit Geräte frühzeitig verschleißen. In die Definition der Stiftung fallen auch erschwerte Reparaturen – etwa, wenn es keine Ersatzteile (mehr) gibt oder eine Reparatur sehr teuer ist. (dpa)

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